Aktualisiert 27.11.2009 09:33

Very british

Komasaufen wird zum beliebtesten Volkssport

Nacht für Nacht wiederholen sich die Szenen: Junge Frauen torkeln durch britische Strassen, krümmen sich nach vorne, werden gestützt, weil sie alleine nicht mehr gehen können. Sie sind am Ende eines nächtlichen Sauf-Marathons. Eine Nation sorgt sich um ihre Frauen.

Frauen übergeben sich am nächstbesten Hauseingang oder liegen einfach regungslos auf dem Trottoir. Lallendes Geschrei dröhnt durch die Strassen.

Bilder wie diese gehen regelmässig durch die Presse und machen auf eine Vorliebe aufmerksam, bei der die Britinnen weltweit spitze sind: Trinken bis zum Umfallen. Vor allem am Wochenende entwickelt sich das Komasaufen anscheinend zum Volkssport Nummer eins.

«Das ist eine richtige Kultur geworden», sagt Tom, der in einem Pub am Londoner Leicester Square hinter der Schank steht. Mittlerweile sei das ein Problem.

Während er weiter ein Bier nach dem anderen zapft, sitzt draussen eine Gruppe junger Frauen, jede mit mindestens einem geleerten Pint- Glas und einem halbvollen vor sich. «Es gehört halt nach der Arbeit dazu», sagt eine und trinkt ihr Bierglas aus.

Kampftrinken schon in jungen Jahren

Doch bei vielen Frauen ist nach zwei Pints - das ist rund ein Liter - noch lange nicht Schluss. Komasaufen sei unter Britinnen mehr als doppelt so häufig verbreitet wie bei Frauen in jeder anderen Nation, berichtet Ian Gilmore, Präsident des Royal College of Physicians.

Und die Frauen beginnen damit bereits in jungen Jahren, wie eine jüngst veröffentlichte Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigte.

So war etwa jedes dritte Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren schon mindestens zweimal betrunken. Und gut ein Viertel der jungen Britinnen im Alter zwischen 16 und 24 Jahren gab in einer Umfrage zu, sich mindestens einmal pro Woche fast bis zur Bewusstlosigkeit zu betrinken.

Grund für das Alkoholproblem ist auch ein Bewusstseinswandel: Es sei mittlerweile «gesellschaftlich akzeptiert», wenn Frauen betrunken seien, erklärte Gilmore.

Und das gelte nicht nur für Mädchen, die sich durch Trinken Gruppenzugehörigkeit und Selbstbewusststein erhofften. Betroffen seien auch ältere Frauen, die nach der Arbeit mit den männlichen Kollegen im Pub mithalten wollten.

Auch Pub-Besucher Nick hält die zunehmende Gleichberechtigung vor allem im Berufsleben für einen Grund, dass Frauen zum Glas greifen. Vor 20 Jahren hätten noch nicht so viele ihr eigenes Geld verdient und sich grosse Mengen Alkohol leisten können, sagt er. Männer hingegen hätten schon immer viel getrunken.

Zunahme der Gewalt

Doch durch den exzessiven Alkoholkonsum schädigen sich die Frauen nicht nur gesundheitlich. Sie sind offenbar auch gewalttätiger geworden: In den vergangenen zehn Jahren erhöhte sich die Zahl der Gewalttaten unter Frauen um 81 Prozent, wie die Regierung Ende Oktober bekanntgab.

Besonders deutlich war der Anstieg bei Körperverletzungen: Wurden 1998 noch rund 3200 Frauen dafür verurteilt, waren es für das Berichtsjahr 2007 mehr als 8000.

Die Opposition führt dies auf das Komasaufen zurück und fordert, Hochprozentiges stärker zu besteuern und Billigangebote in Supermärkten zu verbieten. Dem schliesst sich Gilmore an und fordert zudem, Lockangebote in Bars und Pubs und übermässige Alkoholwerbung, die sich oft an junge Frauen richtet, zu verbieten.

(sda)

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