Förderungsgelder: Konzeptlos – Italien verbrät EU-Milliarden
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FörderungsgelderKonzeptlos – Italien verbrät EU-Milliarden

Die EU steckt Milliarden Euro in den Süden Italiens – um die Forschung und Innovation zu stärken. Die Italiener nutzen dieses Geld lieber anders.

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vbi
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Italien liegt bei den Fehlern und Unregelmässigkeiten in der Umsetzung des EU-Haushalts hinter Spanien auf Platz zwei.

Italien liegt bei den Fehlern und Unregelmässigkeiten in der Umsetzung des EU-Haushalts hinter Spanien auf Platz zwei.

Keystone/Urs Flueeler
Der Oscargewinner Mauro Fiore kam 1964 in Marzi zur Welt. Das Dorf liegt in der süditalienischen Armuts-Region Kalabrien. Gleich nach seiner Geburt wanderten Fiores Familie in die USA aus.

Der Oscargewinner Mauro Fiore kam 1964 in Marzi zur Welt. Das Dorf liegt in der süditalienischen Armuts-Region Kalabrien. Gleich nach seiner Geburt wanderten Fiores Familie in die USA aus.

AP/Mark J. Terrill
Im März 2010 gewann Mauro Fiore einen Oscar für seine Kameraführung im Film «Avatar».

Im März 2010 gewann Mauro Fiore einen Oscar für seine Kameraführung im Film «Avatar».

epa/Paul Buck

Über den Oscargewinn von Kameramann Mauro Fiore im März 2010 freute sich vor allem das italienische Dorf Marzi in Kalabrien. Fiore, der wegen seiner Kameraführung im Film «Avatar» ausgezeichnet wurde, kam dort 1964 zur Welt.

Dass seine Familie nur kurz nach seiner Geburt nach Amerika auswanderte, stört in Marzi niemand. Seit dem Oscargewinn führt die 900-Seelen-Gemeinde den Beinamen «Geburtsort von Mauro Fiore».

Den Hype um Fiore wollte das Dorf in Süditalien nutzen, um an Attraktivität zu gewinnen: Ein «Haus der Filmkunst und Fotografie» sollte her. Menschen von überall könnten sich in Marzi spannende Filme anschauen und sich zum Kameramann ausbilden lassen.

Marzi erhielt 300'000 Euro

Die Finanzierung des Projekts war schnell geregelt. Die EU unterstützte Italien zwischen 2007 und 2014 mit sechs Milliarden Euro, vor allem, um die Forschung und Innovation im wirtschaftsschwachen Süditalien zu unterstützen. Marzi hat 300'000 Euro erhalten, wie der «Spiegel» schreibt.

Die für 2014 geplante Eröffnung des Hauses wurde immer wieder verschoben, bis heute ist das Projekt nicht fertig. Ob es überhaupt noch fertiggestellt wird, ist offen. So auch die Frage, ob das Projekt Marzi wirtschaftlich tatsächlich etwas bringen würde.

Altersheime, Ölmühlen und Brautmode

Das Kinohaus in Marzi ist nur eines von rund 500'000 Projekten, die in Süditalien mit Geldern von der EU finanziert werden. Wirtschaftlich konnte sich der Süden des Landes in den letzten Jahren aber nicht verbessern. Das italienische Wissenschaftsmagazin «Le Scienze» wollte genauer wissen, was mit dem EU-Geld passiert. Letzte Woche hat es eine Studie mit der Überschrift «Europäische Fonds, italienische Mysterien» veröffentlicht.

Das Fazit des Berichts: Italien hat kein Konzept. Obwohl das Geld für Forschung und Innovation gedacht ist, werden beispielsweise Matratzenhersteller und Brauereien, Altersheime, Bed-and-Breakfast-Anbieter, Sport-Plätze, Bäckereien und Ölmühlen, Web- und Energie-Projekte jeglicher Art, Schneidereien für Brautmoden, Hersteller von Holz- oder Metallmöbel, Schwimmbäder und Abfüllanlagen für Mineralwasser subventioniert.

Oftmals sind es Ein-Personen-Betriebe ohne Internet-Anschluss und ohne reale Adresse. Die subventionierten Projekte zu überprüfen, fällt deshalb schwer. Nur das Geld findet irgendwie zum Antragssteller.

Italien und Spanien an der Spitze bei Unregelmässigkeiten

Obwohl die EU das Geld bezahlt, ist für die Verteilung der Milliarden die italienische Regierung zuständig. Auf Anfrage von «Le Scienze» wollten sich die zuständigen Behörden nicht äussern. Auch dass knapp die Hälfte des Fördergeldes gar nicht genutzt wird, bleibt unkommentiert. Offenbar fehlt es vielerorts an Ideen.

Die Projekte würden teilweise auch von Brüssel überprüft, sagt Inge Grässle zur «Welt». Die CDU-Europaabgeordnete ist Vorsitzende des EU-Ausschusses für Haushaltskontrollen. «Italien ist als Gründungsmitglied der EU seit zwanzig Jahren hinter Spanien mit an der Spitze bei Fehlern und Unregelmässigkeiten in der Umsetzung des EU-Haushalts», so Grässle.

Für die Zeit zwischen 2014 und 2020 stellt die EU insgesamt 80 Milliarden Fördermittel im Bereich Forschung und Innovation bereit. Welches Land wie viel Geld bekommt, schreibt die EU in ihrem Bericht «Forschung und Innovation» nicht.

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