Solarpanel, Kompass, Angelrute – Krieg entfacht Survival-Hype – «viele kaufen Dinge, die sie nie brauchen»
Publiziert

Solarpanel, Kompass, AngelruteKrieg entfacht Survival-Hype – «viele kaufen Dinge, die sie nie brauchen»

Schweizerinnen und Schweizer haben Angst vor dem Krieg und decken sich nun mit Survival-Tools wie Powerbanks und Stromgeneratoren ein. Ist das sinnvoll? Ein Experte ordnet ein.

von
Marcel Urech
1 / 9
Der Ukraine-Krieg hat dazu geführt, dass Schweizerinnen und Schweizer wie wild Survival-Tools kaufen. Der Absatz von Campingkochern ist bei Digitec Galaxus in einem Jahr um 420 Prozent explodiert, bei Brack um 350 Prozent.

Der Ukraine-Krieg hat dazu geführt, dass Schweizerinnen und Schweizer wie wild Survival-Tools kaufen. Der Absatz von Campingkochern ist bei Digitec Galaxus in einem Jahr um 420 Prozent explodiert, bei Brack um 350 Prozent.

20min/Simon Glauser
Digitec Galaxus verkaufte im vergangenen März 780 Prozent mehr Wasserfilter als im März 2021. Bei Brack stieg der Absatz von Produkten für die Wasseraufbereitung im gleichen Zeitraum gar um 840 Prozent.

Digitec Galaxus verkaufte im vergangenen März 780 Prozent mehr Wasserfilter als im März 2021. Bei Brack stieg der Absatz von Produkten für die Wasseraufbereitung im gleichen Zeitraum gar um 840 Prozent.

Freshfocus/Urs Lindt
Auch die Nachfrage nach Solarpanels ist stark gestiegen: bei Digitec Galaxus um 480 Prozent, bei Brack um 720 Prozent.

Auch die Nachfrage nach Solarpanels ist stark gestiegen: bei Digitec Galaxus um 480 Prozent, bei Brack um 720 Prozent.

20min/Michael Scherrer

Darum gehts

  • Der Krieg hat dazu geführt, dass sich die Schweizer Kundschaft gerade regelrecht auf Wasserfilter, Taschenlampen und Solaranlagen stürzt.

  • Die Menschen streben nun nicht mehr nach Glück, sondern nach körperlicher Unversehrtheit, sagt ein Wirtschaftspsychologe.

  • «Es ist nicht falsch, ein Solarpanel zu kaufen, aber vielleicht wäre es schlauer, sich darüber zu informieren, wo der nächste Luftschutzbunker ist», so der Experte.

In den Verkaufscharts bei Digitec Galaxus gehen Outdoor-Produkte gerade durch die Decke: Die Firma setzte im März 780 Prozent mehr Wasserfilter, 600 Prozent mehr Solarpanels und 480 Prozent mehr Survival-Tools als im gleichen Monat im Jahr 2021 ab. Auch Campingkocher (+420 Prozent), Erste-Hilfe-Sets (+360 Prozent) und Konserven und Fertiggerichte (+310 Prozent) verkauften sich sehr gut.

Digitec Galaxus setzte im März auch mehr Stromgeneratoren (+300 Prozent), Angel-Zubehör (+230 Prozent) und Nachtsichtgeräte (+470 Prozent, unter 100 Stück) ab. Die Zahlen zeigen alle Verkäufe in der Schweiz, Lichtenstein, Deutschland und Österreich – wobei das Unternehmen am meisten in der Schweiz verkauft.

Bei Brack sieht es ähnlich aus: Der Absatz von Produkten für die Wasseraufbereitung wuchs im gleichen Zeitraum um 840 Prozent, Solarmodule um 720 Prozent und Schlafsäcke um 240 Prozent. Auch der Verkauf von Outdoor-Kochern, Stromerzeugern und Powerbanks zog um über 300 Prozent an. Solarpanels und Stromgeneratoren seien sogar so gefragt, dass einige ausverkauft seien, so Brack.

Kriegsangst führt zu fragwürdigen Entscheidungen

«Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben den Menschen gezeigt, dass auch in der Schweiz Produkte fehlen können», stellt Wirtschaftspsychologe Christian Fichter fest. Da viele Schweizerinnen und Schweizer nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, sind sie nun verunsichert und neigen zu fragwürdigen Entscheidungen, wie der Forschungsleiter der Kalaidos-Fachhochschule gegenüber 20 Minuten erklärt.

Doch ist es wirklich irrational, ein Solarpanel zu kaufen, weil man Angst vor dem Krieg hat? «Es ist nicht falsch, ein Solarpanel zu kaufen, aber vielleicht wäre es schlauer, sich darüber zu informieren, wo der nächste Luftschutzbunker ist», sagt Fichter. Viele fühlten sich bedroht und wollten den eigenen Fortbestand sichern. Statt nach Konsum, Individualität und Glück strebe man nun nach Sicherheit und körperlicher Unversehrtheit.

Prepper als Vorbild?

Angst sei eine starke Emotion, die unsere Vernunft ausschalten und zu irrationalen Entscheidungen führen könne, sagt Fichter: «Viele Menschen kaufen jetzt Dinge, die sie nie brauchen werden.» Der Absatz von Outdoor-Produkten boome wohl auch, weil die Prepper-Szene (siehe Box) sichtbarer geworden sei. Es sei zudem in, sein Leben in die eigene Hand zu nehmen und sich vom Staat unabhängig zu machen.

Was sind Prepper?

Prepper sind Menschen, die sich gezielt auf Naturkatastrophen, Pandemien oder Kriege vorbereiten, etwa durch das Horten von Waffen oder das Anlegen eines Notvorrats. Was in den Notvorrat gehört, liest du auf der Website des Bundesamts für Wirtschaftliche Landesversorgung oder bei 20 Minuten.

Unbegründet ist die Angst gemäss Fichter aber nicht. Denn der russische Präsident Wladimir Putin sei völlig unberechenbar und werde von Europa und der Schweiz auch darum als Bedrohung wahrgenommen. Trotzdem geht Fichter davon aus, dass der Outdoor-Produkte-Hype nicht lange anhalten wird. Denn der Mensch werde lernen, mit der neuen Situation umzugehen – und dann wieder rationaler handeln.

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

Deine Meinung

114 Kommentare