Aktualisiert 17.07.2018 16:22

Künstliche Burger

Kommt das Grillfleisch bald aus dem Labor?

Mit Burgern aus dem Reagenzglas bleiben Kühe und Schweine am Leben. Doch wie schmeckt das künstliche Fleisch? Die wichtigsten Antworten.

von
Dominic Benz
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Bell finanziert die Firma Mosa Meat mit, die im Labor Fleisch heranzüchtet. Die wichtigsten Fragen.

Bell finanziert die Firma Mosa Meat mit, die im Labor Fleisch heranzüchtet. Die wichtigsten Fragen.

Keystone/Georgios Kefalas
Was ist «kultiviertes Fleisch»?Das Fleisch wird künstlich im Labor hergestellt. Dafür braucht man Stammzellen, die mit einer Muskelbiopsie den lebenden Tieren wie Kühen, Schweinen oder Hühnern entnommen werden. Unter den richtigen Bedingungen wachsen dann Fasern, aus denen ein Burger gemacht werden kann.

Was ist «kultiviertes Fleisch»?Das Fleisch wird künstlich im Labor hergestellt. Dafür braucht man Stammzellen, die mit einer Muskelbiopsie den lebenden Tieren wie Kühen, Schweinen oder Hühnern entnommen werden. Unter den richtigen Bedingungen wachsen dann Fasern, aus denen ein Burger gemacht werden kann.

David Parry / pa Wire
Warum Fleisch aus dem Labor?Mit Kunstfleisch will man die Umweltbelastung eindämmen, die die Massentierhaltung für den weltweiten Fleischkonsum verursacht.

Warum Fleisch aus dem Labor?Mit Kunstfleisch will man die Umweltbelastung eindämmen, die die Massentierhaltung für den weltweiten Fleischkonsum verursacht.

Keystone/JÖrg Sarbach

Das Fleisch der Zukunft soll nicht mehr aus der Massentierhaltung kommen, sondern aus dem Labor. Das holländische Start-up Mosa Meat züchtet künstliches Fleisch unter dem Mikroskop. Auch die Coop-Tochter Bell will im Markt mit dem «kultivierten Fleisch» mitmischen und kauft sich bei der jungen Firma ein.

Doch was bringt das Fleisch aus dem Reagenzglas? Und essen es bald die Vegetarier? 20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was ist «kultiviertes Fleisch»?

Das Fleisch wird künstlich im Labor hergestellt. Dafür braucht man Stammzellen, die mit einer Muskelbiopsie den lebenden Tieren wie Kühen, Schweinen oder Hühnern entnommen werden. Unter den richtigen Bedingungen wachsen dann Fasern. Hat man genügend von denen, kann man sie zu einer Fleischmasse zusammenfügen, die eine Art Hackfleisch ist. Daraus lassen sich Burger machen.

Warum Fleisch aus dem Labor?

Mit Kunstfleisch will man die Umweltbelastung eindämmen, die die Massentierhaltung für den weltweiten Fleischkonsum verursacht. Tierhaltung und Futteranbau beanspruchen nämlich enorm viel Land. Zudem hat die Fleischindustrie an der Produktion von Treibhausgasen einen geschätzten Anteil von einem Fünftel. Mit Laborfleisch besteht die Möglichkeit, «die steigende globale Nachfrage nach Fleisch auf nachhaltige Art und Weise zu decken», sagt Bell-Sprecher Fabian Vetsch zu 20 Minuten. Auch in Sachen Tierschutz soll das Laborfleisch besser sein. Für die Entnahme der Zellen bräuchte man nur noch wenige Kühe, die fürs Fleisch nicht sterben müssen. Massentierhaltung unter fraglichen Bedingungen wäre dann nicht mehr nötig.

Welches Fleisch gibt es im Labor?

Vorerst wird es nur Produkte aus Hackfleisch geben. Ein saftiges Entrecote oder ein blutiges Lammfilet aus dem Reagenzglas liegen noch in weiter Zukunft. Das Problem: Ein Steak etwa ist mit Muskelfleisch und Blut-Äderchen durchzogen. Die künstliche Reproduktion eines solchen Fleisches ist daher sehr komplex. Die Herstellung von Hack-Burgern oder -Bällchen ist viel einfacher.

