grün gegen grün: Kondore ohne Chancen gegen Windmühlen
Aktualisiert

grün gegen grünKondore ohne Chancen gegen Windmühlen

Die Betreiber einer Windfarm in Kalifornien werden nicht bestraft, wenn Turbinenflügel einen Kondor töten. Das ärgert Naturschützer, die den grössten Vogel Nordamerikas vor dem Aussterben gerettet haben.

von
Martin Suter
New York

«El Condor Pasa» - aber bitte nicht in die Rotoren des Windfarmprojekts Alta East nahe der kalifornischen Mojave-Wüste. Zur Empörung von Wildhütern und Vogelfreunden hat das amerikanische Büro für Landmanagement Ende vergangener Woche entschieden, dass die Betreiberfirma Terra-Gen dort eine neue Windfarm bauen darf. Sie erhält eine bisher noch nie gewährte Straffreiheit für den Fall, dass dereinst Turbinenflügel einen der streng geschützten Kalifornischen Kondore erschlagen.

Es habe sie «wie aus heiterem Himmel getroffen», sagte Kelly Fuller vom Vogelschutzverein American Bird Conservatory zur «New York Times». In einer Mitteilung forderte Fuller das Land-Büro auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. «Wenn einer der bedrohtesten Vögel der Vereinigten Staaten legal getötet werden darf, gefährdet das Schutzanstrengungen für bedrohte Tierarten im ganzen Land.»

Spannweite bis drei Meter

Der Kalifornische Kondor ist nicht nur die grösste Vogelart Nordamerikas. Gymnogyps californianus, so der lateinische Name, ist die Vorzeigespezies für alle Tierschutzbemühungen der USA. Die Geierart mit nacktrotem Kopf und schwarzem Federkleid erreicht eine Flügelspannweite von bis zu drei Metern. Kondore nutzen Warmluftströmungen aus, um bis auf vier Kilometer Höhe zu steigen; ohne Flügelschlag kreisen sie stundenlang über der kargen Landschaft und suchen nach Aas.

Obwohl der herrschaftliche Vogel vor 46 Jahren unter Schutz gestellt wurde, nahm seine Population stetig ab. Den Kondoren machten schrumpfende Lebensräume zu schaffen. Viele starben an Bleivergiftungen, weil sie Wild frassen, das Jäger mit bleihaltigen Kugeln erlegt hatten. Als die Zahl der Kondore 1987 bis auf 22 Stück sank, griffen Tierschützer alle verbleibenden Tiere auf und päppelten sie in Gehegen hoch.

Hohe Strafen beim Tod von Kondoren

Schon fünf Jahre später begann man, Kondore wieder in freier Wildbahn auszusetzen. Diesen März wurden insgesamt 234 Exemplare gezählt. In einem mehrere Millionen Dollar kostenden Programm werden sie ständig überwacht; rund die Hälfte von ihnen tragen GPS-Sensoren. Dem hohen Rang der Tiere entspricht das Strafmass für jene, die den Tod von Kondoren herbeiführen: Ein Bundesgesetz sieht für Personen ein Jahr Freiheitsstrafe und 100'000 Dollar Busse vor; Firmen und Organisationen werden mit 200'000 Dollar gebüsst.

Die Strafdrohung gilt aber nicht für Terra-Gen. Das Energieunternehmen darf nun in dem windreichen Gebiet nördlich von Los Angeles, wo schon hunderte von Turbinen stehen, 51 neue Windmühlen bauen und mit ihnen zusätzliche 153 Megawatt Energie erzeugen. Die Firma erhielt ihre Immunität bezüglich der Kondore nicht nur, weil sich Kalifornien per Gesetz dazu verpflichtet hat, einen schnell wachsenden Teil seiner Elektrizität aus erneuerbaren Quellen zu produzieren.

Terra-Gen hat zusätzlich vorgesorgt, dass keine Kondore zu Schaden kommen. Sie will nahende Vögel telemetrisch erfassen. Mit Chips ausgerüstete Kondore werden automatisch registriert, solche ohne GPS-Sonde tauche auf Radarschirmen auf. Zudem wird ein ausgebildeter Biologe tagsüber den Himmel mit dem Feldstecher absuchen. Nähert sich ein Kondor auf weniger als drei Kilometer einer Windmühle, wird die Turbine sofort abgebremst.

Das Risiko wird zunehmen

Windmühlen sind bekanntermassen für viele Flugtiere tödlich. Eine Zählung in Kanada ergab Mitte 2009, dass 86 Windturbinen in zwei Monaten 45 Vögel und ebenso viele Fledermäuse erschlugen. Nach einer anderen Studie fielen den Mühlen in acht Monaten insgesamt 1962 Tiere zum Opfer, also jeden Tag rund acht. Nach Angaben der Wildhüter sind bisher noch nirgends Kondore in drehende Rotoren hineingeflogen. Ornithologen warnen indes, dass die normalerweise hoch segelnden Greifvögel immer nach unten und nie nach oben schauen. Deshalb sei denkbar, dass sie die Flügel der 150 Meter hohen Windmühlen nicht bemerken.

Der Konflikt ist jedenfalls programmiert, denn die von Windfarmen beanspruchte Landfläche dehnt sich ebenso aus wie das Revier der erstarkenden Kondor-Population. «Das von Windeinrichtungen ausgehende Risiko für die Kalifornischen Kondore wird zunehmen», sagt das Büro für Landmanagement in seinem Gutachten voraus.

Was passiert, wenn ein erster Kondor durch eine Windmühle stirbt, ist allerdings unklar. Die Ausnahmeregelung gibt Terra-Gen nur das Recht auf ein totes Tier während der auf 30 Jahre angelegten Laufzeit der Farm. Stirbt ein zweiter Kondor, müssen die Behörden entscheiden, ob die Turbinen weiter drehen dürfen. Die Wahl zwischen grün und grün dürfte ihnen nicht leicht fallen.

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