Aktualisiert 29.08.2013 12:56

Medizin-Tourismus

Krankenkasse schickt Patienten ins Ausland

Assura, die zweitgrösste Krankenkasse der Schweiz, bietet neuerdings günstige Zahnbehandlungen im Ausland an. Schweizer Zahnärzte sind gar nicht erfreut.

von
Dino Nodari
Während eine Zahnprothese in der Schweiz etwa 2400 Franken teuer ist, kostet eine solche Prothese in Ungarn nur 485 Franken.

Während eine Zahnprothese in der Schweiz etwa 2400 Franken teuer ist, kostet eine solche Prothese in Ungarn nur 485 Franken.

Die Preisunterschiede sind gewaltig: Während eine Zahnprothese in der Schweiz etwa 2400 Franken kostet, muss man für eine solche Prothese in Ungarn nur 485 Franken hinblättern. Ähnlich ist es bei Zahnimplantaten. Doch die Grundversicherung in der Schweiz bezahlt – ausser im Notfall – im Ausland durchgeführte Operationen nicht. Das könnte sich bald ändern: Assura, die zweitgrösste Krankenkasse der Schweiz, weitet die Partnerschaft mit Novacorpus aus. Bisher wurden nur Augenoperationen angeboten.

Hinter dem Genfer Unternehmen Novacorpus steht der Schweizer Arzt Stéphane von Büren, der für 800'000 Assura-Versicherte Zahnchirurgie in Spanien, Ungarn oder in der Türkei anbietet. Von Büren wirbt damit, dass Zahnbehandlungen bis zu 80 Prozent billiger sind als in der Schweiz – inklusive Reise. Wie kann das gehen? «Ein Zahnarztassistent in Ungarn verdient umgerechnet 1000 Franken – was dort sehr korrekt ist –, in der Schweiz verdient er bis zu 8000 Franken», rechnet von Büren vor. Zudem sei auch das Material günstiger – selbst wenn es sich um ein in der Schweiz hergestelltes Implantat handle.

In den letzten fünf Jahren habe sein Unternehmen mehr als 1000 Schweizer Patienten im Ausland operiert – Tendenz steigend. «Selbst Ärzte und Krankenschwestern nehmen unser Angebot wahr, weil sie sehen, dass unser Gesundheitssystem Probleme hat und immer teurer wird», sagt von Büren zu 20 Minuten. Für den Arzt ist klar, dass Operationen im Ausland die Zukunft für das Schweizer Gesundheitssystem darstellen.

«Für Patienten bedenklich»

Dieses Angebot passt den Schweizer Zahnärzten gar nicht. Für die Schweizerische Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) ist klar, dass Operationen im Ausland Risiken bergen. «Dieses Modell ist rechtlich fragwürdig, für Patienten bedenklich und gesundheitspolitisch falsch», sagt SSO-Sprecher Marco Tackenberg. Die Schweiz stellt strenge Anforderungen an Ärzte und die verwendeten Materialien. «Diese Standards können Schweizer Behörden im Ausland schlicht nicht kontrollieren», so Tackenberg weiter. Es sei deshalb grundsätzlich falsch, Patienten zur Behandlung ins Ausland zu schicken.

Gerade beim Einsetzen von Implantaten sieht Tackenberg Risiken: «Solche Eingriffe gehen mit einer längeren Einheilzeit einher, bevor der nächste Schritt unternommen werden kann. Die Gefahr im Ausland ist, dass zu viel in zu kurzer Zeit gemacht wird.» Dem widerspricht von Büren: «Selbstverständlich entspricht die Qualität der Behandlung mindestens dem Schweizer Standard.» Die Behandlung würde durch erfahrene, Deutsch sprechende Ärzte vorgenommen und die Nachkontrolle werde in der Schweiz stattfinden.

Krankenkassen hoffen auf tiefere Kosten

Bei der Auslagerung von Operationen ins Ausland profitieren vor allem die Patienten von tieferen Kosten. «Wir als Krankenkasse haben keine Kostenvorteile durch die Zusammenarbeit mit Novacorpus», sagt eine Sprecherin. Seit 2010 haben rund 300 Assura-Kunden eine Augen-Operation im Ausland durchführen lassen.

Operationen im Ausland könnten schon bald für viele Schweizer möglich sein. Derzeit laufen Versuche in grenznahen Kantonen. Wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich berichtete, will Bundesrat Alain Berset im Herbst eine Änderung des Krankenversicherungsgesetzes in die Vernehmlassung schicken. Dieses soll die rechtliche Grundlage für internationale Kooperationen schaffen.

«Wir denken, dass in weniger als fünf Jahren Schweizer Operationen im Ausland durchgeführt werden können und die Kosten von der Krankenkasse zurückerstattet werden», so von Büren. Schliesslich sei das jetzt schon für 500 Millionen Europäer möglich. Es sei die einzige Möglichkeit, die Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen.

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