12.08.2014 10:19

RisikoausgleichKrankenkassen wollen keine jungen Männer

Jung, gesund, männlich: Was für eine Krankenkasse nach einem «guten Risiko» tönt, ist ein Verlustgeschäft. Denn die Kassen müssen viel Geld in den Risikoausgleich zahlen.

von
S. Spaeth
Laut Statistik verursacht ein 19- bis-25-jähriger Versicherter jährlich lediglich Kosten von rund 1300 Franken.

Laut Statistik verursacht ein 19- bis-25-jähriger Versicherter jährlich lediglich Kosten von rund 1300 Franken.

Junge sind in der Regel weniger krank und gehen seltener zum Arzt. Das macht sie für die Kassen auf den ersten Blick zu «guten Risiken». Laut Statistik verursacht ein 19- bis 25-jähriger Versicherter jährlich lediglich Kosten von rund 1300 Franken. Bei Pflegebedürftigen im hohen Alter kann es problemlos das Zehnfache sein. Doch die Zeit, als die Kassen vor allem Jagd auf Junge machten, sind vorbei.

Schuld an diesem Wandel ist das politisch gewollte System des Risikoausgleichs. Für jede junge, gesunde Person in den eigenen Reihen muss eine Kasse Geld in den Ausgleichsfonds zahlen, wovon Versicherer mit vielen kranken und in der Folge teuren Kunden profitieren. Laut einer in der «SonntagsZeitung» publizierten Expertenberechnung kosteten 19 bis 25 Jahre alte Männer aus dem Kanton Zürich die Kassen 2013 pro Monat im Schnitt 283 Franken. Davon entfielen nur 75 Franken auf Gesundheitskosten, die übrigen 208 Franken musste eine Kasse in den Risikoausgleich abliefern.

Kassen gewähren Jungen weniger Rabatte

«Es kann sein, dass die Prämie für einen jungen Mann beinahe günstiger ist als der Betrag, den eine Krankenkasse in den Risikoausgleichstopf einbezahlen muss», sagt Krankenkassenexperte Felix Schneuwly von Comparis zu 20 Minuten. Beziehe man noch die Verwaltungskosten der Kassen mit ein, würden Junge für die Kassen zum Verlustgeschäft. Dass junge Männer zu schlechten Risiken geworden sind, zeigt sich auch am Umstand, dass ihre Prämien im letzten Jahr am stärksten gestiegen sind. Die Kassen gewähren ihnen immer weniger Rabatte.

«Es ist absurd, wenn ältere Leute durch Zahlungen aus dem Risikotopf plötzlich zu attraktiven Kunden werden», sagt Schneuwly. Am rentabelsten seien derzeit Patientinnen über 55, die sich im letzten Jahr beispielsweise ein künstliches Hüftgelenk hätten machen lassen, ansonsten aber bei guter Gesundheit seien.

Die Politik ist schuld

Beim Krankenkassenverband Santé Suisse weist man die Kritik am Risikoausgleich von sich und spielt den Ball der Politik zu. «Die neuen Anreize hat die Politik bewusst geschaffen, damit sich die Behandlung von schwer und chronisch kranken Menschen besser lohnt», sagt Sprecher Paul Rhyn. Er räumt aber ein, dass jedes System justiert werden müsse, sofern sich negative Effekte ergeben würden. Schneuwly plädiert für einen Ausgleich, der sich nicht mehr am Alter und Geschlecht der Versicherten orientiert: «Ein wirksamer Risikoausgleich stützt sich auf die effektiven Krankheitsrisiken der Versicherten.»

Und wie reagieren die Kassen auf die jungen Männer, die sich zunehmend als schlechte Risiken entpuppen? «Die Versicherer steuern das zu einem gewissen Teil über die Möglichkeit der direkten Offerten im Internet oder auch über Makler und Callcenter», sagt Schneuwly. Will heissen: Wer sich auf einem Vergleichsportal informiert, erhält zwar die Prämie angezeigt, kann sie sich aber nicht per Mausklick direkt offerieren lassen. Dass das immer mehr vorkommt, stellt man bei Santé Suisse in Abrede. «Für einen Kassenwechsel wird keine Offerte benötigt. Die Kassen haben eine Aufnahmepflicht», sagt Rhyn. Werde diese nicht eingehalten, schreite die Aufsichtsbehörde ein.

Dass sich das Anwerben der Jungen in vielen Regionen nicht mehr lohnt, zeigt die in der «SonntagsZeitung» publizierte Berechnung des Krankenkassenspezialisten Josef Hunkeler. Die Prämien der 19- bis 25-Jährigen decken ihre Kosten inklusive des Risikoausgleichs gesamtschweizerisch nur zu 78,4 Prozent.

Abstimmung über Einheitskasse

Am 28. September stimmt das Schweizer Volk über die Einheitskasse ab. Gäbe es sie schon heute, müssten vor allem die sparsamen Prämienzahler mehr bezahlen. Das zeigt eine Auswertung des Internet-Vergleichsdienstes comparis.ch. Bewohner ländlicher Regionen würden zu den Verlierern gehören, ebenso wie Versicherte mit einer hohen Franchise, einem alternativen Modell oder einer günstigen Versicherung. 59 Prozent der Versicherten wären Verlierer, 41 Prozent Gewinner. Berücksichtigt man, dass die Eltern die stark steigenden Prämien ihrer Kinder bezahlen, gibt es noch mehr Verlierer, so die Rechnung der Einheitskassen-Gegner. Die Gegner einer Einheitskasse gehen von jährlichen Mehrkosten von 4,6 Milliarden Franken aus. Die Befürworter rechnen mit Einsparungen von jährlich rund 300 Millionen Franken und mittelfristig mit Einsparungen von jährlich rund 2 Milliarden Franken. (sas)

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