Ab auf die Couch!: Krankenkassen sollen Psycho-Therapien zahlen
Aktualisiert

Ab auf die Couch!Krankenkassen sollen Psycho-Therapien zahlen

Der Bund will, dass mehr Schweizer den Psychologen aufsuchen. Um die Behandlung attraktiver zu machen, sollen Krankenkassen die Kosten übernehmen. Niemals, sagen bürgerliche Politiker.

von
Jessica Pfister
Gemäss Nationalem Gesundheitsbericht hat knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mindestens einmal im Leben eine psychische Störung, die therapiert werden sollte.

Gemäss Nationalem Gesundheitsbericht hat knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mindestens einmal im Leben eine psychische Störung, die therapiert werden sollte.

Pro Jahr legen sich in der Schweiz rund 5 Prozent der Bevölkerung auf die Psychologen-Couch. Viel zu wenig, meint das Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Es finden zu wenig Therapien statt angesichts dessen, was therapiert werden müsste», sagt Vizedirektor Stefan Spycher gegenüber der «NZZ am Sonntag». Deshalb will der Bund den Zugang zur Psychotherapie erleichtern. Der Plan: Ab 2013 sollen die Kosten für die Theapie durch die obligatorische Grundversicherungen übernommen werden. Bisher mussten Patienten diese selbst bezahlen oder dafür eine Zusatzversicherung abschliessen. Voraussetzung für die Kostenübernahme ist allerdings, dass ein Arzt den Patienten an den Psychologen überwiesen hat. Das BAG will aber auch prüfen, ob Patienten ohne Umweg über einen Mediziner eine Therapie bezahlt bekommen.

Dafür wäre eine Gesetzesänderung durch das Parlament nötig. Doch schon heute ist klar: Bei der Mehrheit der Politiker kommen die Pläne des Bundes schlecht an. «Es kann nicht sein, dass die Krankenkassen jede gesundheitliche Leistung übernehmen müssen», sagt CVP-Nationalrätin Ruth Humbel gegenüber 20 Minuten Online. Ausserdem glaube sie nicht, dass die Schweizer mehr Psychotherapien benötigen. «Bei leichten psychischen Störungen reicht die Versorgung durch die Hausärzte aus.» Noch deutlicher wird SVP-Nationalrat Jürg Stahl: «Seit zwölf Jahren verdoppeln sich die Gesundheitskosten - eine Ausweitung des Leistungskatalogs der Krankenkassen ist deshalb ein völliger Schwachsinn.» Ausserdem sei er dagegen, jeden zweiten Schweizer als krank zu bezeichnen.

«Niemand wird wegen Liebeskummer Psychologen aufsuchen»

FDP-Nationalrat und Arzt Ignazio Cassis ist ebenfalls skeptisch. Er finde es zwar auch nicht mehr zeitgemäss, dass Patienten für eine Psychotherapie den Umweg via Arzt einschlagen müssen, doch anderseits erlaube das heutige System die Kosten im Rahmen zu halten. «Wenn die Krankenkasse künftig für die Psychotherapien aufkommen, muss die Allgemeinheit dafür bezahlen», warnt Cassis. Er befürchtet ausserdem, dass durch die niedrigere Hemmschwelle auch Personen den Psychologen aufsuchen, die es nicht nötig hätten. «Zum Beispiel wenn jemand nach einem Krach mit dem Freund moralische Unterstützung braucht.»

Diese Gefahr sieht SP-Nationalrätin Silvia Schenker nicht. «Wegen Liebeskummer wird auch künftig niemand den Psychologen aufsuchen. Dafür ist das Thema zu sehr tabu», sagt die Sozialarbeiterin, die 15 Jahre an der psychiatrischen Universitätsklinik in Basel gearbeitet hat. Ausserdem würden die Psychologen sehr wohl unterscheiden können, ob jemand eine Behandlung brauche oder nicht. Schenker begrüsst deshalb die Pläne des Bundes. «Wenn mehr Menschen mit psychischen Problemen eine Behandlung in Anspruch nehmen, verringert dies nicht nur viel persönliches Leid, sondern auch Kosten für die Wirtschaft.» Dies zeige sich beispielsweise bei der IV, wo die Kosten durch psychische Krankheiten in den letzen Jahren gestiegen seien. «Es liegt also im Interesse jedes Arbeitgebers, dass seine Angestellten auch psychisch gesund sind.»

«Therapie nützt allen»

Unterstützung erhält das BAG auch von Nationalrätin Yvonne Gilli. «Der Nutzen einer Psychotherapie geht weit über eine Person hinaus», sagt die Ärztin gegenüber 20 Minuten Online. Wenn ein Elternteil zum Beispiel an Depressionen leide und sich behandeln lasse, profitiere dadurch auch das Kind. Den Umweg über einen Allgemeinarzt hält Gilli für völlig unnötig. «Es macht wenig Sinn, wenn Allgemeinärzte über etwas entscheiden, wovon sie selber nicht viel verstehen.»

Jeder zehnte Schweizer hätte Behandlung nötig

Gemäss dem Nationalen Gesundheitsbericht von 2008 leidet knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mindestens einmal im Leben an einer psychischen Störung, die therapiert werden sollte. Jährlich sind gemäss dem Bericht bei 10 Prozent der Bevölkerung behandlungsbedürftige Störungen zu verzeichnen. In Behandlung waren jedoch nur etwas über 5 Prozent der Bevölkerung. Die negativen Folgen verzögerter Behandlungen sind gross.

Schon frühere Versuche, psychologische Therapien durch die Grundversicherung bezahlen zu lassen, scheiterten. Einerseits, weil die Krankenkassen die Kostenfolgen fürchteten, und anderseits, weil sich Ärzte und Psychologen nicht einigen konnten. Am Widerstand der Krankenversicherer hat sich heute nichts geändert. (sda)

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