Tödliche Unfälle: Kommen Fahrverbote für LKWs ohne Hilfssysteme?
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Tödliche UnfälleKommen Fahrverbote für LKWs ohne Hilfssysteme?

Mehrere Unfälle mit Lastwagen forderten in den letzten Wochen Todesopfer, darunter Kinder. Trotzdem ist der Widerstand gegen Assistenzsysteme gross.

von
ehs

«Ganze Fahrzeuge verschwinden vor dem Spiegel»: Das erlebt Lastwagenfahrer Philippe Höflin. (Video: G. Brönnimann)

Ein zehnjähriger Junge läuft über den Fussgängerstreifen und wird dabei von einem Lastwagen erfasst. Sein Bruder muss mit ansehen, wie er noch auf der Unfallstelle stirbt. Der Fahrer hatte den Jungen wohl übersehen. Der Unfall ereignete sich im Dezember 2018 in Effretikon ZH. Er ist kein Einzelfall.

Am 27. Mai verletzte sich ein Achtjähriger in Erlinsbach AG schwer, als ihn ein Lastwagen erfasste. Er war auf dem Trottoir unterwegs, als der Lastwagen zu einem Supermarkt einbiegen wollte und ihn erfasste. Am Donnerstag fuhr ein zehnjähriger Bub mit einem Kollegen mit dem Velo durch Moosleerau AG. Er stürzte – und war wenige Sekunden später tot. Ein herannahender Lastwagen konnte nicht ausweichen und erfasste den Buben. Die Retter konnten nichts mehr für den Primarschüler tun.

In den letzten Monaten wurden weitere ähnliche Vorfälle registriert (siehe Bildstrecke). Im Jahr 2018 starben 15 Menschen, die zu Fuss oder auf dem Velo unterwegs waren, bei Unfällen mit schweren Motorfahrzeugen. Das zeigen Daten der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU). Weitere neun Personen waren auf einem motorisierten Gefährt unterwegs, als sie bei einer solchen Kollision ihr Leben verloren.

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Am 6. Juni 2019 wird in Moosleerau AG ein 10-jähriger Junge von einem Lastwagen erfasst. Dabei wird er tödlich verletzt.

Am 6. Juni 2019 wird in Moosleerau AG ein 10-jähriger Junge von einem Lastwagen erfasst. Dabei wird er tödlich verletzt.

Kantonspolizei Aargau
Zwei Buben fuhren mit Velos ineinander. Einer stürzte und wurde von einem herannahenden Lastwagen erfasst, so die Kantonspolizei Aargau.

Zwei Buben fuhren mit Velos ineinander. Einer stürzte und wurde von einem herannahenden Lastwagen erfasst, so die Kantonspolizei Aargau.

20M
Einen Tag zuvor war es in Zürich-Witikon zu einem Unfall mit einem Lastwagen gekommen. Dieser hatte den Töff einer Pöstlerin übersehen, sie wurde verletzt und musste ins Spital geflogen werden.

Einen Tag zuvor war es in Zürich-Witikon zu einem Unfall mit einem Lastwagen gekommen. Dieser hatte den Töff einer Pöstlerin übersehen, sie wurde verletzt und musste ins Spital geflogen werden.

Google Street View

Viele Unfälle ereignen sich, weil die Fahrer wegen der Vielzahl von toten Winkeln andere Verkehrsteilnehmer nicht erkennen. Weil die Unfallzahlen nicht zurückgehen, sondern im Gegenteil eher noch steigen, haben die Stadtpolizeien Zürich und Winterthur vor einigen Monaten sogar einen Fernsehspot produziert, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen.

Philippe Höflin fährt für die Firma Eberhard Lastwagen. Er kennt das Problem. «Es ist mir schon ein paar Mal passiert, dass ich jemanden fast nicht gesehen habe», sagt er. Glücklicherweise sei nie etwas passiert. «Tote Winkel haben wir heute sogar noch mehr», so der Fahrer. Die Spiegel seien zwar grösser geworden und böten nach hinten mehr Überblick, nach vorne beschränkten sie die Sicht aber. «Zum Teil verschwinden ganze Fahrzeuge wegen dem Spiegel», sagt Höflin (siehe Video oben).

