Hochburg Afghanistan - Kommt mit den Taliban der internationale Terror zurück?
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Hochburg AfghanistanKommt mit den Taliban der internationale Terror zurück?

Die al-Qaida wurde in Afghanistan so lange geschwächt, wie der Westen vor Ort war. Jetzt, wo die Taliban die Herrschaft an sich gerissen haben, wächst die Sorge, das Terrornetzwerk könnte dort wieder Fuss fassen.

von
Ann Guenter
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Mit der Rückkehr der Taliban wächst die Sorge, dass Afghanistan wieder zur Hochburg des internationalen Terrors werden könnte (im Bild: ein Soldat der British Royal Marines im Jahr 2002 in Ostafghanistan).  

Mit der Rückkehr der Taliban wächst die Sorge, dass Afghanistan wieder zur Hochburg des internationalen Terrors werden könnte (im Bild: ein Soldat der British Royal Marines im Jahr 2002 in Ostafghanistan).

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Die Taliban hatten nach den Anschlägen auf die Vereinigten Staaten am 11. September 2001 … 

Die Taliban hatten nach den Anschlägen auf die Vereinigten Staaten am 11. September 2001 …

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… etwa al-Qaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf gewährt. 

… etwa al-Qaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf gewährt.

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Darum gehts

  • Radikal antiwestliche Terrornetzwerke wie die al-Qaida oder der IS wurden in Afghanistan bislang erfolgreich geschwächt.

  • Doch jetzt haben die radikalislamischen Taliban die Herrschaft im Land übernommen.

  • Was heisst das für den Kampf gegen den internationalen Terrorismus?

Im Durchmarsch haben die radikalislamischen Taliban die Macht über Afghanistan an sich gerissen. Der Westen flieht mehr, als er abzieht. Darüber jubeln die Terrornetzwerke al-Qaida und “Islamischer Staat” (IS).

Sie feiern weltweit und online den «historischen Sieg der Taliban». Und sehen die Gelegenheit gekommen, sich in Afghanistan einzunisten und dem weltweiten Terrorismus von hier aus weiter Auftrieb zu verleihen.

Kommt mit den Taliban auch der internationale Terror zurück? Eine Rückkehr der al-Qaida nach Afghanistan sei «unvermeidlich», heisst es bereits aus Militärkreisen.

Taliban bekämpfen den IS

Auch der britische Premierminister Boris Johnson forderte eben erst, der Westen müsse verhindern, dass das Land wie vor 2001 wieder zu einer Hochburg des internationalen Terrors werde. Die Uno spricht von einer «globalen terroristischen Bedrohung», die wieder von diesem Land ausgehen könnte.

Tatsächlich erstarkt die al-Qaida bereits seit 2017 wieder in einigen Gebieten Afghanistans. Auch der IS hat sich seit 2015 im Land formiert, aus Taliban-Splittergruppen und anderen militanten Gruppierungen. Allerdings haben die Taliban den IS bislang ziemlich erfolgreich bekämpft. Er ist ihnen zu brutal und nimmt auch Mitglieder auf, die aus ihren Reihen verbannt wurden.

Mit dem IS, der unter der Bevölkerung gerne Angst und Schrecken verbreitet, will die sich konziliant gebende Taliban-Führung möglichst nichts zu tun haben.

Taliban distanzieren sich nicht von al-Qaida

Mit der al-Qaida dagegen sind die Taliban vielfältig und eng verbunden. Im Gegensatz zu den antiwestlichen Jihadisten konzentrieren sich die Taliban darauf, Afghanistan nach ihrer strengen Auslegung der Sharia zu regieren - und nicht über diese Grenzen hinaus.

Gleichzeitig erlaubten sie während ihrer Schreckensherrschaft al-Qaida-Ausbildungslager im Land - gut 20’000 Kämpfer aus aller Welt durchliefen diese Terror-Trainings. Und nach den Angriffen auf die Vereinigten Staaten vom 11. September 2001 gewährten die Taliban schliesslich Osma Bin Laden und anderen al-Qaida-Grössen Zuflucht.

Bis heute haben sie sich von al-Qaida nicht offiziell distanziert - einer der Streitpunkte bei den Friedensverhandlungen von Doha.

Schlechtere Lage für Geheimdienste

Dass sich al-Qaida unter der Herrschaft der Taliban in Afghanistan ausbreiten wird, davon geht Sicherheitsanalyst Sajjan Gohel von der Asia Pacific Foundation aus. Bereits jetzt sollen sich in der Provinz Kunar zwischen 200 und 500 Kämpfer befinden.

Dies einzudämmen, werde fortan schwer sein - allein schon wegen der neuen Informationslage: In den letzten zwanzig Jahren arbeitete der Westen eng mit dem afghanischen Geheimdienst und einer Reihe eigener lokaler Informanten zusammen - ein Netzwerk, das unter der Herrschaft der Taliban entfällt.

Ein Stück weit hoffen auf die Taliban

Dennoch hoffen viele, dass die Taliban selber kein Interesse an einem Erstarken terroristischer Strukturen im Land haben - zumal sie heute nicht mehr Taliban von 2001 seien, wie Bruno Kahl, Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes der «Zeit» in einem seltenen Interview sagte.

Auch die Gesellschaft in Afghanistan habe sich verändert. Deswegen hätten die Taliban ein eigenes Interesse daran, die Anschluss- und Dialogfähigkeit mit dem Westen nicht ganz zu verlieren, von dem sie Geld und Unterstützung beim Wiederaufbau des Landes wollten.

Fest steht: Nach dem langjährigen Einsatz wäre jedes Anzeichen eines Comebacks einer Terrororganisation unter Taliban-Herrschaft politisches Gift für die Regierungen im Westen, allen voran die der USA.

Terrorgruppen aus der Ferne in Schach halten?

Entsprechend versucht US-Aussenminister Anthony Blinken zu beruhigen: Es brauche zur Eindämmung terroristischer Aktivitäten keine Militärpräsenz in Afghanistan. Mittlerweile könnten in anderen Ländern stationierte Kampfjets und Drohnen verdächtige Standorte in Afghanistan überwachen und angreifen.

Doch neu entstehende Terrorgruppen aus der Ferne in Schach zu halten, dürfte dennoch keine leichte Aufgabe seinzumal die USA in keinem der an Afghanistan angrenzenden Staaten Militärbasen unterhält.

Bleibt zu hoffen, dass der Westen die gleiche Lehre aus dem oft schon als gänzlich nutzlos verschrienen Afghanistan-Einsatz zieht, wie es der Direktor des deutschen Nachrichtendienstes tat. Nämlich: «Möglichst schon in der Entstehung die unkontrollierte Entwicklung von Terrorstrukturen zu verhindern. Gut wäre es, dies an der Seite regionaler Herrscher zu verhindern, anstatt das Problem erst so gross werden zu lassen, dass eine Intervention nötig wird.»

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