Ariel Scharon ist tot: Kriegsheld, Bulldozer, ewiger Falke

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Ariel Scharon ist totKriegsheld, Bulldozer, ewiger Falke

Ariel Scharon, der frühere Ministerpräsident Israels, wurde verehrt und ebenso gefürchtet. Am Samstag ist er nach acht Jahren im Koma in einem Spital in Tel Aviv gestorben.

von
Verena Schmitt-Roschmann
AP

Ein Kriegsheld, der auch in der Politik keinem Streit aus dem Weg ging - so kannten die Israelis über Jahrzehnte ihren ehemaligen Regierungschef Ariel Scharon. Dann streckte ihn ein Schlaganfall nieder. Nun ist Scharon im Alter von 85 Jahren gestorben.

Fast auf den Tag genau acht Jahre lag der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Sharon im Koma - von einem Schlaganfall am 4. Januar 2006 mitten aus dem politischen Leben gerissen. Nun ist der ehemalige Regierungschef und Kriegsheld im Alter von 85 Jahren gestorben, wie seine Familie am Samstag mitteilte. Damit verliert Israel einen seiner erfolgreichsten und umstrittensten Politiker. Seit der Staatsgründung 1948 hatte er das Land geprägt.

Scharon wurde künstlich ernährt

Die langen Jahre, die Scharon zuletzt zwischen Beatmungsgeräten und künstlicher Ernährung in Kliniken verbringen musste, hatten ihn bereits etwas aus dem öffentlichen Bewusstsein entrückt. Vor einem Jahr meldeten seine Ärzte, Scharon zeige trotz allem noch überraschende Hirnaktivität und reagiere zum Beispiel auf Familienfotos und die Stimme seines Sohnes. Im September wurde ihm noch ein neuer Schlauch zur künstlichen Ernährung eingesetzt. Nun versagten binnen weniger Tage Nieren und andere Organe.

Mit einem derartigen Siechtum hatte der einst - wegen seiner Körperfülle und seiner Streitbarkeit - als «Bulldozer» titulierte Politiker um den Jahreswechsel 2005/2006 wohl am wenigsten gerechnet. Kurz zuvor hatte der damals 77-Jährige am 21. November 2005 überraschend den Bruch mit seiner langjährigen Partei Likud und die Gründung der neuen Kadima-Partei bekanntgegeben und damit in Israel ein politisches Beben ausgelöst. Für März 2006 waren Neuwahlen anberaumt. Scharon hatte Pläne. Erreichen konnte er aber weder die kurzfristigen Ziele noch seinen Lebenstraum eines dauerhaft starken und sicheren Israels.

Abzug der Truppen aus Gaza

Für diese Vision hatte Scharon kurz zuvor eine politische Kehrtwende vollzogen. Mitte 2005 ordnete er - für Anhänger und Gegner fast unfassbar - den Abzug israelischer Truppen aus dem Gaza-Streifen an und gab damit nach 38 Jahren die militärische Kontrolle des Gebiets auf. Der Regierungschef hatte sich in das aus seiner Sicht Unvermeidliche gefügt: die Gründung eines eigenen palästinensischen Staats neben Israel.

Dabei hatte er jahrzehntelang immer eine harte Linie gegen die Palästinenser und die arabischen Nachbarn vertreten. In den Nahostkriegen fiel der am 26. Februar 1928 bei Tel Aviv geborene Scharon zunächst als Offizier immer wieder mit Husarenstücken auf, die zu den Erfolgen und Geländegewinnen Israels entscheidend beitrugen. Sowohl im Sechs-Tage-Krieg 1967 als auch im Jom-Kippur-Krieg 1973 erwarb er sich den Ruhm eines Kriegshelden. Doch eckte Scharon auch immer wieder mit seinen Eigenmächtigkeiten an.

Schroffer Stil brachte Erfolg

Anfang der 70er Jahre beendete er seine militärische Karriere und ging in die Politik. 1973 war er Mitgründer des Likud-Blocks. 1977 trat er als Landwirtschaftsminister ins Kabinett seines langjährigen politischen Weggefährten Menachem Begin ein. Doch auch dort hielt er nicht sich nicht diplomatisch zurück. So kritisierte er als Kabinettsmitglied unter anderem heftig den Friedensschluss der Regierung mit Ägypten in Camp David 1978.

