Überlastete Kinder-Notaufnahmen: «Konsultationen sind um mehr als 50 Prozent angestiegen»

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Überlastete Kinder-Notaufnahmen «Konsultationen sind um mehr als 50 Prozent angestiegen»

Zahlreiche Kinder-Notfallstationen in der Schweiz laufen derzeit am Limit, so auch jene des Spitalzentrums Biel. Der Chefarzt der Pädiatrie spricht über Ursachen und Folgen. 

von
Simon Ulrich
Mara Wehofsky
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Manche Kinder-Notaufnahmen platzen derzeit aus allen Nähten. 

Manche Kinder-Notaufnahmen platzen derzeit aus allen Nähten. 

Tamedia AG
So meldet etwa das Freiburger Spital HFR ungewöhnlich hohe Zahlen in der Pädiatrie.

So meldet etwa das Freiburger Spital HFR ungewöhnlich hohe Zahlen in der Pädiatrie.

20min/Vanessa Lam
Die leitende Ärztin der Kindernotfallmedizin sieht den Anstieg unter anderem in den Corona-Vorkehrungen begründet: «Durch die Schutzmassnahmen in den letzten zwei Jahren sind viele Kinder nicht mit diesen Viren in Kontakt gekommen. Jetzt, wo sie damit in Berührung kommen, erkranken sie leichter.»

Die leitende Ärztin der Kindernotfallmedizin sieht den Anstieg unter anderem in den Corona-Vorkehrungen begründet: «Durch die Schutzmassnahmen in den letzten zwei Jahren sind viele Kinder nicht mit diesen Viren in Kontakt gekommen. Jetzt, wo sie damit in Berührung kommen, erkranken sie leichter.»

20min/Marvin Ancian

Darum gehts 

Herr von Vigier, wie präsentiert sich die Lage derzeit in der Kinderklinik des Spitalzentrums Biel?

Die Zunahme der Konsultationen in den Kinder-Notfallstationen ist ein seit vielen Jahren bestehendes Phänomen. Seit diesem Jahr wird jedoch aus den Kinderkliniken der ganzen Schweiz über eine zusätzliche, teilweise massive Zunahme berichtet. Auch in unserer Kinderklinik Wildermeth verzeichnen wir 2022 eine ausgeprägte Zunahme der Notfall-Konsultationen.

Können Sie diese Zunahme beziffern? 

Die Zahlen sind saisonal abhängig und dadurch sehr variabel. Zusammenfassend ist die Anzahl Konsultationen in unserer Kinder-Notfallstation im Vergleich zu den Vorjahren um mehr als 50 Prozent angestiegen.

Worauf führen Sie diesen Anstieg zurück?

Die Ursachen sind vielfältig, komplex und können nicht abschliessend beurteilt werden. Seit der Covid- Pandemie wird bei Kindern einerseits eine Veränderung der Saisonalität und der Häufigkeit von Virusinfektionen der Atemwege beobachtet. Andererseits wird die Möglichkeit zur «Sofortkonsultation» in den Notfallstationen, teilweise auch unabhängig von der medizinischen Dringlichkeit, sehr niederschwellig genutzt.

Wie erklären Sie sich die Häufigkeit von Virusinfektionen der Atemwege seit Corona? 

Es wird angenommen, dass die beobachteten Veränderungen auch damit zusammenhängen, dass das Abwehrsystem gewissermassen «aus der Übung gekommen war»: Das Tragen einer Maske und Meiden von Kontakten hat uns alle nicht nur vor der Infektion mit dem Coronavirus, sondern auch vor anderen Infektionen geschützt. Diese Erkrankungen haben viele Kinder nun gewissermassen nachgeholt. 

Welche Folgen hat die massive Zunahme der Notfall-Konsultationen für Ihre Mitarbeitenden? 

Der Anstieg führt insbesondere während der Spitzenzeiten am Abend und bis in die Nacht sowie an Wochenend- und Feiertagen zu einer ausgeprägten Belastung des Personals – bei allen Berufsgruppen. Auch in der Bieler Kinderklinik stossen wir in diesen Zeiten an die Grenzen der räumlichen und personellen Rahmenbedingungen.

Und für die Patientinnen und Patienten? 

Die Häufung von Patienteneintritten zu Spitzenzeiten am Abend und an Wochenendtagen führt teilweise zu sehr langen Wartezeiten. Die Behandlung erfolgt immer nach medizinischer Dringlichkeit und nicht in der Reihenfolge des Eintreffens der Patientinnen und Patienten. Entsprechend warten diejenigen mit den leichtesten Erkrankungen oder Verletzungen am längsten, was teilweise zu Unverständnis führt und für das Personal oft einen zusätzlichen Erklärungs- und Zeitaufwand mit sich bringt.

Welche Massnahmen hat das Spital zur Bewältigung der Lage getroffen?

Sowohl bei den Pflegefachpersonen als auch bei den Ärztinnen und Ärzten haben wir unsere Einsatzpläne in den Abend- und Nachtstunden mit zusätzlichem Personal bestückt. Ebenso wurden zusätzliche Stellen geschaffen; aufgrund des bestehenden Fachkräftemangels konnten diese jedoch teilweise noch nicht besetzt werden. 

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