Fahrverbote für alte Fahrzeuge?

Neuartige Assistenzsysteme könnten solche Unfälle verhindern. Abbiegeassistenten warnen etwa Lastwagenfahrer vor Fussgängern und Velofahrern im toten Winkel, Heck-Kameras ermöglichen den Blick nach hinten. Auch Höflins Lastwagen ist mit solchen Systemen ausgerüstet. Pflicht sind sie aber nicht, und viele Fahrzeuge verkehren weiterhin ohne. In der EU sollen viele der Systeme ab 2022 Pflicht werden. In der Schweiz hingegen hat das Parlament kürzlich ein Postulat von GLP-Präsident Jürg Grossen abgelehnt, in dem er forderte, den Nutzen von Assistenzsystemen zu prüfen.

«Das Parlament gehört leider noch zur Mehrheit zur alten Schule», sagt Grossen. Noch nicht einmal die Wirkung der Systeme wolle es untersuchen. «Es ist klar, dass Assistenzsysteme in Fahrzeuge gehören», so Grossen. Sie würden helfen, die Sicherheit zu verbessern. «Abbiegeassistenten für Lastwagen halte ich beispielsweise für nötig.» Es reiche nicht, sich damit zufrieden zu geben, dass andere Länder etwas machten. «Künftig müssen wir uns überlegen, gewisse Abschnitte mit erhöhter Gefahr wie etwa Tunnels nur noch von Fahrzeugen mit entsprechenden Assistenzsystemen befahren zu lassen.»

Sind Systeme kontraproduktiv?

SVP-Nationalrat und Transportunternehmer Ulrich Giezendanner sagt: «Ich befürworte Assistenzsysteme. Für die Sicherheit sind sie sehr wichtig.» Trotzdem stimmte er gegen das Postulat. In der EU würden die Systeme sowieso Pflicht, und die Schweiz habe keine eigene Autoindustrie, sagt er. Neue Lastwagen seien schon mit Assistenzsystemen ausgerüstet. Ältere könnten nicht immer nachgerüstet werden. «Das kostet sehr viel Geld», sagt Giezendanner. Zudem sei ein Nachrüsten nicht immer möglich. Kameras von Lastwagen etwa, die in Kiesgruben unterwegs seien, würden schnell verdreckt und seien dann nutzlos.

Die BFU empfiehlt den Transportunternehmen hingegen den nachträglichen Einbau solcher Systeme. «Assistenzsysteme haben ein sehr hohes Unfallvermeidungspotenzial», sagt BFU-Sprecher Marc Bächler. «Ein Lastwagenfahrer kann wegen des teils eingeschränkten Sichtfelds nicht alles sehen. Man sollte sich nicht im toten Winkel aufhalten. Gerade ein Kind kann das aber nicht immer genügend abschätzen. Deshalb sollte der Fahrer mit technischen Mitteln unterstützt werden», so Bächler.

Der Schweizer Nutzfahrzeug-Verband Astag steht gesetzlichen Vorschriften für Assistenzsysteme kritisch gegenüber. «Bei so tragischen Vorfällen ist klar, dass die Forderung danach schnell kommt», sagt Astag-Vizedirektor André Kirchhofer. Dafür habe der Verband Verständnis. «Das Risiko lässt sich aber im Strassenverkehr nie ausschalten.»

Was man gegen Lastwagen-Unfälle tun kann

Dr. André Kirchhofer, Vizedirektor vom Schweizerischen Nutzfahrzeugverband ASTAG, äussert sich zu Sicherheitssystemen von LKWs.
(Video: G. Brönnimann)

Astag-Vizedirektor André Kirchhofer sagt, was seine Branche gegen Unfälle unternimmt. (Video: G. Brönnimann)

Technische Systeme könnten sogar kontraproduktiv sein, weil sie eine falsche Sicherheit vorgaukelten. Der Verband stellt sich auch gegen eine Heckkamera-Pflicht. «Das ist nicht praktikabel», sagt Kirchhofer. «Man muss immer aufmerksam sein», sagt er. «Das gilt für Chauffeure und für alle anderen Verkehrsteilnehmer.»

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