Entführter US-Sergeant: «Kommt er zu schnell zurück, kann er sterben»

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Entführter US-Sergeant«Kommt er zu schnell zurück, kann er sterben»

Nach fünf Jahren Gefangenschaft bei den Taliban beginnt für Bowe Bergdahl die langwierige Zeit der Verarbeitung – erst einmal in Isolation.

von
kmo

«Bowe war so lange weg, dass die Rückkehr für ihn sehr schwierig wird», sagte Robert Bergdahl am Sonntag während einer Pressekonferenz und verglich die Situation seines Sohnes mit derjenigen eines Tauchers: «Wenn er zu schnell nach oben steigt, kann er sterben.»

Am Samstag war Bowe Bergdahl nach fünf Jahren Gefangenschaft bei den Taliban freigelassen worden. Im Gegenzug entlassen die USA fünf Terroristen aus Guantánamo. Jetzt hat der 28-jährige US-Amerikaner eine lange Rehabilitationsphase vor sich.

Behandelt wird Bergdahl erst einmal in einer Militärklinik im deutschen Landstuhl – ohne Kontakt zu Internet, Fernsehen oder anderen Einflüssen von der Aussenwelt. Selbst seine Familie darf er erst sehen, wenn die Ärzte es für angebracht halten. Bis dahin können die Eltern mit ihrem Sohn nur indirekt in Kontakt treten, etwa durch Videobotschaften.

311 Tage in einem Kellerloch

«Stellen Sie sich vor, dass Sie ewig lange am unteren Ende eines Trichters sitzen, und dann öffnet sich die Welt auf einen Schlag. Sich daran zu gewöhnen, braucht Zeit», sagte Roy Hallums im Jahr 2005 zur «New York Times». Der Mann weiss, wovon er spricht: Der ehemalige Bauunternehmer war im Jahr 2004 während 311 Tagen in einem kleinen Raum unter einem Haus in der irakischen Hauptstadt Bagdad eingesperrt.

Alltägliche Dinge – wie etwa der Besuch in einem überfüllten Einkaufsladen – waren in den ersten Wochen nach seiner Rückkehr in die USA unmöglich für Hallum. Er brauchte acht Monate physische und psychische Therapie, bis er sich mehr oder weniger erholt hatte. Das Trauma, das er durch die Gefangenschaft erlitten hatte, habe er völlig unterschätzt, sagte er.

Die Kidnapper sind gefürchtete Terroristen

Die Belastungen, unter den Soldaten während der Kriegsgefangenschaft oder einer Geiselnahme am meisten leiden, sind Angst, Schuldgefühle, Erniedrigung, Isolation, Drohungen und Langeweile. Ob Bergdahl physisch gefoltert wurde, ist nicht bekannt. Seine Kidnapper sind Mitglieder des Haqqani-Netzwerks, kampferfahrene Terroristen. «Er musste jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen, dass das sein letzter sein könnte», sagte Dan O'Shea, ein ehemaliger Navy-Seal-Kommandant, zur «New York Times».

Auch David Rohde machte die Bekanntschaft mit den Haqqani-Terroristen. Der «New York Times»-Journalist wurde 2008/09 über sieben Monate lang von ihnen gefangengehalten, bevor ihm die Flucht gelang. Er sagte, dass die Kidnapper ihm Medizin und besseres Essen verabreichten, als er krank geworden war.

Noch diese Woche zurück in die USA

Rohde kann sich gut vorstellen, dass Bergdahl Mühe hat, Englisch zu sprechen. «Man lebt mit diesen jungen Paschtunen zusammen. Sie sind der einzige menschliche Kontakt, den man hat», sagt Rohde. Er selber hat während der Gefangenschaft ein bisschen Paschtunisch gelernt. Auch Bergdahl spricht diese Sprache mittlerweile – sogar besser als seine eigene Muttersprache. Deshalb schickte sein Vater ihm die erste Botschaft nach der Freilassung auf Paschtunisch.

Geplant ist, dass Bergdahl diese Woche noch in die USA weiterreisen wird. Sein nächstes Ziel wird die Militärklinik in Fort Sam Houston in San Antonio sein, wo er weiter von Spezialisten behandelt wird. Dort wird er dann endlich seine Familie treffen können – zuerst telefonisch, dann auch persönlich.

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