Aktualisiert 27.11.2009 14:47

Schweinegrippe

Kommt das Virus aus dem Labor?

Ein australischer Forscher sorgt für Aufsehen: Adrian Gibbs glaubt, der gefährliche Schweinegrippe-Erreger sei «versehentlich» während eines Experiments entstanden.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO prüft derzeit den Bericht des Forschers Adrian Gibbs: Darin behauptet der Wissenschaftler, dass das Schweinegrippe-Virus ein durch Menschenhand gemachter Erreger sein könnte. Gibbs, ein Spinner? Ein Wichtigtuer, der mittels viraler Verschwörungstheorie um mediale Aufmerksamkeit buhlt? Fakt ist: Der 75-jährige Australier gehörte der Forschungsgruppe an, die den Wirkstoff Oseltamivir entwickelte und somit die Medikamente Tamiflu und Relenza zu ernstzunehmenden Gegenspielern der Grippe macht. Gibbs veröffentlichte in den vergangenen 40 Jahren mehr als 250 wissenschaftliche Arbeiten über Viren und war an zahlreichen Forschungsprojekten beteiligt.

In seinem aktuellen Dokument erklärt Gibbs, dass der neue H1N1-Typ möglicherweise in einem Labor in Eiern «herangezüchtet» wurde – unbeabsichtigt, wohlgemerkt: Denn die Forschung zielt darauf ab, ständig neue Impfstoffe gegen bereits existente Viren zu entwickeln. Beim Experimentieren ist es laut Gibbs durchaus denkbar, dass es zu einem «Unfall» kommt. Der Australier sagt, er sei dieser Überzeugung, seitdem er sich selbst auf die Suche nach der Herkunft des Virus begeben habe. «Eine der simpelsten Erklärungen ist, dass das Virus einem Labor entstammt», erzählt Gibbs in einem Interview mit «Bloomberg Television» und relativiert kurz darauf: «Aber natürlich, es gibt auch andere.»

Gibbs war einer der Ersten, die das Virus analysierten

Keiji Fukada, stellvertretender Direktor der Abteilung Gesundheit und Umwelt der WHO, bestätigt in einem Interview vom 11. Mai, dass Gibbs einer der ersten Forscher war, die den genetischen Aufbau des Schweinegrippe-Virus analysierten. Fukada sagt, dass ein Virus, welches während eines Experiments in einem Labor zur Entwicklung eines Impfstoffes entstanden sei, möglicherweise höhere Sicherheitsmassnahmen zum Schutz der Bevölkerung bedinge.

Wie relevant der Ursprung des Virus für die Forschung ist, weiss auch der erfahrene Virologe Adrian Gibbs: «Wird die Herkunft des Erregers gefunden, so kann das Potenzial für die Verbreitung und Wirkung auf den Menschen besser erforscht werden.» Je eher das gelänge, desto besser, meint der Wissenschaftler.

Wege, auf denen das Virus aus dem Labor buchstäblich in die Welt getragen wurde, gibt es viele. Auch, dass der Erreger von einem Schwein auf ein anderes Säugetier oder einen Vogel übergesprungen sei und dann den Menschen erreicht hätte, schliesst der Virologe nicht aus.

Südamerika und Afrika als Ursprungsort im Fokus

Während seiner Untersuchungen analysierte Gibbs zusammen mit anderen Forschern die Abläufe hunderter Aminosäuren, wichtiger Bestandteile des Virus. Er will die daraus resultierenden Aufzeichnungen in einem wissenschaftlichen Magazin veröffentlichen.

Das Center for Disease Control and Prevention in Atlanta (USA) reagiert eher unbeeindruckt auf Gibbs Bericht. Für Nancy Cox, Direktorin der Grippe-Division, sind die Resultate des australischen Forschers irrelevant, solange die aus Südamerika und Afrika stammenden Erreger noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht worden seien. Diese Regionen dürfen nicht als Herkunftsorte für eine natürliche Entstehung des neuen Virentyps ausgeschlossen werden. «Wir sind sehr interessiert daran herauszufinden, von wo genau das Virus kommt», sagt Cox. «Für uns gibt es bislang keinen Beweis dafür, dass der Erreger einem Labor entstammt.»

Und doch: Gibbs Aufzeichnungen werden derzeit von verschiedenen staatlichen Gesundheitsorganisationen weltweit überprüft. «Ich denke, wir werden uns in den kommenden Tagen ein klareres Bild von der Sache machen können», sagt Fukuda, «Gibbs Ergebnisse werden im Moment von vielen Experten untersucht.»

(rre)

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