Eingeschränkte Öffnungszeiten: Kommen wegen Corona jetzt die Roboter-Shops?
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Eingeschränkte ÖffnungszeitenKommen wegen Corona jetzt die Roboter-Shops?

Ab 19 Uhr und am Sonntag sind alle Läden dicht. Nicht einmal ein Sandwich kann man abends noch kaufen. Das könnte automatisierten Ladenformaten Auftrieb verleihen.

von
Dominic Benz

Corona könnte automatisierten Läden Aufschub verleihen. So funktioniert der Einkauf in der Avec-Box.

20 Min

Darum gehts

  • Der Bund hat die Öffnungszeiten für Läden beschränkt.

  • Einkaufsmöglichkeiten bieten derzeit fast nur noch Automaten.

  • Schon seit vor der Krise tüfteln Detailhändler an automatisierten Shops.

  • Laut einem Experten könnten solche Formate durch die Krise einen Aufschwung erleben.

Schweizer können momentan nur noch bis 19 Uhr einkaufen. Danach müssen alle Läden dichtmachen – auch am Sonntag. Das hat der Bundesrat am vergangenen Freitag wegen der hohen Corona-Fallzahlen beschlossen. Die Verordnung gilt vorerst bis 22. Januar.

Doch wo kann man jetzt abends noch Milch, WC-Papier oder Brot kaufen? Möglich ist das etwa bei Automaten. Und solche gibt es immer häufiger. «Seit Ausbruch der Krise ist bei uns die Nachfrage nach Automaten stark gestiegen», sagt Daniel Büchel zu 20 Minuten. Er ist Chef der Firma Leomat, die Getränke- und Verpflegungsautomaten entwickelt und betreibt.

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Boom bei Hofläden

Laut Büchel werden die Maschinen derzeit vor allem von Restaurants und Hotels nachgefragt. «Die Automaten ersetzen die Öffnungszeiten.» Verbreitet seien sie derzeit noch vorwiegend auf dem Land. So gehören auch Hofläden vermehrt zu den Kunden von Leomat. «Sie suchen Lösungen, um Obst, Joghurt, Käse oder Fleisch auch ohne Bedienung zu verkaufen», sagt Büchel.

Einen Ansturm erleben derzeit die Automaten von Selecta. Vor allem am Wochenende hat die Sperrstunde zu einem Run auf die Automaten geführt: Die Verkaufszahlen in der Deutschschweiz sind um 30 Prozent gestiegen, wie Selecta gegenüber 20 Minuten bestätigt. «Einige Selecta-Automaten wie in Oerlikon ZH haben sogar bis zu fünfmal so viel verkauft wie an normalen Tagen», sagt eine Sprecherin.

Beschränktes Angebot

Nachteil der Automaten ist aber das beschränkte Angebot. Da gehen automatisierte Ladenkonzepte weiter. Ein solches ist etwa die Avec-Box von Valora. Die Kioskbetreiberin testet seit vergangenem Jahr den Laden ohne Kasse. «Insbesondere die Avec-Box bei der ETH hat gerade auch während der Corona-Krise grossen Kundenzuspruch erfahren», sagt Valora-Sprecherin Christina Wahlstrand. Auch die Migros-Tochter Migrolino testet mit Pick-me 24/7 einen Roboterladen, der wie ein übergrosser Automat funktioniert (siehe Box).

Das Problem: Obwohl die automatisierten Shops für den 24-Stunden-Einkauf gedacht sind, mussten sie den aktuell vorgegebenen Öffnungszeiten des Bundes angeglichen werden. Einkaufen im Roboterladen ist am Abend daher nicht möglich. «Aus organisatorischen Gründen haben wir auch die Öffnungszeiten der Pick-me 24/7 angepasst», teilt die Migros mit. Auch die Avec-Boxen machen zur gleichen Zeit dicht. Das vor allem darum, weil sich wie in normalen Läden mehrere Kunden im Shop aufhalten können.

«Krise drängt zu Verhaltensänderungen»

Insofern bieten solche automatisierten Shops derzeit keine Alternativen fürs Einkaufen am Abend. Dennoch könnten solche Konzepte gerade wegen der Krise einen Aufschwung erleben. Laut Marketingprofessor Stefan Michel von der IMD Business-School in Lausanne sind Konsumenten gerade jetzt empfänglich für Neuheiten.

«Die Krise drängt einen zu Verhaltensänderungen.» Das habe sich bei Sitzungen per Video gezeigt. Mittlerweile seien Videochats ein Teil der Sitzungskultur, sagt Michel. «In dieser Hinsicht ist die Corona-Krise ein Beschleuniger.» Das zeige sich auch beim Onlineshoppen, das in der Krise weiter angezogen habe.

Für einen solchen Trend brauche es aber ein genügend grosses Angebot. Und dieses sei gerade bei automatisierten Shops noch klein. «Je mehr Leute aber solche neuen Konzepte ausprobieren, desto besser und grösser wird das Angebot», ist Michel überzeugt.

Letztlich könnten Automaten fast genau so viel bieten wie klassische Läden und seien erst noch 24 Stunden am Tag verfügbar. Normalerweise geht es laut dem Experten über 10 Jahre, bis die Konsumenten auf Neuheiten ansprechen. «Bei automatisierten Shops könnte es nun aber sehr viel schneller gehen.»

Kein Thema bei Coop

Die Migros teilt mit, dass man fortlaufend Konzepte prüfe, um das Einkaufen sowohl online als auch offline für die Kunden so einfach wie möglich zu gestalten. Insgesamt seien vorerst drei Pick-me-Shops geplant.

Valora möchte mit der Avec-Box vorerst weiter Erfahrungen sammeln. Zu weiteren ähnlichen Formaten könne man daher momentan nichts sagen. «Ganz generell forciert Valora aber die Entwicklung neuer digitaler Convenience-Lösungen als Reaktion auf das sich weiter verändernde Konsumentenverhalten», so die Sprecherin. Bei Coop heisst es, dass aktuell automatisierte Shops kein Thema seien.

Automaten von Valora und der Migros

Die Kioskbetreiberin Valora testet seit vergangenem Jahr den kassenlosen Laden. Das Konzept ist massgeblich von Amazon Go inspiriert. Gedacht ist, dass Kunden rund um die Uhr hier einkaufen können. Geöffnet wird der Laden via App. Auch die Bezahlung erfolgt über das Smartphone. Die Avec-Box bietet rund 1000 Artikel. Eine steht derzeit in Wetzikon ZH und eine auf dem ETH-Campus Hönggerberg ZH.

Einen Roboterladen prüft seit Anfang Jahr die Migros-Tochter Migrolino. Er steht aktuell in Dietikon ZH. Der sogenannte Pick-me-Shop bietet über 400 Artikel und ist für Einkäufe rund um die Uhr konzipiert. Roboterarme greifen im Lager nach den gewählten Produkten und bringen sie zum Kunden. Bei der Präsentation des Shops teilte Migrolino mit, die Automaten sollten später im ganzen Land zu sehen sein – zuerst an kleineren Tankstellen und später auch in Wohngebieten.

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