Republikaner-Vorwahl: «Kompromiss ist kein schmutziges Wort»
Aktualisiert

Republikaner-Vorwahl«Kompromiss ist kein schmutziges Wort»

Der «Super Tuesday» hats nicht gebracht, der giftige und zermürbende Vorwahlkampf der US-Republikaner geht weiter. Sogar eine ehemalige First Lady ist angewidert.

von
Peter Blunschi

Sie ist 86 Jahre alt, Ehefrau und Mutter eines ehemaligen Präsidenten. Barbara Bush hat in ihrem langen Leben einiges gesehen. Das Spektakel, das die Republikaner derzeit bei den Vorwahlen für die US-Präsidentschaft bieten, ist aber selbst für die einstige First Lady des Schlechten zu viel. «Es ist der schlimmste Wahlkampf, den ich je erlebt habe», sagte Bush am Montag an einer Konferenz in Dallas. Sie hasse es, wenn Kompromiss als schmutziges Wort betrachtet werde: «Es ist kein schmutziges Wort», betonte Barbara Bush.

Die weisshaarige Texanerin ist bekennende Anhängerin von Mitt Romney, sie hat laut «New York Times» Audiobotschaften aufgezeichnet, die als so genannte «Robocalls» unter das Volk gebracht werden und den ehemaligen Gouverneur von Massachusetts zur Wahl empfehlen. Unterstützung dieser Art hat Romney dringend nötig. Auch am «Super Tuesday» hat er es nicht geschafft, sich entscheidend von der Konkurrenz abzusetzen. Weshalb er sich am Dienstagabend in Boston in die Mathematik flüchtete: «Wir zählen die Delegierten, und es sieht gut aus.»

Offenes Rennen bis Anfang Juni?

Mitt Romney, der Erbsenzähler. Statt die Delegiertenstimmen im grossen Stil einzusacken, muss er sie regelrecht zusammenkratzen. Tatsächlich könnte er damit im Endeffekt erfolgreich sein, doch bis er die magische Zahl von 1144 erreichen wird, dürfte es weit länger dauern, als ihm lieb ist. «Vielleicht bis Mai?» spekulierte ein hochrangiger Romney-Mitarbeiter gegenüber der Website Politico. Es könnte sehr gut auch Anfang Juni werden, bis zur Vorwahl im bevölkerungsmässig grössten US-Bundesstaat Kalifornien.

Der «Super Tuesday» hat Romneys Defizite schonungslos an den Tag gebracht: Der schwerreiche Mormone aus dem liberalen Neuengland kann bei Kleinverdienern, Evangelikalen und jenen Wählern, die sich als «sehr konservativ» definieren, nicht punkten. Sie wählen Rick Santorum, der sich als «Mann aus dem Volk» inszeniert, dessen Familie angeblich vom Ersparten lebt. Und als frommer Katholik, der gegen Empfängnisverhütung und berufstätige Frauen wettert und sogar die in der US-Verfassung verankerte Trennung von Religion und Staat attackiert.

Romney gibt mehr aus als budgetiert

Seine Radikalität hat Santorum wohl den Sieg in den Industriestaaten Michigan und Ohio gekostet. Der ehemalige Senator aus Pennsylvania leidet zudem nach wie vor unter Geldmangel und einer schwachen Organisation. Doch bei den nächsten Vorwahlen am Samstag in Kansas und am Dienstag in den Südstaaten Alabama und Mississippi hat er beste Chancen, was seine Position weiter stärken dürfte. Mitt Romney jedenfalls sieht sich gezwungen, in diesen Staaten Fernsehwerbung zu buchen, was seine Wahlkampfkasse strapaziert. Er hat gemäss Insidern bislang deutlich mehr ausgegeben als budgetiert.

Das Geld dürfte für den Multimillionär letztlich das kleinste Problem sein. Und nach wie vor gehen Optimisten davon aus, dass die Republikaner nach den Vorwahlen die Reihen schliessen und im Herbst geeint gegen den verhassten Barack Obama in die Schlacht ziehen werden. Doch es gibt immer mehr Skeptiker, die wie Barbara Bush befürchten, dass die Auseinandersetzung zwischen dem pragmatischen Wirtschaftsflügel um Romney und den erzkonservativen Kulturkämpfern die Partei zerreissen und sie den Wahlsieg kosten wird.

Das Weisse Haus sausen lassen

Es ist der grosse Unterschied zum Duell zwischen Hillary Clinton und Barack Obama bei den Demokraten vor vier Jahren, das ebenfalls über Monate hinweg mit grosser Intensität geführt wurde. Politisch gab es zwischen ihnen wenig Differenzen, es war ein Kampf zwischen zwei charismatischen Persönlichkeiten: Hier die ehemalige First Lady aus dem Establishment, dort der unverbrauchte Afroamerikaner. Die Wähler verfolgten den Zweikampf fasziniert. Das aktuelle Treiben der Republikaner dagegen stösst sie ab, wie Umfragen zeigen.

Was Barack Obama damals beflügelte, könnte Mitt Romney nun in die Tiefe reissen. Der einflussreiche konservative Kolumnist George Will hat deshalb das Unerhörte gewagt: Er sieht die Republikaner in der gleichen aussichtslosen Lage wie 1964, als Barry Goldwater bei der Präsidentschaftswahl gegen Lyndon Johnson eine verheerende Niederlage erlitt. Sie sollten deshalb das Weisse Haus sausen lassen und ihre Energien darauf konzentrieren, die Mehrheit im Kongress zu erobern, schrieb Will in der «Washington Post». Ein wiedergewählter Obama habe dann «deutlich weniger Möglichkeiten, Schaden anzurichten».

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