Nachbarländer machen vorwärts – Kommen wir bald nur noch mit Zertifikat an den Arbeitsplatz?
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Nachbarländer machen vorwärtsKommen wir bald nur noch mit Zertifikat an den Arbeitsplatz?

In verschiedenen europäischen Ländern ist sie schon umgesetzt, in der Schweiz stösst sie auf Skepsis: die 3G-Regel am Arbeitsplatz. Ganz vom Tisch ist sie aber noch nicht.

von
Daniel Graf
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Ob im Verkauf, im Büro oder auf der Baustelle: Grundsätzlich dürfen Firmen von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein Zertifikat verlangen. 

Ob im Verkauf, im Büro oder auf der Baustelle: Grundsätzlich dürfen Firmen von ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ein Zertifikat verlangen.

20min/Simon Glauser
Verlangen die Firmen ein Zertifikat, müssen sie Gratistests anbieten. 

Verlangen die Firmen ein Zertifikat, müssen sie Gratistests anbieten.

20min/Celia Nogler
Verweigert ein Mitarbeitender die Gratistests, ist es grundsätzlich auch zulässig, die Lohnzahlung zu verweigern, erklärt ein Arbeitsrechtler. 

Verweigert ein Mitarbeitender die Gratistests, ist es grundsätzlich auch zulässig, die Lohnzahlung zu verweigern, erklärt ein Arbeitsrechtler.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • In Italien darf nur noch arbeiten, wer ein gültiges Covid-Zertifikat hat. Auch Deutschland und Österreich bereiten sich darauf vor.

  • Damit würde der Druck auf Ungeimpfte erneut erhöht, es würden viel mehr Tests nötig.

  • Politik, Wirtschaft und Experten sehen für die Schweiz derzeit noch keinen dringenden Handlungsbedarf für eine weitere Zertifikatsausweitung.

In Italien gilt sie bereits, in Österreich kommt sie am 1. November und auch in Deutschland wird über die 3G-Regel am Arbeitsplatz diskutiert. Sprich: Wer zur Arbeit will, muss ein gültiges Covid-Zertifikat vorweisen. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss sich regelmässig testen lassen.

In der Schweiz ist es bislang den Firmen überlassen, ob sie ein Zertifikat verlangen oder nicht. Insbesondere in der Gesundheitsbranche kommen Arbeitnehmende teils kaum mehr um ein Zertifikat herum, so etwa in Zürich. Es ist aber auch Unternehmen aus allen anderen Branchen freigestellt, eine Zertifikatspflicht einzuführen – allerdings unter gewissen Bedingungen. So müssen den Arbeitnehmenden etwa Gratistests angeboten werden, wie Arbeitsrechtler Nicolas Facincani erklärt. Jüngst hat eine Sicherheitsfirma angekündigt, Mitarbeitenden ohne Zertifikat keinen Lohn mehr zu bezahlen.

«Entscheid soll bei den Firmen bleiben»

Wirtschaftsverbände stehen einer gesetzlichen Zertifikatspflicht skeptisch gegenüber. «Ich halte eine vom Staat verordnete Zertifikatspflicht am Arbeitsplatz für falsch», sagt etwa Rudolf Minsch, Chefökonom beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse. «Es kann Ausnahmen geben, wo das Sinn macht, etwa im Gesundheitswesen, in Bereichen wo man viel Kundenkontakt hat oder in Grossraumbüros. Der Entscheid soll aber den Firmen überlassen werden. Eine allgemeine Pflicht ist auch aufgrund der epidemiologischen Lage derzeit nicht nötig.»

Minsch stört sich daran, dass Testungen am Arbeitsplatz nicht zu einem Zertifikat berechtigen, das auch andernorts eingesetzt werden kann, etwa für den Restaurantbesuch am Abend: «Es sind ja dieselben Tests. Wenn so oder so getestet wird, sollten meiner Meinung nach die Zertifikate auch in der App erfasst und für den Freizeitbereich verwendet werden können», sagt Minsch. Der Kanton Graubünden nehme hier eine Vorreiterrolle ein, dort sei das möglich.

«Bald wollen Arbeitgeber wissen, ob jemand raucht oder farbenblind ist»

Auch Adrian Wüthrich, Präsident von Travail Suisse, des Dachverbands der Arbeitnehmenden, sagt: «Die Situation ist derzeit ausreichend geregelt.» Travail Suisse legt insbesondere Wert darauf, dass auch in einer Pandemiesituation der Arbeitgeber keine Einsicht in Gesundheitsdaten der Arbeitnehmenden erhält. «Der Bundesrat sagt auch, dass wenn immer möglich nur das Zertifikat light geprüft werden soll, auf dem der Impfstatus nicht ersichtlich ist. In der Praxis ist das aber häufig schwierig umzusetzen.»

Für Wüthrich ist der Schutz der Gesundheitsdaten der Arbeitnehmenden wichtig. Das Covid-Zertifikat dürfe nach der Pandemie nicht zur Legitimation ähnlicher Massnahmen herangezogen werden. «Plötzlich will ein Arbeitgeber wissen, ob jemand Raucher ist oder farbenblind. Das gilt es unbedingt zu verhindern.»

Eine gesetzliche Zertifikatspflicht am Arbeitsplatz könnte Wüthrich sich einzig dann vorstellen, wenn die Situation sich noch einmal drastisch verschlimmern würde. «Sollte etwa eine neue Variante auftauchen und das Gesundheitssystem erneut sehr stark unter Druck geraten, könnte als letzte Massnahmen eine solche Pflicht möglicherweise helfen, die Spitäler zu entlasten. Die Erfahrungen der Nachbarländer werden zeigen, ob die Massnahme wirkt.»

Auch politisch besteht derzeit wenig Druck auf eine erneute Ausweitung der Zertifikatspflicht. So sagt etwa die Mitte-Nationalrätin und Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission, Ruth Humbel: «Meines Erachtens können Abstände und Masken an den meisten Arbeitsplätzen eingehalten werden. Zudem kann das epidemiologische Geschehen mit regelmässigen Pooltests eruiert werden.» Und wenn ein Arbeitgeber das einführen wolle, sei es ihm freigestellt. «Deshalb bin ich gegen eine Zertifikatspflicht am Arbeitsplatz», so Humbel.

«Freizeit und Arbeit sind klar zu trennen»

Dass auch aus epidemiologischer Sicht derzeit kein Bedarf für eine Zertifikatspflicht am Arbeitsplatz besteht, bestätigt Jürg Utzinger, Direktor des Schweizerischen Tropen und Public Health-Instituts: «Sollte das Zertifikat eingeführt werden, bräuchte es eine klare Evidenz dafür, dass am Arbeitsplatz tatsächlich viele Infektionen stattfinden. Das ist bisher nicht gegeben.» Utzinger hält die Trennung zwischen Freizeit – also etwa der Verwendung des Zertifikats im Restaurant, Kino oder Museum – und Arbeitsplatz für richtig: «Ob ich arbeiten will, kann ich nicht aus freien Stücken wählen.» Eine positive Folge, die Utzinger möglicherweise sieht: «Es würde wohl wieder deutlich mehr getestet, was helfen kann, das Infektionsgeschehen nahe zu verfolgen, um zeitnah eingreifen zu können, wo es nötig ist.»

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