Die Mafia freut’s: Kriminelle können ihr Geld ohne Mühe via Betreibungsamt waschen
Aktualisiert

Die Mafia freut’sKriminelle können ihr Geld ohne Mühe via Betreibungsamt waschen

Wer auf einer Bank mehr als 15’000 Franken in bar einzahlt, muss Fragen zur Herkunft des Geldes beantworten. Beim Einzahlen auf einem Betreibungsamt sieht es ganz anders aus.

von
Florian Osterwalder
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Betreibungsämter müssen Zahlungen ohne unbequeme Fragen zu stellen entgegennehmen. 

Betreibungsämter müssen Zahlungen ohne unbequeme Fragen zu stellen entgegennehmen. 

20min/Marco Zangger
Banken hingegen dürfen nur 15’000 Franken in bar entgegennehmen, danach werden Fragen zur Herkunft des Geldes gestellt. 

Banken hingegen dürfen nur 15’000 Franken in bar entgegennehmen, danach werden Fragen zur Herkunft des Geldes gestellt. 

20min/Matthias Spicher
Um jedoch eine Zwangsversteigerung in letzter Minute abzuwenden, ist der Bundesrat der Meinung, dass Barzahlungen weiterhin getätigt werden können müssen.

Um jedoch eine Zwangsversteigerung in letzter Minute abzuwenden, ist der Bundesrat der Meinung, dass Barzahlungen weiterhin getätigt werden können müssen.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

Wer 15’000 Franken oder mehr bar auf seiner Bank einzahlen will, der muss sich unangenehmen Fragen stellen. Woher kommt das Geld? Schöpfen die Banken einen Geldwäscheverdacht, melden sie es der zuständigen Aufsicht. Anders gehandhabt wird das beim Staat. Betreibungs- und Konkursämter stellen keine Fragen, sie nehmen das Geld und überweisen es auf das Bankkonto. 

«Es war kein sauberes Geld, und ich brachte das nicht mehr aus dem Kopf», so eine ehemalige Mitarbeiterin eines Betreibungsamtes gegenüber dem SRF. Mittlerweile arbeitet die Frau nicht mehr dort, hat das Ganze hinter sich gelassen. Gegenüber dem SRF möchte sie aber trotzdem anonym bleiben, es soll niemand erfahren, dass sie bei mutmasslicher Geldwäscherei mitgeholfen hat. 

Unter Fachleuten ist das Schlupfloch bekannt

Doch warum geht angebliche Geldwäscherei auf einem Betreibungsamt so einfach? Die Ämter müssen jede Zahlung ohne weitere Fragen zu stellen entgegennehmen. Herkunft des Geldes: egal. Das verleitet zum Ausnutzen. Und so funktioniert es: Möchte jemand sein Geld waschen, kann er einfach eine ihm oder ihr bekannte Person betreiben. Das heisst, dass er von der betriebenen Person eine Rückzahlung eines fiktiven Darlehens fordert. Das Betreibungsamt nimmt das Geld entgegen und überweist es auf das Konto des Geldwäschers. 

«So kann sehr einfach Geld gewaschen werden und dies erst noch offiziell über eine Behörde, die diese Transaktion abwickelt», kritisiert Martin Hilti, Geschäftsführer von Transparency International gegen über dem SRF. Sobald die Überweisung getätigt ist, ist auch das Geld sauber. Das Schlupfloch ist unter Fachleuten längst bekannt. Um jedoch eine Zwangsversteigerung in letzter Minute abzuwenden, ist der Bundesrat der Meinung, das Barzahlungen weiterhin getätigt werden können müssen.

Solche Zahlungen kommen vor allem an den Schweizer Finanzplätzen vor

Die Betreibungsamt-Mitarbeiterin erzählt jedoch, sie habe regelmässig grosse Bargeldbeträge erhalten. Mehrheitlich von Geschäftsleuten, nicht nur von Privatpersonen. Ein sogenannter «Stammkunde» aus der Immobilienbranche brachte jeweils mehrere 10’000 Franken. Sie informierte ihre Vorgesetzten, diese sagten jedoch, sie müsse das Geld annehmen. 

Das Problem mit den Barzahlungen auf den Betreibungsämtern kommt mehrheitlich auf den Schweizer Finanzplätzen vor, wie Recherchen von SRF zeigen. In Zürich, Zug, Lugano oder Genf gibt es regelmässig Zahlungen von über 10’000 Franken. Alleine im Kanton Genf sollen letztes Jahr mehr als 24 Millionen Franken in bar über die Betreibungsämter eingezahlt worden sein.

Mafia benutzt in Genf Immobilien für Geldwäsche

«Die italienische Mafia nutzt seit langem Immobilien in Genf, um ihr Geld zu waschen», so der SP-Nationalrat und Anwalt Christian Dandrès. «Man kann nicht den Banken Sorgfaltsvorschriften machen und gleichzeitig bei Staatsstellen grosse Sicherheitslücken offenlassen», sagt ein beunruhigter Dandrès. 

«Es zeigt sich, dass hier zumindest potenziell eine Missbrauchsgefahr besteht», schreibt das Bundesamt für Justiz auf Anfrage dem SRF. Es ging umgehend eine Gesetzesänderung in die Vernehmlassung. In Zukunft sollen Bargeldzahlungen nur noch bis 100’000 Franken zulässig sein. Martin Hilti von Transparency International findet dies aber immer noch «viel zu hoch». Denn bei Banken wurde die Schwelle bei 15’000 Franken angesetzt.  

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