Kreuzigung: Jesus in embryonaler Stellung
Aktualisiert

Kreuzigung: Jesus in embryonaler Stellung

Die Arme ausgestreckt, die Beine gerade, die Hände angenagelt — so stellen wir uns den leidenden Jesus am Kreuz vor. Ein Dokudrama der BBC behauptet nun: Jesus starb nicht so. Aber wie dann?

«The Passion» («Die Passion») heisst das vierteilige Dokudrama des britischen TV-Senders, das derzeit die Gemüter in Grossbritannien erregt. Die Produzenten der Serie, deren letzter Teil am Ostersonntag ausgestrahlt wird, räumen mit der traditionellen Vorstellung der Kreuzigung Jesu auf: Der Sohn Gottes hängt in der BBC-Version in einer Art Fötalstellung am Kreuz; die Beine angewinkelt und die Arme über dem Kopf. Und die Nägel durchbohren nicht die Hände, sondern die Unterarme. Das berichtet die britische Zeitung «Telegraph».

Wütender Protest der Theologen

Führende Theologen in Grossbritannien sind empört über die Neuinterpretation von Jesu Kreuzestod. Reverend George Curry, Vorsitzender der Church Society, sagte dem «Telegraph» über die BBC-Produzenten: «Sie führen die Leute in die Irre, indem sie die Tatsachen verdrehen. [...] Jesus' Nägel durchbohrten seine Hände, nicht seine Vorderarme.» Die Theologen untermauern ihre traditionelle Sicht mit einer Bibelstelle (Joh. 20/27), wo der auferstandene Jesus zu Thomas spricht: «Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände; und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!»

Skelett mit Nagel

Neueste historische Erkenntnisse geben allerdings eher der BBC Recht. Vor allem ein Skelett, das 1968 in der Nähe von Jerusalem gefunden wurde, bestätigt die Sichtweise der TV-Produzenten: Hier steckte noch ein Nagel im Fersenbein. Dies ergibt nur einen Sinn, wenn die Füsse seitlich rechts und links am Pfahl durch das Fersenbein hindurch angenagelt wurden.

So kreuzigten die Römer

Die Römer pflegten vor allem entlaufene Sklaven und Aufständische in eroberten Provinzen zu kreuzigen. Diese Hinrichtungsart — einmal abgesehen davon, dass sie extrem grausam war — galt als äusserst schmachvoll.

Der Verurteilte wurde zuerst vollständig entkleidet und danach öffentlich ausgepeitscht. Diese Folter war nicht nur erniedrigend, sie schwächte auch wesentlich den Körper und verkürzte so die Dauer des Todeskampfs am Kreuz.

Nach der Geisselung musste der Todeskandidat den Querbalken (lat. patibulum) — wobei er bereits daran befestigt war — zur Richtstätte tragen. Dort wurde der Querbalken mitsamt dem Verurteilten auf einen Pfahl gehoben und oben befestigt, wodurch eine T-Form entstand. Die eigentliche Kreuzform entstand nur, wenn der Querbalken mit einem Strick am Pfahl aufgehängt wurde. Dies geschah eher selten.

Hände oder Arme?

Nicht alle Verurteilten wurden angenagelt; die Opfer wurden oft in einer schmerzhaften Position festgebunden. Das Annageln verkürzte aber durch den Schmerz und den Blutverlust die Agonie. Um einen zu frühen Eintritt des Todes zu verhindern, wurden die Nägel aber nicht am Handgelenk platziert, wo die Arterien verlaufen, sondern vorzugsweise am Unterarm zwischen Elle und Speiche. Dass Nägel durch die Handflächen getrieben wurden, wie dies die traditionellen christlichen Darstellungen zeigen, kam nur dann vor, wenn zugleich die Handgelenke festgebunden waren. Sonst hätte diese Art der Annagelung den Körper nicht tragen können.

Der langsame Tod

Der Tod trat am Kreuz quälend langsam ein. Die Agonie konnte mitunter mehrere Tage dauern; oft starben die Verurteilten etwa nach einem Tag.

Die eigentliche Todesursache war dabei meist Ersticken oder ein Kreislaufkollaps. Der qualvolle Erstickungstod trat ein, weil dem Gekreuzigten die Atmung zusehends schwer fiel, da die Atemmuskulatur von Krämpfen erfasst wurde und sich zudem Flüssigkeit in den Lungen ansammelte. Ein Kreislaufkollaps wiederum trat aufgrund der nahezu vollständigen Bewegungsunfähigkeit ein.

Wenn die Schergen den Todeskampf verlängern wollten, brachten sie am Pfahl auf Höhe des Gesässes ein Querholz (lat. sedile) an, das den Verurteilten etwas stützte. Auch unter den Füssen wurde manchmal ein solches Brett befestigt, oder die Füsse wurden seitlich an den Pfahl genagelt. So konnte der Gekreuzigte seine Arme entlasten, was ihm die Atmung erleichterte — und die Qual verlängerte.

Umgekehrt konnte der Eintritt des Todes beschleunigt werden — oft bestachen Angehörige dafür die Wachen —, wenn dem Verurteilten die Beine gebrochen wurden, so dass er sein Gewicht weniger gut tragen konnte.

Der Stich in die Seite

Um nach dem Tod sicherzustellen, dass der Verurteilte tatsächlich tot war, stachen ihm die Schergen mit einer Lanze in den Bauch. Auch hier weicht die traditionelle Christus-Darstellung mit dem Wundmal an der Seite des Brustkorbs von der historischen und anatomischen Wirklichkeit ab: Bei einem Stich in die Seite würde die Spitze durch die Rippen abgelenkt.

Nach dem Tod blieb der Leichnam in der Regel hängen, bis sämtliche Überreste durch Verwesung von selber herunterfielen. In Gebieten wie Palästina, die eine solche Praxis wegen religiösen Bestattungsvorschriften nicht erlaubten, nahmen die Römer jedoch Rücksicht auf örtliche Gepflogenheiten.

dhr

(Quelle: Wikipedia.org)

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