Aktualisiert 17.01.2018 09:20

Homeoffice mit GrippeKranke sollen von zu Hause aus arbeiten

Arbeitgeber und Ärzte propagieren die Idee, dass kranke Angestellte Homeoffice machen sollten. Gewerkschaften protestieren.

von
B. Zanni
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Im Krankheitsfall ist neuerdings Arbeiten in den eigenen vier Wänden eine Option.

Im Krankheitsfall ist neuerdings Arbeiten in den eigenen vier Wänden eine Option.

Khosrork
«Die Arbeitgeber nützen die Möglichkeit viel zu wenig aus, Angestellten, die sich nicht 100 Prozent fit fühlen, eine sogenannte angepasste Tätigkeit vorzuschlagen», sagt Arbeitsmediziner Claude Sidler.

«Die Arbeitgeber nützen die Möglichkeit viel zu wenig aus, Angestellten, die sich nicht 100 Prozent fit fühlen, eine sogenannte angepasste Tätigkeit vorzuschlagen», sagt Arbeitsmediziner Claude Sidler.

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Der Schweizerische Arbeitgeberverband verfolge neue Entwicklungen im Bereich des Absenzenmanagements mit Interesse, sagt Geschäftsleitungsmitglied Fredy Greuter. «Dazu kann auch ein reduziertes Homeoffice bei ansteckenden Krankheiten gehören.»

Der Schweizerische Arbeitgeberverband verfolge neue Entwicklungen im Bereich des Absenzenmanagements mit Interesse, sagt Geschäftsleitungsmitglied Fredy Greuter. «Dazu kann auch ein reduziertes Homeoffice bei ansteckenden Krankheiten gehören.»

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Die Grippe grassiert in der Schweiz. Auf 100'000 Einwohner kommen 331 Fälle. Doch nicht alle finden, dass man dann ins Bett gehört, bis man wieder fit ist. «Manchmal ist ein reduziertes Pensum im Homeoffice eine gute Zwischenlösung, sofern dies der Arbeitgeber ermöglicht», sagte Arbeitsmediziner Claude Sidler kürzlich im Magazin «Astrea Apotheke». Denn bei starker Erkältung, begleitet von Fieber und Abgeschlagenheit, bringe der Erkrankte erstens die Leistung am Arbeitsplatz nicht mehr und stecke zweitens andere Mitarbeiter an.

Haben Sie schon einmal trotz Krankheit gearbeitet? Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen:

«Die Arbeitgeber nützen die Möglichkeit viel zu wenig aus, Angestellten, die sich nicht 100 Prozent fit fühlen, eine sogenannte angepasste Tätigkeit vorzuschlagen», sagt Sidler auf Anfrage. Anstatt zu fragen, welches Pensum und welche Arbeiten sie im Homeoffice für zumutbar hielten, gingen sie davon aus, dass Angestellte bei jeder Erkältung komplett ins Bett gehörten.

Sidler: «Es gibt Angestellte, die kommen zwei- bis dreimal pro Monat zu mir, um sich ein Arztzeugnis für Kurzabsenzen ausstellen zu lassen.» Sie hätten teilweise leicht erhöhte Temperatur, Husten und Schnupfen, wären aber immer noch in der Lage, reduziert zu arbeiten. «Selbständigerwerbende hingegen gehen oft ‹halbtot› arbeiten.»

Hat die Grippe auch Sie erwischt? Schicken Sie uns Fotos aus dem Krankenbett:

Arbeitgeber verfolgen neues Absenzenmanagement

Die Idee könnte sich in den Firmen schon bald durchsetzen. Der Schweizerische Arbeitgeberverband verfolge neue Entwicklungen im Bereich des Absenzenmanagements mit Interesse, sagt Geschäftsleitungsmitglied Fredy Greuter. «Dazu kann auch ein reduziertes Homeoffice bei ansteckenden Krankheiten gehören.» Denn aus wirtschaftlichen Gründen sei es im Interesse der Arbeitgeber nicht nur, Kranke von der Arbeit abzuhalten, sondern auch Alternativen zur Büroarbeit zu entwickeln.

Auch Jean-François Rime, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands, unterstützt Homeoffice im Krankheitsfall. «Bei Angestellten, die für ihre Aufgaben nur Computer und Telefon brauchen, würde Homeoffice mit reduziertem Pensum im leichten Krankheitsfall Sinn machen», sagt er. Laut Rime belegen Studien, dass die Abwesenheitsraten in Verwaltungsjobs besonders hoch sind. «Dabei könnten gerade diese Angestellten problemlos zuhause arbeiten, wenn sie nicht ganz fit sind.»

Der SVP-Nationalrat und Besitzer eines Sägewerks ist der Meinung, dass die Arbeit von zuhause aus insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen ein Vorteil wäre. «Denn fällt jemand aus, findet man in KMUs nicht so schnell einen Ersatz wie in grossen Unternehmen.» Dank des engen Kontakts zu den Mitarbeitern könnten die Chefs zudem gut einschätzen, wann Homeoffice einem kranken Mitarbeiter zuzumuten wäre und wann nicht.

«Wenn man krank ist, ist man krank»

Gewerkschaften wehren sich. «Wir sind komplett dagegen. Wenn man krank ist, ist man krank», betont Hansjörg Schmid, Sprecher von Angestellte Schweiz. Solche Ideen weckten die Arbeitshaltung, dass Angestellte auch bei Krankheit einsatzfähig seien. «Das finden wir sehr gefährlich.» Wer zuhause krank arbeite, könne sich nicht richtig erholen. «Das hat zur Folge, dass man die Krankheit verschleppt und am Schluss noch viel länger krank ist.»

Zudem erhöhe dies den Druck in der Arbeitswelt. «Wir sind schon so weit, dass die Angestellten auch in der Freizeit erreichbar sind, weil von ihnen immer mehr gefordert wird.» Schmid ist der Ansicht, dass Homeoffice nur eine Option ist, wenn Angestellte kein Fieber haben, die Kollegen aber nicht mit ihrer Erkältung anstecken wollen.

Silvan Winkler, Arbeitspsychologe beim Marktforschungsinstitut GFK Schweiz, warnt davor, dass Arbeitgeber Angestellte unter Druck setzen. «Das Vertrauensverhältnis spielt eine entscheidende Rolle.»

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