Prozess Rupperswil: Kommt Thomas N. irgendwann wieder frei?
Aktualisiert

Prozess RupperswilKommt Thomas N. irgendwann wieder frei?

Thomas N. wird wohl nicht lebenslang verwahrt. Falls er entlassen werde, dann erst nach Jahrzehnten, vermutet eine Strafrechtsprofessorin.

von
B. Zanni
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Die Gerichtszeichnung zeigt Thomas N. zusammen mit Verteidigerin Renate Senn (rechts).

Die Gerichtszeichnung zeigt Thomas N. zusammen mit Verteidigerin Renate Senn (rechts).

epa/Walter Bieri
Das Bezirksgericht Lenzburg tagt in den Räumlichkeiten der Mobilen Polizei in Schafisheim – unweit des Tatorts in Rupperswil.

Das Bezirksgericht Lenzburg tagt in den Räumlichkeiten der Mobilen Polizei in Schafisheim – unweit des Tatorts in Rupperswil.

Yannick Wiget
Strenge Eingangskontrolle: Hier gibt es einen Personen-Check wie am Flughafen.

Strenge Eingangskontrolle: Hier gibt es einen Personen-Check wie am Flughafen.

Yannick Wiget

Frau Heer, Thomas N. steht seit Dienstag wegen des Vierfachmordes in Rupperswil AG vor Gericht. Laut den Gutachtern besteht heute ein hohes Rückfallrisiko. Dennoch sehen die Gutachter ihn als therapierbar. Ist so jemand wirklich therapierbar?

Zunächst möchte ich festhalten, dass ich die Diagnose von Thomas N. nicht genau kenne. Es gibt psychische Krankheiten, die sehr schwierig zu behandeln sind. Die Taten, für die sich Thomas N. vor Gericht verantworten muss, sind schrecklich. Geht es um die Frage, ob eine solche Person therapierbar ist oder nicht, kann man aber nicht primär von der Tat oder der Art des Delikts ausgehen. Massgebend ist der psychische Zustand des Täters.

Viele Leute halten einen Menschen, der solch grauenhafte Taten gestanden hat, für abgrundtief gestört.

Nicht die Bevölkerung, sondern Fachpersonen machen das Gutachten. Das bedeutet: Ein Mensch kann ein noch so schlimmes Verbrechen begangen haben und trotzdem therapierbar sein.

Sie halten eine lebenslängliche Verwahrung für Thomas N. für unmöglich. Warum?

Um jemanden lebenslänglich zu verwahren, reicht es nicht, nur eine Therapie für aussichtslos zu halten, wie das bei der gewöhnlichen Verwahrung der Fall ist. Zwei Gutachter müssen zum Schluss kommen, dass eine Therapie bis ans Lebensende aussichtslos ist.

Wie wird ein Mehrfachmörder therapiert?

Täter mit hohem Rückfallrisiko kommen in eine gesicherte therapeutische Massnahme, die so genannte kleine Verwahrung. Innerhalb der Anstalt führt er dort ein Leben wie ein Gefangener und wird zusätzlich therapiert. Dazu gehören Psycho- und Gruppentherapien. Nach fünf Jahren überprüfen Gutachter, ob eine bedingte Entlassung aus der Verwahrung möglich ist oder die Massnahme um weitere fünf Jahre verlängert werden muss. Raus kommt er nur, wenn er einen ausgezeichneten Führungsbericht vorweist und ihn alle Fachpersonen als nicht mehr gefährlich beurteilen.

Thomas N. wird als überdurchschnittlich intelligent beurteilt. Sein grosses Ziel ist es, wieder auf freien Fuss zu kommen. Wäre es möglich, dass er in der Therapie alle täuscht, um irgendwann entlassen zu werden?

Nein. In der kleinen Verwahrung ist es während der langen Zeit schwer, ein solches Verhalten durchzuziehen. Thomas N. würde unter totaler Beobachtung stehen. Täter in dieser Massnahme sagen oft, dass sie es fast nicht mehr aushalten – dermassen eingeengt fühlen sie sich in der engmaschig betreuten Therapie-Institution. Zudem sind dort nur Profis am Werk, die sich kaum um den Finger wickeln lassen.

Ist es möglich, dass Thomas N. schon in wenigen Jahren wieder auf freiem Fuss ist?

Nein. Ich vermute, er kommt frühstens nach Jahrzehnten frei – wenn überhaupt. Zwar ist gemäss den Erkenntnissen der Gutachter nicht damit zu rechnen, dass bei Thomas N. eine lebenslange Verwahrung angeordnet wird. Aber auch eine gesicherte therapeutische Massnahme, die sogenannte kleine Verwahrung, wird auf unbestimmte Zeit angeordnet. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine solche Massnahme immer wieder verlängert wird, wenn Thomas N. keine Therapiefortschritte macht.

Wie kommen Sie zu dieser Prognose?

Die heutige Praxis ist sehr restriktiv. Täter, die deutlich weniger gravierende Taten verübt haben, sind heute teilweise bis zu 20 Jahren verwahrt. Etwa im Falle von Körperverletzung wird die sogenannte kleine Verwahrung regelmässig verlängert.

«Hoffe zumindest auf eine ordentliche Verwahrung»

Für BDP-Nationalrat Bernhard Guhl zeigen die Gutachten im Fall Thomas N. erneut, dass die lebenslange Verwahrung leider nicht umsetzbar sei, «egal wie brutal, hinterlistig und geplant der Täter handelt». Bei einem jüngeren Täter werde kein Gutachter eine lebenslängliche Untherapierbarkeit attestieren. Guhl hofft aber zumindest auf die ordentliche Verwahrung: «Ich denke, die Richter sind sich bewusst, dass dieser Täter nicht mehr freikommen soll.»

FDP-Ständerat Andrea Caroni spricht von einem Konstruktionsfehler der Verwahrungsinitiative: Für eine lebenslange Verwahrung würden Gutachten benötigt, die Psychiater kaum je erstellen könnten.

Die Instrumente der ordentlichen und der kleinen Verwahrung genügten jedoch. «Die Zahlen zeigen, dass die Behörden beide Massnahmen sehr streng anwenden.» In den letzten zehn Jahren wurde nur zwei Prozent der ordentlich Verwahrten und zehn Prozent der «kleinen» Verwahrten bedingt entlassen. Thomas Freytag vom Amt für Justizvollzug Bern sagte dazu: «Die ordentliche Verwahrung ist de facto eine lebenslange Verwahrung.» Für Caroni kommt hinzu: «Wir müssen uns bewusst sein, dass wir mit der heutigen restriktiven Praxis auch Täter auf ewig wegsperren, die sich nach Verbüssung ihrer Strafe wieder in die Gesellschaft integrieren würden, wenn man sie liesse.» (pam)

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