Gesundheitskosten: Kranke sollen sich im Ausland behandeln lassen
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GesundheitskostenKranke sollen sich im Ausland behandeln lassen

Krankenkassen wollen auf Behandlungen ennet der Grenze setzen. Sie versprechen sich davon tiefere Kosten – und eine höhere Qualität.

von
J. Büchi
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Heute bezahlt die Grundversicherung in der Regel nur für Dienstleistungen, die von Spitälern oder Ärzten im Inland erbracht wurden.

Heute bezahlt die Grundversicherung in der Regel nur für Dienstleistungen, die von Spitälern oder Ärzten im Inland erbracht wurden.

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Geht es nach den Krankenversicherern, soll sich das ändern. CSS-Chefin Philomena Colatrella kritisiert im firmeneigenen Magazin «Im Dialog»: Wer sich im Ausland behandeln lassen wolle, bezahle dies heute aus dem eigenen Sack. «Auch wenn die Qualität in einer ausländischen Klinik vielleicht besser und der Preis günstiger wäre.»

Geht es nach den Krankenversicherern, soll sich das ändern. CSS-Chefin Philomena Colatrella kritisiert im firmeneigenen Magazin «Im Dialog»: Wer sich im Ausland behandeln lassen wolle, bezahle dies heute aus dem eigenen Sack. «Auch wenn die Qualität in einer ausländischen Klinik vielleicht besser und der Preis günstiger wäre.»

Keystone/Gaetan Bally
Preisüberwacher Stefan Meierhans unterstützt die Forderung nach offenen Grenzen im Gesundheitswesen: «Bei Medikamenten, Hilfsmitteln und Behandlungen, die im Ausland günstiger sind, macht eine Kostenübernahme Sinn.»

Preisüberwacher Stefan Meierhans unterstützt die Forderung nach offenen Grenzen im Gesundheitswesen: «Bei Medikamenten, Hilfsmitteln und Behandlungen, die im Ausland günstiger sind, macht eine Kostenübernahme Sinn.»

Keystone/Peter Schneider

Wir fahren zum Shoppen nach Deutschland, studieren in England und lassen Gemüse aus Spanien einfliegen. Geht es hingegen um die Gesundheit, sind die Landesgrenzen dicht: Die Grundversicherung der Krankenkasse darf von Gesetzes wegen im Normalfall nur Leistungen bezahlen, die in der Schweiz erbracht wurden.

Nun gerät die Regelung unter Beschuss: Unterstützt von Stimmen aus Wirtschaft und Politik wirbt die Krankenkasse CSS in ihrem Magazin «Im Dialog» für offene Grenzen im Gesundheitssystem. Wer sich im Ausland behandeln lassen wolle, bezahle dies heute aus dem eigenen Sack, schreibt CSS-Chefin Philomena Colatrella im Editorial. «Auch wenn die Qualität in einer ausländischen Klinik vielleicht besser und der Preis günstiger wäre.»

Günstigere Medikamente

Damit liegt die CSS auf der Linie des Krankenkassenverbandes Santésuisse. Auch der Gesundheitsverantwortliche von Economiesuisse und der Preisüberwacher sprechen sich im Magazin dafür aus, «den Zaun ums Gesundheitswesen» einzureissen. «Unsere Gesundheitskosten haben sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt – und die Kurve zeigt weiter steil nach oben», so Preisüberwacher Stefan Meierhans auf Anfrage.

Bei Medikamenten, Hilfsmitteln und Behandlungen, die im Ausland günstiger sind, mache eine Kostenübernahme deshalb Sinn. Schon heute ermuntert er Krankenkassen dazu, im Ausland gekaufte Medikamente zu vergüten – obwohl das gegen das Gesetz verstösst. «Ich verstehe einfach nicht, warum man jemanden bestrafen soll, der einen Sparbeitrag leistet.»

Aber auch Qualitätsgründe sprechen für Meierhans für eine Öffnung: «Wenn ein Schweizer Spital eine Operation nur ein Dutzend Mal pro Jahr durchführt, und eine spezialisierte ausländische Klinik 2000-mal, dürfte die Routine zu besseren Ergebnissen führen.»

Notfall-Behandlungen schon heute möglich

Der Spitalverband H+ lässt diese Argumente nicht gelten. «Die Schweiz hat eines der besten Gesundheitssysteme weltweit», so Sprecherin Dorit Djelid auf Anfrage. Unter dem Gesichtspunkt der Qualität und Patientensicherheit gebe es keine Notwendigkeit, sich im Ausland behandeln zu lassen. «Und bei Notfällen können sich die Schweizerinnen und Schweizer schon heute im europäischen Ausland auf Kosten der Grundversicherung behandeln lassen.»

Müssten sich die Schweizer Spitäler im Wettbewerb mit ausländischen Kliniken behaupten, drohten die Löhne unter Druck zu geraten, so Djelid weiter. Denn das Personal mache heute rund 60 bis 70 Prozent der Spitalkosten aus. Darauf verweist auch SP-Gesundheitspolitikerin Barbara Gysi: «Der Konkurrenzkampf ist Gift für unser Gesundheitswesen.» Sie befürchtet, dass nicht nur die Löhne gesenkt, sondern weniger Personal ausgebildet und Stellen gestrichen würden.

Mehr Wettbewerb führe zudem dazu, dass sich die Kliniken gegenseitig «die guten, vermögenden Patienten abjagen», so Gysi weiter. Es drohe eine Zweiklassenmedizin – auf tiefere Preise zu hoffen, sei hingegen illusorisch. «Und schliesslich stellte sich auch die Frage, wie die Patienten vor qualitativ mangelhaften Behandlungen im Ausland geschützt werden könnten.»

Erste Lockerung beschlossen

Preisüberwacher Meierhans räumt ein, dass es bei der Umsetzung verschiedene Fragen zu beachten gälte. «Die Versorgungssicherheit in der Schweiz muss auf jeden Fall sichergestellt bleiben.» Klar sei auch, dass niemand gezwungen werden dürfte, sich im Ausland behandeln zu lassen.

Eine erste Lockerung hat das Parlament in der Herbstsession bereits beschlossen: In grenznahen Regionen dürfen sich Patienten künftig auch im nahen Ausland behandeln lassen. In zwei Pilotprojekten in Basel/Lörrach und St. Gallen/Liechtenstein wurde das bereits getestet – das Interesse fiel allerdings bescheiden aus.

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