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Kommt jetzt «Noventis»?

Der in Börsenkreisen seit Wochen zirkulierende Begriff steht für den möglichen Zusammenschluss von Novartis und Aventis.

Dieser wäre das bisher letzte Glied einer langen Kette von Fusionen. Denn beide Pharmakonzerne gingen selber aus Firmenzusammenschlüssen hervor.

Die Wurzeln von Novartis reichen tief ins Basel des 18. Jahrhunderts: Dort wurde 1758 die Firma Geigy gegründet, 1876 folgte Sandoz und 1884 Ciba. Alle drei entwickelten sich bis ins 20. Jahrhundert zu Chemie- und Pharmakonzernen. Ein erster Zusammenschluss erfolgte 1970: Ciba und Geigy fusionierten zum Ciba-Geigy-Konzern, der 1990 in Ciba umbenannt wurde.

1996 schlossen sich Ciba und Sandoz in der damals weltweit grössten Industriefusion zusammen und wurden als Novartis die Nummer 1 der Pharmabranche. Doch auch anderswo wurde fusioniert, und dies führte dazu, dass Novartis von Konkurrenten wie GlaxoSmithKline und Pfizer überholt wurde. Mit Aventis würde Novartis wieder auf Rang 2 vorrücken.

Auch Aventis ist das Kind einer Elefantenhochzeit: Der Pharmakonzern mit Sitz in Strassburg entstand im Jahr 2000 durch Fusion des deutschen Chemieriesen Hoechst und des französischen Pharmakonzerns Rhone-Poulenc. Treibende Kraft dahinter war der deutsche Manager Jürgen Dormann. Dieser präsidiert heute nicht nur Aventis, sondern auch den Technologiekonzern ABB, ein schwedisch-schweizerisches Fusionsprodukt.

Dormann trimmte Aventis zum Pharmakonzern mit den Kerngeschäften Arzneimittel, Impfstoffe und Tiergesundheit. Andere Geschäfte wurden abgestossen. Der Aventis-Umsatz betrug letztes Jahr 16,8 Milliarden Euro, der Nachsteuergewinn im Kerngeschäft 2,44 Milliarden Euro. Vergangenen Januar lancierte der kleinere französische Konkurrent Sanofi-Synthelabo einen feindlichen Übernahmeversuch und bot für Aventis 47,8 Milliarden Euro. Aventis lehnt die von der französischen Regierung unterstützte Übernahme ab.

Bald kam Novartis als «Weisser Ritter» ins Gerede, und an den Finanzmärkten machte der Name «Noventis» die Runde. Novartis erzielte letztes Jahr 24,864 Milliarden Dollar Umsatz, 16 Milliarden Dollar im Pharma-, der Rest im Consumer-Health-Geschäft. Der Basler Pharmariese, der mit rund 33 Prozent am Lokalkonkurrenten Roche beteiligt ist, zeigte mit gut fünf Milliarden Dollar den siebten Rekordgewinn in Folge.

Die Basler Pharma-Manager zierten sich anfänglich zwar etwas, scheinen einem Zusammenschluss mit Aventis aber nicht grundsätzlich abhold zu sein. Sie stellten aber zwei Bedingungen: Von Aventis verlangten sie eine formelle Einladung zu Fusionsgesprächen und von Frankreichs Regierung eine neutrale Haltung. Angesichts entsprechender französischer Befürchtungen schlugen sie, gewissermassen als Zückerchen, die Auslagerung nicht strategischer Novartis- und Aventis-Produkte in neue Unternehmungen vor, um in Deutschland und Frankreich Arbeitsplätze zu erhalten.

Wegen massiven Stellenabbauten war Novartis nämlich praktisch seit der Fusion von Ciba und Sandoz, die allein rund 12.000 Stellen kostete, in der Kritik gestanden. Hatten Ciba und Sandoz 1995 zusammen knapp 134.000 Leute beschäftigt, sank deren Zahl bis im Jahr 2000 auf 67.650. 2003 lag sie wieder bei 78.540.

Die schlecht laufende Agrochemie wurde 1999 einer Rosskur unterzogen, die 1.100 Stellen kostete, und danach mit dem Agrobereich des britisch-schwedischen Konkurrenten AstraZeneca - eines weiteren Fusionsprodukts - verschmolzen. Dieses «Kind» ist seit November 2000 als Syngenta an der Börse. Syngenta erzielte 2003 mit rund 19.000 Angestellten 6,578 Milliarden Dollar Umsatz und 363 Millionen Dollar Reingewinn. Seit der Gründung baute Syngenta 4.000 Stellen ab und senkte die jährlichen Kosten um 560 Millionen Dollar.

Nach der Gründung wurde Novartis von Analysten häufig wegen einer ungenügenden Pipeline für neue Produkte kritisiert. Diese Kritik ist mittlerweile verstummt. Dafür bekommt sie derzeit Aventis zu hören. (dapd)

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