18.08.2020 18:40

Brauerei im Bauch Kot-Transplantation hilft Mann, nicht mehr ungewollt betrunken zu sein

Keinen Tropfen Alkohol und trotzdem regelmässig betrunken. Mit diesem Problem sah sich ein Belgier plötzlich konfrontiert. Erst das Eingreifen von Ärzten änderte etwas daran.

von
Fee Anabelle Riebeling

Darum gehts

  • Gut zwei Monate war ein Mann aus Belgien angeheitert, ohne Alkohol getrunken zu haben.
  • Die Ärzte diagnostizierten ihm, am Eigenbrauer-Syndrom zu leiden.
  • Bei den Betroffenen wird die Hefe zuckerhaltiger Nahrung im Magen in Ethanol umgewandelt.
  • Der Belgier konnte jedoch geheilt werden.

«Keine Termine und leicht einen sitzen» – so lautet die vielzitierte Antwort des deutschen Schauspielers Harald Juhnke auf die Frage nach seiner Definition von Glück.

Anders dürfte die Antwort des 47-jährigen Belgiers lauten, von dem Mediziner im Fachjournal «Annals of Internal Medicine» berichten. Er war nämlich auf einmal regelmässig betrunken – ohne dafür auch nur einen Tropfen Alkohol angerührt zu haben.

Harald Juhnke (1929–2005) war ein echter Genussmensch und für seine kultigen Sprüche bekannt. Der vielleicht bekannteste lautet: «Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.» (Im Bild: Szene aus dem Fernsehfilm «Der Trinker», 1995)

Harald Juhnke (1929–2005) war ein echter Genussmensch und für seine kultigen Sprüche bekannt. Der vielleicht bekannteste lautet: «Meine Definition von Glück? Keine Termine und leicht einen sitzen.» (Im Bild: Szene aus dem Fernsehfilm «Der Trinker», 1995)

KEYSTONE/WDR/Helmut Roettgen

Diagnose Eigenbrauer-Syndrom

Was für den im Jahr 2005 verstorbenen Juhnke ein Segen war, wurde für den Mann rasch zum Albtraum. Nach rund zwei Monaten Berauschtheit suchte er medizinischen Rat. Den bekam er schliesslich im Universitätsspital Gent, in dem ihm seine Ärzte die Diagnose Eigenbrauer-Syndrom – auch als Auto-Brewery-Syndrom bekannt – stellten.

Bei den Erkrankten sorgt der Hefepilz Saccharomyces cerevisiae (siehe Box) in seinem Darm dafür, dass über die Nahrung aufgenommene Kohlehydrate in Ethanol – Alkohol – umgewandelt werden. Ausgelöst wird es mitunter durch Antibiotika. Weltweit sind nur eine Handvoll Fälle bekannt. Der letzte Fall, der um die Welt ging, war der eines Texaners, der 2015 mit einer ausgewachsenen Alkoholvergiftung ins Spital eingeliefert wurde.

Gestatten, Saccharomyces cerevisiae

Saccharomyces cerevisiae, umgangssprachlich kurz Hefe, hat – ihre lateinische Bezeichnung «cerevisiae», «des Bieres», verrät es schon – ihren Ursprung in obergärigen Bierhefen. Erstmals erwähnt wurde der Pilz von dem römischen Gelehrten Plinius dem Älteren (23 oder 24 bis 79 n. Chr.) in seinem enzyklopädischen Werk zur Naturkunde «Naturalis historia». Der Gattungsname dagegen zeigt an, was die Hefe zum Wachsen braucht: «Saccharomyces» bedeutet so viel wie «Zuckerpilz». Heute wird der Pilz sowohl zum Backen als auch für den Gärprozess beim Bierbrauen verwendet.

Seite aus «Naturalis historia» von Plinius dem Älteren.

Seite aus «Naturalis historia» von Plinius dem Älteren.

Wikimedia Commons/PD

Stuhltransplantation als letzte Möglichkeit

Die Ärzte setzten den Belgier zunächst auf eine kohlenhydratarme Diät und verschrieben ihm sogenannte antimykotische Medikamente, die gegen Pilze wirken. Doch weder das eine noch das andere zeigte Erfolg. Der Mann blieb weiter alkoholisiert. Also entschieden sich die Ärzte zu einer Stuhltransplantation, ein etabliertes Verfahren, das sie unter anderem bei Krebspatienten oder bei Patienten mit einer chronischen Darmentzündung einsetzen.

Auch der 47-jährige Belgier profitierte von dieser Massnahme: Bei einer Kontrolluntersuchung 34 Monate nach dem Eingriff berichtete er, seither nie wieder mit einem ungewollten Rausch konfrontiert gewesen zu sein.

Die Kot-Transplantation

Bei einer solchen wird der Kot einer gesunden Person in den Darm einer erkrankten übertragen. Der Stuhl des gesunden Spenders wird dafür in der Regel mit physiologischer Kochsalzlösung vermischt und die Mischung grob gefiltert. Die dabei entstandene Lösung wird dann durch einen Einlauf oder während einer Darmspiegelung in den Dickdarm des Empfängers eingebracht oder aber durch eine Sonde in den Zwölffingerdarm gespritzt.

Eine andere, noch relativ neue Methode ist die Verabreichung von Stuhl mittels Kot-Kapseln. Der Vorteil: Die Präparate können tiefgekühlt und damit längere Zeit gelagert werden.

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28 Kommentare
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G. Astritis

19.08.2020, 06:46

Weshalb so kompliziert? Einfach SVP-Stimm-und Wahlempfehlungen aufessen geht auch und wirkt sofort.

Tomtom

19.08.2020, 06:46

Die Kot Transplantation - das könnte ebenso gut der Titel einer South Park Folge sein....

Peter

18.08.2020, 21:55

Diese Therapie kann bei verschiedenen Gesundheitsproblemen erfolgreich sein, wird aber viel zu wenig angewandt, weil sie natürlich für die Pharmaindustrie und auch von den ärztlichen Behandlungskosten her, nicht so profitabel ist.