Gesunkenes Kriegsschiff und tote Generäle: «Krieg gegen Nato» – Putin verschärft nach Verlusten die Propaganda 
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Gesunkenes Kriegsschiff und tote Generäle«Krieg gegen Nato» – Putin verschärft nach Verlusten die Propaganda 

Das gesunkene Flaggschiff Moskwa, mehrere tote Generäle und hohe Verluste zwingen Putin dazu, seine Propaganda zu ändern, um die Unterstützung der Bevölkerung nicht komplett zu verlieren. Drei Experten schätzen Putins neue Strategie ein.

von
Thomas Obrecht
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Die Versenkung des russischen Flaggschiffs Moskwa war ein harter Schlag für Putins Regierung. 

Die Versenkung des russischen Flaggschiffs Moskwa war ein harter Schlag für Putins Regierung. 

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Seither hat Putin seine Propaganda in Russland selber deutlich verschärft. Gemäss dem Militärexperten Oleh Zhdanov werde neu vom «Krieg gegen die Nato» gesprochen.

Seither hat Putin seine Propaganda in Russland selber deutlich verschärft. Gemäss dem Militärexperten Oleh Zhdanov werde neu vom «Krieg gegen die Nato» gesprochen.

BZ
Gemäss Ulrich Schmid, Russlandexperte und Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen, versuche der Kreml, die Nato zu einer Kriegspartei zu erheben.

Gemäss Ulrich Schmid, Russlandexperte und Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen, versuche der Kreml, die Nato zu einer Kriegspartei zu erheben.

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Darum gehts

  • Russische Verluste bringen die russische Regierung dazu, ihre Propaganda in Russland selber zu verändern. 

  • Aus der russischen «Spezialoperation in der Ukraine» soll nun ein «Krieg gegen die Nato» geworden sein.

  • Experten erkennen dahinter eine klare Strategie. Für sie ist weder der Zeitpunkt noch die Wortwahl ein Zufall.

  • Für den Nato- und Sicherheitsexperten Matthias Dembinski ist der Westen von Anfang an der eigentliche Gegner Putins gewesen. 

  • Für Russlandexperte Ulrich Schmid ist klar: Aus Sicht der russischen Führung ist die Nato aktiv am Ukraine-Krieg beteiligt.

Nach der Versenkung des russischen Flaggschiffs Moskwa hat der Kreml seine Propaganda insbesondere gegen innen deutlich verschärft. Gemäss dem ukrainischen Militärexperten Oleh Zhdanov aus Kiew wird gegenüber der eigenen Bevölkerung nicht mehr von einer «Spezialoperation zur Entnazifizierung der Ukraine» gesprochen, sondern von einem «Krieg gegen die Nato».

«Aus Sicht der russischen Regierung ist die Nato aktiv am Krieg beteiligt»

«Der Kreml versucht, die Nato zu einer Kriegspartei zu erheben», sagt auch Ulrich Schmid, Russlandexperte und Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen. «Die Nato liefert Waffen an die Ukraine und ist damit aus Sicht der russischen Regierung aktiv am Krieg beteiligt.»

Die Nato biete sich sowieso als Feindbild Russlands an, sagt Schmid, denn frühere Umfragen in Russland zeigten, dass drei Viertel der Befragten die Nato für einen feindlichen Aggressor hielten. Demgegenüber hätten viele Russinnen und Russen persönliche Verbindungen zur Ukraine. «Es fällt also wesentlich leichter, das Land gegen die Nato aufzuhetzen, als gegen die Ukrainer, die ja auch für den Kreml als Brudervolk gelten», so Schmid.

«Leichen werden als Inszenierung dargestellt»

Dabei sei der jetzige Zeitpunkt für diesen Propagandawechsel kein Zufall, sagt Ulrich Schmid. «Die verstörenden Bilder aus Butscha und Borodjanka sind so zahlreich, dass sie über unabhängige Kanäle wie Youtube und Telegram auch zur russischen Bevölkerung durchdringen.» Auch das russische Staatsfernsehen komme wegen der Präsenz der Bilder nicht umhin, diese zu zeigen. «Doch im Fernsehen werden die Bilder anders interpretiert», sagt Schmid. Die Schuld an toten Zivilisten werde den ukrainischen Nationalisten zugeschoben, herumliegende Leichen als «schauspielerische Inszenierungen» dargestellt.

