Gut zu wissen: Kostet ein Euro jetzt immer 1.20 Franken?
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Gut zu wissenKostet ein Euro jetzt immer 1.20 Franken?

Erstmals seit 33 Jahren verfolgt die Nationalbank wieder ein explizites Wechselkursziel. 20 Minuten Online erklärt, worum es dabei geht und beantwortet die wichtigsten Fragen.

von
Balz Bruppacher

Etwas mehr als einen Monat nach ihrer ersten Ankündigung, Massnahmen gegen den starken Franken zu treffen, hat die Schweizerische Nationalbank (SNB) schweres Geschütz aufgefahren. Die Währungshüter haben am Dienstagmorgen ein Kursziel zum Euro von 1.20 Franken bekannt gegeben – und damit sozusagen die Notbremse gezogen. Zuvor hatten die Schweizer Notenbanker um SNB-Präsident Philipp Hildebrand drei Mal in Folge die Liquidität am Franken-Geldmarkt ausgeweitet.

Was bedeutet nun der Mindestkurs genau? Kann die Wirtschaft damit leben? Kostet ein Euro jetzt immer 1.20 Franken? 20 Minuten Online beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was bedeutet ein Mindestkurs?

Der von der Nationalbank festgelegte Mindestkurs ist eine Untergrenze für den Euro-Wechselkurs. Das heisst aber nicht, dass der Euro nun fest zu 1.20 Franken gewechselt wird. Die europäische Währung wird gegenüber dem Franken vielmehr auch in Zukunft schwanken. Die Nationalbank will aber mit allen Mitteln verhindern, dass der Kurs unter 1.20 Franken fällt. Eine solche Politik hatten die Währungshüter letztmals im Herbst 1978 verfolgt, als sie für die D-Mark ein Wechselkursziel von «deutlich über 80» Rappen festlegten.

Wie kann die SNB den Mindestkurs verteidigen?

Die Nationalbank wird auf dem Devisenmarkt intervenieren und immer dann Euro gegen Franken kaufen, wenn der Kurs unter die Marke von 1.20 Franken zu fallen droht. Allein die Ankündigung des Mindestkurses löste auf den Devisenmärkten eine Flucht aus dem Franken aus. Innerhalb von Minuten schoss der Kurs um acht Rappen in die Höhe und überschritt die Untergrenze von 1.20 Franken. Auch andere wichtige Währungen wie der Dollar und der Yen gewannen deutlich an Wert.

Was kostet die Verteidigung des Mindestkurses?

Die Nationalbank kann als Geldmonopolistin unbeschränkt Franken schaffen, um das Wechselkursziel zu verteidigen. Im Gegenzug werden ihre Devisenreserven weiter steigen, und die Bilanz wird sich aufblähen. Verluste gibt es für die Nationalbank aber nur dann, wenn sie bei der Verteidigung des Mindestkurses scheitert. Sinkt der Euro wieder unter 1.20 Franken, kommt es zu Buchverlusten auf den Devisenbeständen. Dies war 2010 der Fall gewesen, als die Nationalbank bei einem Kurs von rund 1.40 Franken massiv Euro gekauft hatte und die Einheitswährung im zweiten Halbjahr dennoch bis auf 1.25 Franken abstürzte.

Warum hat die Nationalbank so lange gewartet mit der Bekanntgabe des Mindestkurses?

Der Kurswechsel ist mit zwei grossen Risiken verbunden. Erstens haben sich die Devisenmärkte seit 1978 stark verändert. Die weltweiten Tagesumsätze erreichen heute rund vier Billionen Dollar. Zudem werden vor allem Derivate eingesetzt, was die technische Abwicklung erschwert. Zweitens wird mit den Devisenkäufen für möglicherweise Hunderte von Milliarden Franken die Geldmenge aufgebläht und damit ein Inflationspotenzial geschaffen. Theoretisch kann dieser Geldüberhang zwar wieder zurückgefahren werden. Es ist aber schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu treffen. So stieg die Teuerung nach den Interventionen von 1978 innerhalb von drei Jahren bis auf 7,5 Prozent (September 1981).

Können Exportwirtschaft und Tourismus mit einem Euro von 1.20 Franken leben?

Die Nationalbank sagt selber, dass der Franken bei diesem Kurs noch hoch bewertet sei und sich mit der Zeit weiter abschwächen sollte. Es ist deshalb denkbar, dass die Nationalbank den Mindestkurs sukzessive nach oben schrauben wird. Wo ein fairer Kurs liegen müsste, ist auch in der Theorie umstritten. Verschiedentlich wurde die Marke von 1.40 Franken genannt.

Heisst das, dass dennoch mit Tausenden von Entlassungen gerechnet werden muss?

Die Ökonomen gehen davon aus, dass schon die bisherige Überbewertung des Frankens zu einer deutlichen Abschwächung des Wirtschaftswachstums und zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen führen wird. Die Bekanntgabe eines Mindestkurses bringt den Firmen nun aber Planungssicherheit. Entscheidend für die Konjunktur und die Beschäftigung in der Schweiz wird sein, ob die Weltwirtschaft weiter wächst und damit die Nachfrage aus dem Ausland anhält. Fallen wichtige Länder wie die USA erneut in eine Rezession zurück, wird auch die stark vom Export abhängige Schweiz einen schweren Stand haben. Weil es in den hochverschuldeten Ländern an Mitteln für eine neue staatliche Konjunkturankurbelung fehlt, wäre die Lage auch für die Schweiz kritischer als 2009.

Nun spricht der Chef persönlich

Nachdem die Massnahmen der Nationalbank gegen den starken Franken bisher von SNB-Vizepräsident Thomas Jordan oder Direktionsmitglied Jean-Pierre Danthine kommuniziert worden waren, ist heute der Chef persönlich vor die Medien getreten. «Der Weg, den die Nationalbank mit der Festsetzung eines Euro-Franken-Mindestkurses beschreitet, ist anspruchsvoll», sagte SNB-Präsident Philipp Hildebrand zur «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens. Die Verteidigung des Mindestkurses könne mit grossen Kosten verbunden sein, doch das müsse man in Kauf nehmen» so Hildebrand. (sas)

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