Flüchtlingsstrom : Kommt der Terror übers Mittelmeer?
Aktualisiert

Flüchtlingsstrom Kommt der Terror übers Mittelmeer?

Der angebliche Attentäter von Tunis kam mit Flüchtlingen nach Italien. Doch der Mann wurde wohl Opfer einer Verwechslung. Was bleibt ist die Angst vor Terroristen in Flüchtlingsbooten.

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gux/kle
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Der Marokkaner Abdelmajid Touil (3. von rechts, mit hellbrauner Jacke und grauer Kapuze) kam im Februar auf einem Flüchtlingsboot in Porto Empodocle auf Sizilien an. Mittlerweile verhaftet, soll er am Attentat auf das tunesische Nationalmuseum mit 24 Toten beteiligt gewesen sein. Allerdings regen sich ...

Der Marokkaner Abdelmajid Touil (3. von rechts, mit hellbrauner Jacke und grauer Kapuze) kam im Februar auf einem Flüchtlingsboot in Porto Empodocle auf Sizilien an. Mittlerweile verhaftet, soll er am Attentat auf das tunesische Nationalmuseum mit 24 Toten beteiligt gewesen sein. Allerdings regen sich ...

epa/Pasquale Claudio Montana Lampo
... mittlerweile  Zweifel, ob der 22-Jährige (Mitte) nicht Opfer einer Namensverwechslung wurde.

... mittlerweile Zweifel, ob der 22-Jährige (Mitte) nicht Opfer einer Namensverwechslung wurde.

Marcello Paternostro
In diesem Haus in Gaggiano bei Milano soll sich der junge Mann zum Zeitpunkt des Attentates am 18. März aufgehalten haben, behauptet Touils Mutter. Auch der Bürgermeister von Trezzano sul Naviglio bestätigt, der 22-Jährige habe den Ort seit Februar nicht verlassen.

In diesem Haus in Gaggiano bei Milano soll sich der junge Mann zum Zeitpunkt des Attentates am 18. März aufgehalten haben, behauptet Touils Mutter. Auch der Bürgermeister von Trezzano sul Naviglio bestätigt, der 22-Jährige habe den Ort seit Februar nicht verlassen.

epa/Matteo Bazzi

Abdelmajid Touil soll am Anschlag auf Tunesiens Nationalmuseum beteiligt gewesen sein. Bei der Schiesserei im Bardo-Museum starben 24 Menschen, darunter viele Touristen. Die Terrormiliz IS bekannte sich später zum Anschlag.

Nachdem Touil mit internationalem Haftbefehl gesucht worden war, verhaftete die italienische Polizei den 22-jährigen Marokkaner jetzt in Mailand. Identifiziert hatten die italienischen Behörden ihn bereits im Februar: Damals kam er in Porto Empedocle auf Sizilien an – in einem Flüchtlingsboot. Wenige Wochen später soll Touil Italien wieder verlassen haben, um das Attentat in Tunis auszuführen, bevor er auf unbekanntem Weg wieder nach Italien zurückkehrte. So lautet zumindest die Version der italienischen und tunesischen Behörden – es wäre der erste Fall eines mutmasslichen IS-Terroristen, der nachweislich per Flüchtlingsboot nach Europa gelangte.

Eben dies zweifeln die italienischen Medien an: Touil sei zwar im Februar auf Sizilien angekommen, habe Italien aber seither nicht mehr verlassen. Vieles weist darauf hin, dass er aufgrund seines Namens Opfer einer Verwechslung geworden ist.

Ein Alibi vom Bürgermeister

Der Name Abdelmajid Touil steht auf der Verdächtigen-Liste des tunesischen Innenministeriums. Die Mutter von Touil aber gibt gegenüber dem «Corriere della Sera» an, ihr Sohn habe den Anschlag vom 18. März verfolgt – am Fernsehen, in ihrer Wohnung in Gaggiano. Den Ort bei Mailand habe er seit seiner Ankunft im Februar nicht verlassen. Der Bürgermeister von Trezzano sul Naviglio, Fabio Bottero, bestätigt: Der junge Marokkaner besuchte zweimal wöchentlich einen Italienischkurs am Instituto Franceschi. Laut der Anwesenheitsliste sass er am 16. und 19. März im Klassenzimmer. Diese Information hat auch die Mailänder Staatsanwaltschaft mittlerweile bestätigt.

Derzeit steht nicht fest, ob es sich tatsächlich um eine Verwechslung handelt. Sicher aber ist, dass der Fall gerade die in Italien schon länger verbreitete Angst anheizt, Terrororganisationen wie der Islamische Staat (IS) könnten Kämpfer gezielt nach Europa bringen. Die Sorgen kommen nicht von ungefähr: Tausende Flüchtlinge gelangen von Afrika aus ohne Papiere nach Europa. Ob sich auch Extremisten darunter befinden, lässt sich kaum überprüfen.

Flüchtlingsboote für den terroristischen Pendelverkehr?

Terrorexperte Shanshank Joshi vom Royal United Services Institute in London bezweifelt zwar, dass Organisationen wie der IS die Flüchtlingsboote für den terroristischen Pendelverkehr systematisch nutzen: «Auf diesem Weg kann man sicher unerkannt nach Europa gelangen, denn die Flüchtlinge haben meist keine Papiere und verweigern es, Fingerabdrücke abzugeben», sagt er zu 20 Minuten. «Doch andererseits: Wieso sollte ein IS-Kämpfer das grosse Risiko auf sich nehmen, das die illegale Überfahrt über das Mittelmeer ins sich birgt? Dann doch lieber auf sicher gehen und Europa im Flugzeug oder auf dem Landweg erreichen.»

Fakt ist aber auch, dass gerade der IS sich im «failed state» Libyen breit macht – und der Fokus auf Italien ist ein Faktor, mit dem sich diese Expansion erklären lässt. So liegt etwa die italienische Insel Lampedusa nur rund 160 Kilometer vom libyschen Festland entfernt. Beschlagnahmte IS-Dokumente legen nahe, dass die Terrormiliz die Insel als Sprungbrett nach Europa nutzen könnte: «Libyen hat eine lange Küste und liegt den südlichen Kreuzritter-Staaten direkt gegenüber», zitiert die «Washington Post» aus dem Dokument. «Sie können so selbst mit der einfachsten Barke erreicht werden.»

Mare Nostrum, Triton, Militär

Das einstige Seenotrettungsprogramm Mare Nostrum habe der Gefahr Vorschub geleistet, dass Terroristen im Flüchtlingsstrom unidentifiziert nach Europa gelangen, monieren Kritiker. Indes: Sollte sich bestätigen, dass der 22-jährige Terrorverdächtige via Flüchtlingsboot nach Italien kam, hätte auch das auf die Verstärkung des Grenzschutzes angelegte Triton-Programm versagt. Es sei so, resümiert die «Washington Post», nicht verwunderlich, dass die EU Menschenschmuggler mit militärischen Mitteln bekämpfen wolle statt auf humanitäre Rettungsaktionen zu setzen.

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