«Gerade das russische Fernsehen ist für die Verbreitung von Propaganda sehr zentral», sagt Schmid. Rund zwei Drittel der Gesamtbevölkerung beziehen ihre Information laut dem Experten übers Fernsehen. Doch auch diese Menschen wüssten in der Regel, dass diese Medienberichterstattung nicht neutral sei. «In den neunziger Jahren gab es auch unabhängige und teilweise sehr kritische Fernsehsender. Seit Putin Präsident ist, sind diese alle verschwunden. Man ist sich bewusst, dass man nur regierungskonforme Informationen erhält.»

«Putin hat mittel- bis langfristig ein riesiges Problem»

Für Matthias Dembinski, Nato- und Sicherheitsexperte am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, kommt das neu gewählte Narrativ der Russen nicht überraschend. «Der eigentliche Gegner war von Anfang an der Westen.» Die Ukraine gelte aus russischer Sicht als Brudervolk, deren Führung vom Westen manipuliert und auf falsche Bahnen gebracht worden sei.

Wie gut die Propaganda tatsächlich wirkt, lässt sich laut Dembinski aktuell nur sehr schwer erheben, denn: «In der derzeitigen Lage in einem Telefoninterview gegenüber einem Fremden zu bekennen, man sei gegen den Krieg, ist vermutlich nicht ganz einfach.»

Doch Dembinski ist sich sicher: «Auch wenn sich die russische Propaganda aktuell weiter radikalisiert, wird Putin mittel- bis langfristig ein riesiges Problem haben.» Sobald der in einer unmittelbaren Kriegssituation entstandene Patriotismus nachlasse, die Leute die Folgen der Sanktionen spürten und über die vielfältigen persönlichen Kontakte, die Russen und Ukrainer verbinden, andere Informationen und Sichtweisen einsickerten, werde sich die Stimmung deutlich ändern.

«Die russische Propaganda erfüllt vieles, um wirksam zu sein»

Für eine sogenannte «Spezialoperation» dauert der Angriff nun schon sehr lange, sagt Thomas Zerback, Experte für politische Kommunikation an der Universität Zürich. «Um dies der eigenen Bevölkerung erklären zu können, macht es aus propagandistischer Sicht durchaus Sinn, das Mitwirken der Nato in den Vordergrund zu rücken.» Das stärke einerseits den Zusammenhalt nach innen und rechtfertige gleichzeitig die Aggression nach aussen.

Dabei ist die Wahl von Begriffen wie «Krieg» im Rahmen von Kommunikationsstrategien entscheidend, da sie eine bestimmte Interpretation der Ereignisse nahelegen. Dementsprechend impliziert der Wechsel zum Kriegsbegriff eine Ausweitung des Konflikts über den Gegner Ukraine hinaus.

«Schaut man sich die derzeitige Situation an, stellt man fest, dass die russische Propaganda diverse Eigenschaften (siehe Box) erfüllt, um wirksam zu sein», sagt Zerback. So wird etwa der Zugang zu Informationen und Plattformen im Netz extrem erschwert, ausländische Medien und Journalisten werden unter Druck gesetzt und somit der Informationszugang der russischen Bevölkerung weitestgehend kontrolliert.

Was zeichnet eine wirksame Propaganda aus

Gemäss Thomas Zerback sind für eine effektive Propaganda diverse Eigenschaften zu erfüllen. Dazu gehören vor allem die Kontrolle über den Informationsfluss und das Eliminieren von Gegenstimmen und alternativen Informationsquellen. Inhaltlich wird stark emotionalisiert, um bei der Bevölkerung beispielsweise Angst und Wut auszulösen. Weiter werden eine grosse Bedrohung und ein gemeinsames Feindbild geschaffen. 

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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