Seinem politischen Erfolg tat Scharons schroffer Stil keinen Abbruch - im Gegenteil. 1981 gewann der ehemalige General als neuer Verteidigungsminister noch mehr Einfluss und zeichnete unter anderem verantwortlich für den Einmarsch in den Libanon, der sich gegen die dort ansässige palästinensische Befreiungsorganisation PLO richtete. Dass er unter den Augen des israelischen Militärs ein Massaker libanesischer Falangisten an palästinensischen Flüchtlingen geschehen liess, brachte ihm jedoch viel Kritik und später auch eine Klage von Angehörigen der Opfer ein.

Provokationen im Jahr 2000

Zugeständnisse an die Palästinenser in dem vom damaligen Ministerpräsidenten Izchak Rabin eingeleiteten Friedensprozess von Oslo lehnte Scharon kategorisch ab, die zögerliche Umsetzung der Friedensvereinbarungen durch Rabins Nachfolger unterstützte er ebenso wie ein hartes Vorgehen gegen die palästinensische Intifada und gegen Terroranschläge auf israelischem Gebiet. Sein Besuch auf dem Tempelberg im Jahr 2000 galt als gezielte Provokation des ewigen «Falken» und als einer der Auslöser der zweiten Intifada. Er befürwortete den umstrittenen Siedlungsbau in den besetzten Gebieten ebenso wie die Abschottung Israels durch einen Schutzzaun zum Westjordanland.

Und dennoch kam Scharon nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten im Februar 2001 offenbar nach und nach zu dem Schluss, dass an Friedenslösung mit den Nachbarn kein Weg vorbei führe - wohl auch, weil eine Mehrheit der Israelis sich Frieden wünscht. Seit 2003 drängte die internationale Gemeinschaft mit der sogenannten Road-Map für eine Zwei-Staaten-Lösung. Im Juni 2003 sprach sich Scharon schliesslich als erster israelischer Regierungschef offiziell für einen Palästinenserstaat aus.

Die Umsetzung kam allerdings unter seiner Ägide wie auch unter der seiner Nachfolger praktisch nicht voran. Fast genau zehn Jahre später startete Scharons zeitweiliger Parteikollege und Nachfolger Benjamin Netanjahu im Juli 2013 unter Druck der USA einen neuen Anlauf für Friedensgespräche. Eine Lösung des Dauerkonflikts zeichnet sich jedoch immer noch nicht ab.

Reaktion der Hamas

Die radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas bezeichnete Scharon als Kriminellen und wünschte ihn nach seinem Tod zur Hölle. «Scharon ist ein Krimineller, und er zählte zu denen, die Unglück über das palästinensische Volk gebracht hat», erklärte Hamas-Sprecher Salah al-Bardawil am Samstag in Gaza.

Mit Scharon werde für die Palästinenser immer die Erinnerung an Schmerz, Blut, Folter, Vertreibung und Verbrechen verbunden sein. «Wir beten zu Allah, dass Scharon und all die zionistischen Führer, die Massaker gegen unser Volk verübt haben, zur Hölle gehen», hiess es in der Erklärung, die Reportern in einer E-Mail übermittelt wurde. (SDA)

Staatsbegräbnis für Scharon

Der frühere israelische Regierungschef Ariel Scharon wird ein Staatsbegräbnis erhalten. Von diesem Sonntag an soll der Leichnam Medienberichten zufolge zunächst in der Knesset, dem Parlamentsgebäude in Jerusalem, aufgebahrt werden. Dort kann die Öffentlichkeit von Scharon Abschied nehmen.

Das Begräbnis werde vom Büro des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu organisiert, sagte dessen Sprecher Mark Regev auf Anfrage. Ein Datum für die Beisetzung stehe noch nicht fest. Scharon hatte gebeten, neben seiner zweiten, im Jahre 2000 verstorbenen Frau Lily auf einem Hügel bei seiner Farm im Süden Israels beerdigt zu werden.

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