Aktualisiert 27.09.2017 10:58

Extremismusforscherin

«Konvertiten wollen beispielhaft gläubig sein»

Wer konvertiert zum Islam, und wieso werden viele radikal? Extremismusforscherin Miryam Eser erklärt, wie Rekrutierer unerfahrene Gläubige ausnutzen.

von
ann
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Er ist einer der Konvertiten, die radikal wurden: Der Winterthurer S. hat italienische Wurzeln und verkehrte in der An'Nur Moschee in Winterthur. Er gilt als einer der IS-Rekrutierer der Eulachstadt. Er sass deswegen rund ein Jahr in U-Haft.

Er ist einer der Konvertiten, die radikal wurden: Der Winterthurer S. hat italienische Wurzeln und verkehrte in der An'Nur Moschee in Winterthur. Er gilt als einer der IS-Rekrutierer der Eulachstadt. Er sass deswegen rund ein Jahr in U-Haft.

S. erhielt den Übernamen «Emir» von Winterthur. Zusammen mit Valdet Gashi betrieb er eine Kampfsportschule nach islamistischen Regeln.

S. erhielt den Übernamen «Emir» von Winterthur. Zusammen mit Valdet Gashi betrieb er eine Kampfsportschule nach islamistischen Regeln.

Dieser Walliser konvertierte im Mai 2013 zum Islam. Ein halbes Jahr später reiste er nach Frankreich und von dort in die Türkei, wo er zu Fuss über die Grenze nach Syrien ging. Nach etwas mehr als drei Monaten kehrte er zurück in die Schweiz. Gekämpft hat er nicht. Der Wallister wollte aus humanitären Gründen nach Syrien.

Dieser Walliser konvertierte im Mai 2013 zum Islam. Ein halbes Jahr später reiste er nach Frankreich und von dort in die Türkei, wo er zu Fuss über die Grenze nach Syrien ging. Nach etwas mehr als drei Monaten kehrte er zurück in die Schweiz. Gekämpft hat er nicht. Der Wallister wollte aus humanitären Gründen nach Syrien.

Frau Eser, ein Flughafen-Angestellter der Kantonspolizei Zürich wurde freigestellt, weil er zum Islam konvertiert war und radikal wurde. Arbeitslosigkeit trieb ihn nicht in die Radikalisierung, was dann?

Von unseren Untersuchungen wissen wir: Arbeitslosigkeit ist kein Faktor, der eine Radikalisierung begünstigt. Eine Konversion hingegen scheint ein Risikofaktor zu sein. Unter den Jihad-Reisenden haben wir ein Fünftel Konvertiten.

Wie erklären Sie sich das?

Konvertierte müssen sich das Wissen über die Religion zusammensuchen. Sie kennen sie nicht und wissen nicht, wie sie Informationen über den Islam einordnen sollen. In eine Moschee zu gehen, ist für sie schwierig wegen der Sprache. Darum holen sie sich ihre Informationen oft im Internet. Das ist heikel, weil sie dort vor allem Angebote von extremen Predigern oder extremistischen Organisationen finden.

Wieso sind sie so einfach zu beeinflussen?

Sie setzen sich selber unter Druck, besonders gute Muslime zu sein, wenn sie dazugehören wollen. Entsprechend lassen sie sich viel leichter verführen, wenn sie an die falschen Leute gelangen. Sie stehen unter einem Loyalitätsdruck. Ausserdem wissen wir, dass Rekruteure diese Leute auch gezielt ansprechen und diese Situation ausnutzen.

Unter welchen Lebensumständen konvertiert man?

Aus der Konversionsforschung weiss man, dass es Leute sind, die Orientierung suchen. Auslöser kann eine Identitäts- oder Lebenskrise sein. Praktisch für alle Konvertiten gilt, dass sie in Familien aufwuchsen, in denen Religion keine grosse Rolle spielte.

Wird Religion dann plötzlich zum neuen Lebensinhalt?

Ja, Konvertiten wollen meist besonders gute Gläubige sein und die Religion beispielhaft leben. Das bedeutet, dass sie ihre Lebensweise anpassen und etwa die Regeln bezüglich Essen oder auch Kleidung ganz genau einhalten. Besonders wichtig ist für sie aber auch die Spiritualität. Sie wollen entsprechend den Regeln beten und gewisse Texte lesen.

Der Flughafenangestellte verweigerte Kolleginnen den Handschlag und zog sich zurück. Ist das typisch?

Das können Hinweise sein, dass er eine strikte Trennung zwischen Mann und Frau lebte und den Kontakt zu Ungläubigen mied. In einem fundamentalistischen Verständnis vom Islam gehört das dazu.

Füllen Konvertierte mit so einem Verhalten eine Lücke?

Ich denke schon. Mit der Konversion gehören sie in der Regel plötzlich zu einer Gemeinschaft und erhalten eine sehr festgeschriebene Identität. Sie wissen genau, wo sie hingehören, und definieren sich über die Religion.

Gibt es ein typisches Alter zum Konvertieren?

Konvertiten sind typischerweise jung. Was jedoch die Radikalisierung betrifft, so ist bei den Jihad-Reisenden aus der Schweiz der Älteste 49 Jahre alt. Radikal werden also nicht nur Junge. Die Hauptgruppe ist aber 25 bis 34 Jahre alt.

Miryam Eser Davolio ist Extremismusforscherin am Departement Soziale Arbeit der ZHAW

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