Angst vor dem Krieg: Krieg in der Ukraine sorgt für Bunker-Boom in der Schweiz
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Angst vor dem KriegKrieg in der Ukraine sorgt für Bunker-Boom in der Schweiz

Der Invasionskrieg Russlands sorgt für einen Run auf Produkte von Schutzraumtechnik-Anbietern. Viele wollen ihren umgebauten Weinkeller im Ernstfall wieder als Schutzraum nutzen können.

von
Seline Bietenhard
Daniel Krähenbühl
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So sieht es derzeit in vielen Schutzräumen in der Schweiz aus: Die Luftschutzräume werden als Abstellkammern, …

So sieht es derzeit in vielen Schutzräumen in der Schweiz aus: Die Luftschutzräume werden als Abstellkammern, …

Urs Jaudas
…Weinlager… 

…Weinlager… 

Ela Çelik
…oder Vorratskammer genutzt. 

…oder Vorratskammer genutzt. 

Sibylle Meier

Darum gehts

Seit dem Beginn des russischen Invasionskriegs in der Ukraine und Putins Atom-Drohungen machen sich viele Privatpersonen Gedanken über ihre Schutzräume und Bunker. Nur: Zahlreiche Luftschutzkeller sind lange als Hobbyraum, Weinkeller, Heimkino oder Sauna genutzt worden. Sowohl die Kantone als auch Schutzraumtechnik-Unternehmen werden deshalb nun mit Anfragen überhäuft.

So etwa im Kanton Bern: «Im März erkundigten sich viele Privatpersonen, wie ihr Schutzraum instand gesetzt werden kann und wie die Vorgaben für den Bezug aussehen», heisst es beim Amt für Bevölkerungsschutz. Auch in Schwyz stellen die Behörden «aufgrund der aktuellen Situation in der Ukraine ein erhöhtes Interesse im Zusammenhang mit den Schutzbauten» fest. Sind in einer Gemeinde zu wenige Schutzräume vorhanden, so müssten Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer beim Bau von Wohnhäusern Schutzräume bauen.

Basel-Stadt kennt eine solche Schutzraumpflicht ebenfalls: «Wir haben für die ständige Wohnbevölkerung noch zu wenig vollwertige Schutzräume. Das liegt unter anderem daran, dass ältere Bausubstanzen keine Möglichkeit bieten, zusätzliche Schutzräume zu erstellen», heisst es in einem Merkblatt. In Neubauten müssten deshalb Schutzräume erstellt werden.

Kontrollen, Reparaturen und Einrichtung

Die Firma Mengeu AG, die unter anderem Panzertüren, Schutzraum-Lüftungen und Liegestellen produziert, stellt seit Kriegsbeginn «einen massiven Anstieg» an Anfragen zum Thema Schutzraum fest. «Die Leute merken, dass sie einen Schutzraum im Haus hätten und wollen ihn instand setzen lassen, damit er im Notfall wieder bezugsbereit wäre», sagt Geschäftsleiter Christoph Singer. Das Interesse an Produkten wie Trockentoiletten oder Notbetten sei sehr gross. «Einige Kunden wollten aber auch wissen, was sie alles in den Schutzraum mitnehmen müssten und ob sie ihr Haustier mitnehmen könnten», sagt Singer.

Dass das Geschäft läuft, bestätigt auch Liliane Staub vom Schutzraum-Technikunternehmen G. Bühler GmbH. «Die Nachfrage ist momentan extrem gross», sagt die Disponentin. «Noch vor einem Monat haben uns die Leute bei der periodischen Schutzraumkontrolle belächelt und gesagt, dass der ‹Kalte Krieg› doch längst vorbei sei. Jetzt rennen sie uns die Türen ein», sagt Staub. Nonstop läute das Telefon, sogar ins Geschäft selbst stürmten die Kunden, etwa um dringend Notfallbetten zu kaufen. «Unsere Schutzraum-Inspektoren haben alle halbe Stunde einen neuen Termin und kommen trotzdem nicht nach», so Staub.

Lebensdauer erreicht

Thomas Kull ist Geschäftsführer von Lunor, einer Schutzraumbau-Firma mit 75 Jahren Erfahrung. Auch bei Lunor sei eine erhöhte Nachfrage durch Privatpersonen zu verzeichnen, so Kull. «Viele dieser Kleinstschutzräume in Einfamilienhäusern wurden in den 1960ern bis 1980ern gebaut und sind somit 40 bis 60 Jahre alt. Aus technischer Sicht haben diese Systeme die Lebensdauer erreicht.» Teilweise sei dies bei einer Schutzraumkontrolle festgestellt, die Behebung der Mängel aber noch nicht eingeleitet worden, sagt Kull. «Oder infolge des Ukraine-Konflikts ist das vielen Eigenheimbesitzern bewusst geworden.»

Ausgetauscht werden müssten alte Systeme, aber auch Einrichtungszubehör wie Trockenaborte und Liegestellen fehlten. Die Problematik des Lieferstatus liege derzeit vor allem in der Beschaffung der Rohstoffe, sagt Kull. «Nebst der bereits angespannten Situation aufgrund der Corona-Pandemie benötigen wir in Europa nun Rohstoffe, welche bisher aus der Ukraine und oder Russland geliefert wurden.»

Es gehe den Kunden darum, den Schutzraum auch nutzen zu können, wenn er denn gebraucht würde, so Kull. Viele hätten ihre verbauten Systeme begutachtet, sich das Installationsdatum vor Augen geführt und sich überlegt, wieviel Pflege, Wartung und Unterhalt in jenes System in den letzten 40 bis 50 Jahren investiert wurde. «Und so kommen viele zum Schluss, dass sie diesen bestehenden Komponenten nicht ihr Leben anvertrauen möchten. Wenn wir den Schutzraum benötigen, muss das System zu 100 Prozent funktionstüchtig sein.»

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