Aktualisiert 27.10.2009 16:14

«Gute Führung»Kriegsverbrecherin auf freiem Fuss

Biljana Plavsic ist wieder frei: Die frühere Präsidentin der bosnischen Serben hat zwei Drittel ihrer Haft wegen Kriegsverbrechen abgesessen. Sie durfte aufgrund «guter Führung» bereits nach sechs Jahren ihre schwedische Zelle verlassen.

Mit einem Sonderflug der Regierung der bosnischen Serbenrepublik traf sie in Belgrad ein, wo sie in Zukunft leben will. Plavsic war 2003 vom Den Haager Tribunal für das ehemalige Jugoslawien als eine der Verantwortlichen für die Ermordung mehrerer tausend Bosnier und für Massenvertreibungen im Balkan-Krieg verurteilt worden.

Schwedens Regierung erliess ihr «wegen guter Führung» und der landesüblichen Praxis das letzte Drittel der elfjährigen Haftstrafe.

Plavsic, die die serbische Staatsangehörigkeit besitzt, verliess den Belgrader Flughafen unbemerkt von der Öffentlichkeit über einen Seitenausgang. Sie will nun in ihrem Haus in Belgrad wohnen. Die serbische Polizei hatte angekündigt, ihr Personenschutz bereitzustellen.

Befürworterin ethnischer Säuberungen

Die Biologieprofessorin hatte sich im Bürgerkrieg (1992-1995) als extreme Nationalistin einen umstrittenen Namen gemacht. Als Stellvertreterin des ebenfalls vom UNO-Tribunal in Den Haag angeklagten bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic vertrat sie besonders nationalistische und rassistische Positionen.

«Ethnische Säuberungen» seien zur Schaffung eines Gross-Serbiens legitim, die muslimische Bevölkerung sei «genetisch deformiertes Material», liess sie etwa verlauten. Mit den berüchtigtsten serbischen Paramilitärs liess sich Plavsic damals in inniger Umarmung ablichten.

Erste empörte Reaktionen

Die ersten Reaktionen der Belgrader Bevölkerung auf die Freilassung waren äusserst negativ. Sie stecke «mit beiden Armen tief im Blut» und solle in Bosnien «die Flüchtlinge und Invaliden besuchen, die für sie nur Kollateralschaden sind», hiess es in Leserbriefen. Es sei «ein Skandal, dass jemand, der für Völkermord und den Tod und das Leid Tausender verantwortlich ist, nach sechs Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird».

Der Völkermord-Prozess gegen Karadzic ist am Dienstag mit der Eröffnung der Anklage fortgesetzt worden. Karadzic boykottierte den Prozess wie schon bei der Eröffnung am Vortag.

Der 64-Jährige gilt ebenso wie Plavsic und der weiter flüchtige Ex-General Ratko Mladic unter anderem als verantwortlich für das Massaker in Srebrenica, bei dem im Sommer 1995 bis zu 8000 muslimische Männer und Jungen von serbischen Truppen ermordet wurden. (sda)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.