14.02.2015 23:08

Bombardierung Dresdens 1945

Kriegsverbrechen oder Notwendigkeit?

Vor 70 Jahren wurde Dresden von den Alliierten schwer bombardiert. Manche sehen im Bombenkrieg ein Kriegsverbrechen, andere eine militärische Notwendigkeit.

von
Rolf Maag
1 / 10
Blick vom Rathausturm auf die zerstörte Innenstadt Dresdens.

Blick vom Rathausturm auf die zerstörte Innenstadt Dresdens.

Keystone/str
Die Skulptur «Die Güte» blickt vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden. Das Bild wurde zum Symbol des Bombenkriegs gegen Deutschland.

Die Skulptur «Die Güte» blickt vom Rathausturm auf das zerstörte Dresden. Das Bild wurde zum Symbol des Bombenkriegs gegen Deutschland.

Keystone/Richard Peter sen
Die RAF und die USAAF flogen vom 13. bis 15. Februar 1945 vier Angriffswellen auf die Stadt, die zuvor vor schweren Luftangriffen verschont geblieben war.

Die RAF und die USAAF flogen vom 13. bis 15. Februar 1945 vier Angriffswellen auf die Stadt, die zuvor vor schweren Luftangriffen verschont geblieben war.

Keystone/str

Im Februar 1945 hielten sich in Dresden Zehntausende Zivilisten aus den deutschen Ostgebieten auf, die vor den vorrückenden sowjetischen Truppen geflohen waren. Dieser Sachverhalt war auch den Westalliierten bekannt, hinderte sie aber nicht daran, die sächsische Metropole, die wegen der Schönheit ihrer Bauten auch Elbflorenz genannt wurde, am 13. und 14. Februar in ein flammendes Inferno zu verwandeln. Zwei nächtlichen Angriffswellen des britischen Bomber Command folgte in den Mittagsstunden des 14. Februar ein amerikanisches Bombardement. Rund 25'000 Menschen fanden dabei den Tod.

Dresden steht bis heute für die Schrecken des Bombenkrieges, obwohl andere Angriffe deutlich mehr Opfer forderten: Bei der Bombardierung von Hamburg im Juli 1943 kamen 35'000 Menschen ums Leben, bei der amerikanischen Attacke auf Tokio am 9. und 10. März 1945 sogar bis zu 100'000.

Roosevelts Aufruf

Angesichts der Barbareien der damaligen Regierungen von Deutschland und Japan wird niemand bestreiten, dass die Alliierten für eine gerechte Sache kämpften. Doch bei den genannten Aktionen handelte es sich um gezielte Massaker an Zivilisten, und diese galten auch nach damaligen Massstäben als Verbrechen. Noch am 1. September 1939, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, hatte der amerikanische Präsident Roosevelt die europäischen Nationen dazu aufgerufen, auf die Bombardierung von Zivilisten zu verzichten. Warum griffen sowohl Briten als auch Amerikaner schliesslich doch zu solchen Mitteln?

Mangelnde Präzision

Anfangs war es die offizielle Strategie der Briten gewesen, nur kriegswichtige Anlagen wie Waffenfabriken, Ölraffinerien oder Eisenbahnlinien anzugreifen. Doch die Navigationsgeräte der Royal Air Force waren zunächst so mangelhaft, dass die meisten Flugzeuge ihre Ziele gar nicht fanden oder um Kilometer verfehlten. Also sagte sich Arthur Harris, seit 1942 Chef des Bomber Command, dass man auch gleich zu Flächenbombardierungen übergehen könne, da sie unter diesen Umständen sowieso nicht zu vermeiden seien.

Dass diese Strategie aber doch erfolgversprechend war, zeigten ab 1944 die Amerikaner. Ihre Flugzeuge konnten am Tag angreifen, weil sie höher flogen und über einen besseren Geleitschutz verfügten als ihre britischen Pendants, die sich auf Nachtaktionen konzentrierten, um nicht zu einer leichten Beute der deutschen Fliegerabwehr zu werden. Die amerikanischen Präzisionsangriffe auf Ölanlagen führten dazu, dass deutsche Panzer und Flugzeuge ab 1945 aus Mangel an Treibstoff kaum noch einsatzfähig waren. Die viel zahlreicheren britischen Bombardierungen hatten zuvor nicht verhindern können, dass die deutsche Waffenproduktion bis 1944 massiv anstieg.

«Moral bombing»

Es gab aber für Harris noch einen wesentlich wichtigeren Grund, unermüdlich für die Flächenbombardierungen einzutreten. Er meinte, die ständige Gegenwart von Tod und Zerstörung werde die Moral (im Sinn von Durchhaltevermögen) der Zivilbevölkerung brechen und sie schliesslich zu Aufständen gegen das Nazi-Regime verleiten. Für die Luftangriffe bürgerte sich daher die Bezeichnung «moral bombing» ein.

Eigentlich hätte es Harris aus eigener Erfahrung besser wissen müssen. Schliesslich hatte er 1940/41 die deutschen Bombardierungen von London, Coventry und anderen Städten erlebt. Diese hatten den britischen Willen zum Widerstand keineswegs gebrochen, sondern vielmehr eine Trotzreaktion hervorgerufen.

Ähnliches geschah nun in Deutschland. Die Attacken förderten bei den Leuten das Gefühl, einer Schicksalsgemeinschaft anzugehören, die nur eines tun konnte: unter allen Umständen durchhalten.

Unterschiedliche Beurteilungen

Weil der Bombenkrieg die deutsche Kriegswirtschaft kaum schwächte und hauptsächlich Unschuldige tötete, war er nach Ansicht des englischen Philosophen A. C. Grayling ein «moralisches Verbrechen» (morally criminal). Dem hält der Historiker Richard Overy entgegen, er habe sehr wohl zum Sieg der Alliierten beigetragen, indem er wichtige Ressourcen gebunden und die deutsche Führung dazu gezwungen habe, einen grossen Teil der Kampfflugzeuge von der Front abzuziehen. Ausserdem entschied er möglicherweise den Krieg gegen Japan, das ab November 1944 von den Amerikanern ebenfalls heftigen Flächenbombardierungen unterzogen wurde. Das Kaiserreich kapitulierte nur sechs Tage, nachdem die Bombardements am 9. August 1945 mit dem Abwurf der zweiten Atombombe auf Nagasaki ihren Höhepunkt erreicht hatten.

Doch die Angriffe auf Dresden, Würzburg, Hildesheim und andere deutsche Städte erfolgten zu einem Zeitpunkt, als der Krieg bereits entschieden war. In diesen Fällen ist es schwer, dem Urteil des Historikers Heinrich August Winkler über das «moral bombing» zu widersprechen: «‹Moralisch› war nichts am Bombenterror gegen wehrlose Frauen, Kinder und Greise. Die Flächenbombardements waren vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Unmenschlichkeit des Aggressors auch den verändern kann, der sich ihm in den Weg stellt – bis hin zur praktischen Verleugnung der Menschlichkeit, in deren Namen der Verteidiger Krieg führt.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.