Wie schmeckt das Fleisch?

Laut Medienberichten bemängelten einige Testesser, dass das Fleisch etwas fade schmecke. Anders klingt es bei Bell: «Das Fleisch ist bezüglich Inhaltsstoffen, Konsistenz und Geschmack identisch zu herkömmlich hergestelltem Fleisch», sagt Sprecher Vetsch.

Ist das Fleisch etwas für Vegetarier und Veganer?

Das kommt auf die individuelle Einstellung gegenüber Fleisch und Viehzucht an. Vegetarier und Veganer, die von tierischen Produkten grundsätzlich die Finger lassen, werden auch um das Laborfleisch einen weiten Bogen machen. Schliesslich wird es aus tierischen Zellen hergestellt. Andere Fleischentsager könnten aber durchaus Gefallen finden. «Kultiviertes Fleisch ist vielmehr eine Alternative für jene Konsumenten, die ihren Fleischkonsum aus ethischen Gründen reduziert haben», so Vetsch.

Wie teuer ist das Fleisch?

Noch ist die Produktion sehr teuer. Der erste künstliche Burger der Firma Mosa Meat kostete noch so viel wie ein Luxus-Auto, nämlich 300'000 Franken. Mittlerweile kann das Start-up nach eigenen Angaben für einen Preis von 60 Franken pro Kilo Hackfleisch produzieren. Für eine breite Markteinführung (siehe Box) sind tiefere Kosten unumgänglich. Gründer Mark Post will bis 2021 den Burger für rund 10 Franken anbieten.

Wird es die Massentierzucht bald nicht mehr geben?

Das ist momentan nicht vorstellbar. Gemäss Berechnungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) wird der Fleischkonsum bis 2050 um 70 Prozent zulegen. Die klassische Fleischindustrie wird daher auch in Zukunft den Ton angeben. Mit steigender Nachfrage wird auch der Ruf nach Alternativen grösser. «Die Nachfrage wird mit der traditionellen landwirtschaftlichen Produktion kaum zu decken sein», sagt Vetsch. Aus diesem Grund sei es wichtig, bereits frühzeitig nach möglichen Alternativen Ausschau zu halten.

Welche Zukunft hat das Kunstfleisch?

Schweizer Konsumenten kaufen im Detailhandel laut Proviande jährlich Fleisch für knapp 5 Milliarden Franken. Ob gezüchtetes Fleisch davon einen grossen Marktanteil erobern kann, hängt von der Akzeptanz der Konsumenten ab, wie Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft, zu 20 Minuten sagt.

Bis Schweizer solche Produkte akzeptieren, dürfte es lange gehen, glaubt der Experte. Konsumenten hätten emotionale Vorbehalte gegen "komisches" Fleisch. Slembeck vergleicht gezüchtetes Fleisch mit Insektenburgern: Auch diese sind trotz grossem Hype ein Nischenprodukt geblieben.

Diese Firmen sind am Markt

Den ersten im Labor gezüchteten Burger stellte der Niederländer Mark Post im Jahr 2013 vor. Seither arbeiten verschiedene Start-ups daran, die Kosten zu reduzieren und den Prozess zu beschleunigen. Allen voran geht Mark Posts eigene Firma, Mosa Meat. Ausser Coop sind bereits nahmhafte Investoren wie Microsoft-Chef Bill Gates und Google-Mitgründer Sergey Brin an der niederländischen Firma beteiligt. Weitere namhafte Unternehmen sind das amerikanische Start-up Memphis Meats, wo Gates ebenfalls investiert hat, und die israelische Firma Suptermeat, die Hühnerfleisch im Reagenzglas entwickelt. Eine Sprecherin der Migros sagt zu 20 Minuten, dass auch der Genossenschaftsbund laufend neue Projekte prüfe und analysiere, ob das Unternehmen neue Märkte bearbeiten wolle.

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