23.06.2016 19:30

Zulassung läuft aus

Kommt ein Verbot des Unkrautkillers Glyphosat?

Am Freitag entscheiden die EU-Staaten über ein mögliches Aus für das umstrittene Spritzmittel. Die Schweiz könnte nachziehen.

von
I. Strassheim
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Ein Bauer in den USA versprüht den Unkrautvernichter Glyphosat auf seinem Maisfeld. Das Mittel ist höchst umstritten.

Ein Bauer in den USA versprüht den Unkrautvernichter Glyphosat auf seinem Maisfeld. Das Mittel ist höchst umstritten.

AP/Seth Perlman
Gegen Glyphosat und den Herstellerkonzern Monsanto kommt es immer wieder zu Protesten, wie hier am 21. Mai in Basel.

Gegen Glyphosat und den Herstellerkonzern Monsanto kommt es immer wieder zu Protesten, wie hier am 21. Mai in Basel.

Keystone/Jean-christophe Bott
Kritisiert wird unter anderem die Herstellung von genmanipuliertem Saatgut durch Monsanto. Rechts im Bild: Zwei Kolben des Gen-Maises MON 810, der gegen gewisse Schädlinge resistent ist.

Kritisiert wird unter anderem die Herstellung von genmanipuliertem Saatgut durch Monsanto. Rechts im Bild: Zwei Kolben des Gen-Maises MON 810, der gegen gewisse Schädlinge resistent ist.

AP/Sven Kaestner

Ende Juni läuft die bisherige Zulassung von Glyphosat-haltigen Spritzmitteln in der EU aus. Sie stehen im Verdacht, krebserregend und erbgutschädigend zu sein. Die Staatengemeinschaft steht nun unter Zugzwang: Soll sie die Lizenz um 15 Jahre verlängern, sie auf zwölf bis 18 Monate begrenzen oder das Mittel sofort verbieten? Die Entscheidung soll am Freitag in Brüssel fallen. Danach in Bern.

20 Minuten beantwortet die wichtigsten Fragen zum umstrittenen Unkrautkiller, der unter anderen vom US-Konzern Monsanto hergestellt wird:

Wofür wird Glyphosat eingesetzt?

Das Pflanzengift ist der von Landwirten, Gärtnern und Hausbesitzern weltweit am meisten verwendete Unkrautvernichter. Auch die SBB spritzen damit ihre Bahngleise, wie ein Sprecher 20 Minuten bestätigt. Das 1974 von Monsanto unter dem Namen «Roundup» auf den Markt gebrachte Mittel tötet Pflanzen aller Art ab. Wegen seiner hohen Wirksamkeit gilt es als Jahrhundert-Entdeckung.

Wieso ist das Mittel so umstritten?

Im Frühjahr 2015 befand die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsbehörde WHO, dass das Pflanzengift für den Menschen «wahrscheinlich krebserregend» sei. Laut dem Bericht eines anderen WHO-Gremiums vom Mai 2016 stellt der Unkrautvernichter für Menschen jedoch keine Gefahr dar. Kritiker vermuten jedoch, dass Glyphosat, das in Nahrungsmitteln und im menschlichen Blut und Urin nachgewiesen wurde, auch erbgutschädigend ist. Umstritten ist die Substanz zudem wegen der Zunahme von Resistenzen: Allein in den USA gibt es laut dem Landwirtschaftsministerium 14 Unkräuter, die nicht mehr auf das Gift reagieren.

Was hat Glyphosat mit unserem Fleischkonsum zu tun?

«Roundup» wird vor allem in Südamerika zum Anbau der Exportgüter Soja und Mais verspritzt. Ein Grossteil dieses Gen-Maises und -Sojas wird als Futtermittel zur Fleischerzeugung gebraucht: Allein die EU importiert 36 Millionen Tonnen Gen-Soja jährlich zur Schweine-, Rinder, Poulet- und Putenmast. «Fleischproduktion ist zwar nicht der alleinige Grund für den Gen-Mais und Gen-Soja-Anbau und die entsprechende Verwendung von Glyphosat, aber doch ein wichtiger», sagt Karl Bär vom Umweltinstitut München zu 20 Minuten.

Zieht die Schweiz bei einem Verbot nach?

Einen automatischen Nachzug gibt es nicht, wie Olivier Félix vom Bundesamt für Landwirtschaft auf Anfrage erklärt. Aber: «Die Pflanzenschutzmittel-Verordnung sieht vor, die Ergebnisse der Risikobeurteilung sowie die Entscheide der EU zu berücksichtigen.» Die in Brüssel angeführten Grundlagen für den Glyphosat-Entscheid werden in Bern geprüft.

Wie wird Glyphosat in der Schweiz eingesetzt?

Das Mittel ist in der Schweiz mit viel stärkeren Einschränkungen belegt als in der EU. «Die Anwendung von Glyphosat kurz vor der Ernte ist in der Schweiz nicht zugelassen», sagt David Brugger vom Schweizer Bauernverband. Das Mittel werde hier vor allem zur Unkrautvernichtung zwischen zwei Saaten eingesetzt und nicht auf Getreide oder andere Feldfrüchte kurz vor der Ernte versprüht. Der Pflanzenbau-Experte geht davon aus, dass deswegen in Lebensmitteln aus heimischem Anbau nur mit sehr geringen Rückständen zu rechnen ist. Allerdings: Es werden 40 bis 50 Prozent der hier konsumierten Nahrungsmittel importiert, Essen mit Glyphosat-Rückständen gelangt auch so in die Schweiz.

Werden auch in der Schweiz Tiere mit Gen-Soja gefüttert und kommt Glyphosat so indirekt in Schweizer Fleisch?

Die Schweizer Landwirte verzichten freiwillig auf den Import von Gen-Futtermitteln. «Schweizer Milch und Fleisch sind deswegen konsequent ohne Gen-Futtermittel erzeugt und entsprechen damit den Erwartungen der Konsumenten», sagt Markus Ritter. Der Präsident des Schweizer Bauernverbandes betont, dass den Landwirten dadurch Mehrkosten für die Futtermittel-Beschaffung von jährlich 40 bis 50 Millionen Franken entstehen.

Was würde ein EU-Verbot für den Konzern Monsanto bedeuten?

«Roundup» sowie das dazu resistente Gen-Saatgut ist einer der Haupt-Umsatzbringer für Monsanto. Ein Aus in der EU würde den Konzern jedoch nur bedingt treffen, denn in Europa sind gentechnisch veränderte Pflanzen verboten und der Einsatz von Glyphosat ist deswegen beschränkt. Derzeit läuft für Monsanto eine Übernahme-Offerte vom deutschen Chemie-Konzern Bayer. «Roundup» sei wegen seiner zunehmenden Unwirksamkeit auf lange Sicht kein Bestseller mehr, schreibt die «Financial Times».

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