Belastung der Spitäler – Kranke drohen wegen verschobener Operationen zu sterben
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Belastung der SpitälerKranke drohen wegen verschobener Operationen zu sterben

Manche Erkrankte müssen wegen Corona auf die übliche Behandlung verzichten. Ein Patientenvertreter rechnet damit, dass sich dies auf ihre Lebensjahre auswirkt.

von
Bettina Zanni
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«Manche Patienten haben Tumorerkrankungen, die weiter fortgeschritten sind, als man es normalerweise zulässt», sagt Mario Fasshauer, Geschäftsleiter der Zürcher Patientenstelle.

«Manche Patienten haben Tumorerkrankungen, die weiter fortgeschritten sind, als man es normalerweise zulässt», sagt Mario Fasshauer, Geschäftsleiter der Zürcher Patientenstelle.

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Elektive Eingriffe müssen aufgrund der fünften Welle verschoben werden. Auch führten manche Spitäler eine Form der stillen Triage ein.

Elektive Eingriffe müssen aufgrund der fünften Welle verschoben werden. Auch führten manche Spitäler eine Form der stillen Triage ein.

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«Es liegt auf der Hand, dass manche Patientinnen und Patienten sterben oder vielleicht sogar bereits gestorben sind, weil sie nicht wie üblich behandelt werden konnten oder das Spital ihre Operation verschieben musste», sagt Fasshauer. 

«Es liegt auf der Hand, dass manche Patientinnen und Patienten sterben oder vielleicht sogar bereits gestorben sind, weil sie nicht wie üblich behandelt werden konnten oder das Spital ihre Operation verschieben musste», sagt Fasshauer.

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Darum gehts

In der fünften Welle wechselten viele Spitäler in den Krisenbetrieb, planbare Eingriffe müssen verschoben werden. Auch führten manche Spitäler eine Form der stillen Triage ein. Mario Fasshauer, Geschäftsleiter der Zürcher Patientenstelle, erwartet brutale Folgen. «Es liegt auf der Hand, dass manche Patientinnen und Patienten sterben oder vielleicht sogar bereits gestorben sind, weil sie nicht wie üblich behandelt werden konnten oder das Spital ihre Operation verschieben musste.»

Mangels Platz auf den Intensivstationen seien etwa Patienten nach einer Herz-Operation zur Überwachung auf die normale Abteilung verlegt worden, so Fasshauer. «Kam es zu Komplikationen, konnte das Personal dort weniger schnell reagieren.»

«Fortgeschrittene Tumorerkrankungen»

Laut Fasshauer entstanden zudem lange Wartelisten. «Manche Patienten haben Tumorerkrankungen, die weiter fortgeschritten sind, als man es normalerweise zulässt.» Auch orthopädische Operationen würden verschoben, womit sich der Gesundheitszustand verschlechtere.

Oncosuisse-Präsident Jakob Passweg bestätigt: «Es gibt zuhauf Patienten, die verzögert behandelt worden sind.» Etwa aus Sorge wegen mangelnder Intensiv-Plätze oder weil nicht alle OP-Säle in Betrieb gewesen seien. Die Belastung der Spitäler hat auch psychische Folgen. «Viele Patienten mit Tumoren sorgen sich, nicht zeitnah operiert werden zu können», so Stefanie de Borba, Krebsliga-Sprecherin.

Vorzeitiger Tod sei möglich

Auch die «Schweizerische Ärztezeitung» schreibt, dass die mehrwöchige oder -monatige Verschiebung einer planbaren Operation sogar zu vorzeitigem Tod führen könne. Mario Fasshauer sagt, es werde jedoch schwierig, Todesfälle als Folge der stark belasteten Spitäler zu belegen. «Nicht zumutbar wäre, dass diese jede unübliche Behandlung, die einen Zusammenhang mit der Covid-Strategie haben könnte, identifizieren und am Ende beurteilen.»

Die grossen Spitäler vermelden auf Anfrage keine Todesfälle, die sich auf die Ausnahmesituation in den Spitälern zurückführen lassen. Beim Universitätsspitals Zürich heisst es aber: «Es ist so, dass das Verschieben einer Operation eine schlechtere Prognose für die Patientinnen und Patienten bedeuten kann.»

«Danach war es zu spät»

Die vergangenen Corona-Wellen bestätigen die Befürchtungen. Eine Pflegefachfrau eines Zürcher Spitals berichtete dem «Tages-Anzeiger», dass in der dritten Welle Patienten verstorben seien, weil es für geplante Eingriffe wie Herzbypässe tagelang keine freien Intensivbetten mehr gegeben habe .

Katharina Prelicz-Huber kennt einen ähnlichen Fall. «Ein etwa 55-jähriger entfernter Bekannter von mir ist vor wenigen Wochen verstorben, weil sein Operationstermin verschoben wurde», sagt die Grünen-Nationalrätin. Als beim Patienten nach Jahren der Knochenkrebs zurückgekehrt sei, hätten die Ärzte die Operation wegen der Pandemie nicht als dringend nötig eingestuft. «Drei Monate danach war es zu spät – er konnte nur noch palliativ behandelt werden.»

Kantone bereiteten sich vor

Entspannung ist nicht in Sicht: Im Worst-Case-Szenario der Taskforce sind innert einer Woche zusätzlich bis zu 300 Intensivbetten und bis zu 10’000 Spitalbetten belegt. «Ich hoffe, der Hilfeschrei kommt früh genug, damit nicht noch mehr Patientinnen und Patienten gesundheitliche Schäden aufgrund von verschobenen Operationen in Kauf nehmen müssen», so Prelicz-Huber. Ob mit oder ohne Covid – alle Patienten hätten das Recht auf eine Intensiv-Behandlung, sofern es ihr Gesundheitszustand erfordere.

Die Bündner Kantonsärztin Marina Jamnicki versicherte kürzlich, dass sich die Kantone vorbereiteten. Diese stockten Betten auf und kooperierten mit Kliniken, die in die Behandlung klassischer internistischer Patienten normalerweise nicht involviert seien. Zudem bereiteten sich die Kantone vor, auch ausserhalb der Intensivstationen «quasi Intensivbehandlungen» anbieten zu können.

Laut Gesundheitsexperte Erwin Carigiet ist dabei wichtig, dass das Spitalpersonal nicht dauerbelastet ist. «Durch Erschöpfung und Stress passieren die meisten Fehler.»

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