Messerattacke in Lugano: «Konvertiten sind oft radikaler»

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Messerattacke in Lugano«Konvertiten sind oft radikaler»

Nach dem Angriff in Lugano spricht Experte Dirk Baier über die Radikalisierung von Frauen, das Risiko von Konvertiten – und erklärt, weshalb man sich in einen Jihadisten verliebt.

von
Céline Krapf
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Eine 28-jährige Schweizerin griff am Dienstag zwei Frauen im Manor-Warenhaus an.

Eine 28-jährige Schweizerin griff am Dienstag zwei Frauen im Manor-Warenhaus an.

Rescue Media
Dr. Dirk Baier ist Leiter des Instituts Delinquenz & Kriminalprävention an der ZHAW.

Dr. Dirk Baier ist Leiter des Instituts Delinquenz & Kriminalprävention an der ZHAW.

Eines der Opfer trug schwere, aber nicht lebensbedrohliche Verletzungen davon.

Eines der Opfer trug schwere, aber nicht lebensbedrohliche Verletzungen davon.

Leser-Reporter Tio.ch

Darum gehts

  • Eine 28-Jährige hat am Dienstag zwei Frauen mit einem Messer attackiert und eine davon verletzt.

  • Die Konvertitin hatte 2017 erfolglos versucht, nach Syrien zu reisen, und wurde daraufhin in einer psychiatrischen Klinik in der Schweiz untergebracht.

  • Laut Dirk Baier sind Konvertiten überzeugter von ihrer Religion – und deshalb überproportional unter den Extremisten vertreten.

  • Dass die Attentäterin eine Frau ist, sei die absolute Ausnahme in Europa.

Im Zentrum von Lugano kam es am Dienstag zu einem Blutbad: Eine 28-jährige Schweizerin griff zwei Frauen im Manor-Warenhaus an und verletzte eine davon schwer. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) vermutet einen terroristischen Hintergrund. Denn: Die Konvertitin war bereits vor der Tat der Polizei bekannt. Dirk Baier, Experte im Bereich Extremismus und Professor an der Zürcher Hochschule (ZHAW), beantwortet die wichtigsten Fragen zur mutmasslichen Radikalisierung und den Hintergründen der Tat.

Laut dem Bundesamt für Polizei (Fedpol) war die Täterin 2017 über Social Media mit einem Kämpfer aus Syrien verliebt. Wie kommt es dazu, dass sich eine 28-jährige Schweizerin zu einem Jihadisten hingezogen fühlt?

Das Verlieben via Internet ist heute ja fast Normalität. Zudem wurden Frauen vor einigen Jahren gezielt online angesprochen, um sie in den IS zu locken. Ganz verschiedene Menschen liessen sich auf diese Angebote ein: Einerseits junge Frauen, die in ihrem familiären Umfeld stark kontrolliert wurden und ausbrechen wollten. Andererseits aber auch libertäre Frauen, denen die Grundorientierung fehlte und die nach Rolle und Status in der Gesellschaft suchten. Die Vorstellung, Ehefrau eines Kriegers zu sein, gefiel offenbar vielen.

Speziell an diesem Fall ist insbesondere, dass die Täterin weiblich ist. Inwiefern unterscheidet sich die Radikalisierung einer Frau von der eines Mannes?

Dass die Attentäterin eine Frau ist, ist die absolute Ausnahme in Europa. Zwar reisten immer wieder Frauen in das Gebiet des IS, schmuggelten Waffen und unterstützten so die Organisation – aber dass sie selbst einen Anschlag ausführen, ist neu. Über den Radikalisierungsprozess von Frauen ist deshalb wenig bekannt, da es so wenige Fälle gibt. Es wird wohl ähnlich ablaufen wie bei Männern: in engen Netzwerken von Gleichgesinnten, die sich allenfalls auch von der Gesellschaft isolieren und konkrete Anschlagspläne besprechen. Dieser Kontakt muss nicht physisch stattfinden, sondern ist auch via Social Media oder Chatgruppen möglich – wie dies offenbar auch bei dieser Frau der Fall war. Weiter weist die Vorgeschichte darauf hin, dass es zu einer Situation von emotionaler Abhängigkeit gekommen ist durch die Beziehung zum Jihadisten. In einer Liebesbeziehung lassen sich Frauen eher manipulieren.

Welche Rolle spielt es, dass die 28-Jährige eine Konvertitin ist?

Konvertiten sind oft radikaler: Überdurchschnittlich viele Personen, die in den Islamischen Staat auswanderten oder terroristische Taten begehen, sind freiwillige Konvertiten. Ein Wechsel der Religion braucht viel innere Überzeugung, solche Menschen sind enorm begeistert von der Ideologie, überspitzen allenfalls auch deren Ziele und sind sehr motiviert, diese zu verfolgen.

Die junge Frau war 2017 auf dem Radar der Behörden, wurde in eine psychiatrische Anstalt verwiesen und blieb seitdem unauffällig. Weshalb ist sie nun nach drei Jahren wieder aktiv?

Während dem Klinikaufenthalt kann es sein, dass sie den Kontakt zum Netzwerk verloren hat und vom Radar der Extremisten verschwand. Wie man es von Straftätern kennt, kann es aber sein, dass die Menschen nach einiger Zeit wieder in gefährliche Kreise reinrutschen. Weiter ist bekannt, dass während der Pandemie die Bildschirmzeit enorm gestiegen ist, was allenfalls auch dazu verleiten kann, alte Kontakte zu reaktivieren.

Wieso war die Frau nicht mehr unter Beobachtung? Haben die Ermittler hier versagt?

Es ist einfach, im Nachhinein etwas besser zu wissen, Vorwürfe gegen die Behörden sind schnell gemacht. Doch auch sie lernen aus solchen Taten und justieren ihre Massnahmen und Taktik entsprechend. Bedenken sollte man zudem, dass es auch ihr Verdienst ist, dass es nicht besser geplante Attacken gibt und mehr Menschen zu Schaden kommen – weil sie offenbar gute Arbeit leisten. Die Verantwortung sehe ich zudem auch in der Gesamtgesellschaft: Familie, Arbeitskameraden, Freunde von radikalisierten Personen sind in der Pflicht, Verdachte zu melden – das können nicht nur Profis.

Hast du oder jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele, Onlineberatung für Kinder psychisch kranker Eltern

Pro Juventute, Tel. 147

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