Bürgerwehren in Peru: Kriminelle und Untreue werden ausgepeitscht
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Bürgerwehren in PeruKriminelle und Untreue werden ausgepeitscht

Mit öffentlicher Blossstellung und Auspeitschungen ahnden Bürgerwehren im peruanischen Hochland Verstösse gegen das Gesetz. Sie operieren illegal, aber erfolgreich.

von
Frank Bajak
AP
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In der peruanischen Provinz Cajamarca sorgen gut organisierte Bürgerwehren, sogenannten «Rondas Urbanas» für eigene Gerechtigkeit.

In der peruanischen Provinz Cajamarca sorgen gut organisierte Bürgerwehren, sogenannten «Rondas Urbanas» für eigene Gerechtigkeit.

Keystone/AP/Martin Mejia
Häufig besteht die Strafe aus Peitschenhieben und öffentlicher Blossstellung.

Häufig besteht die Strafe aus Peitschenhieben und öffentlicher Blossstellung.

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Fernando Chuquilin (rechts) ist der bekannteste Führer der rund 30 Bürgerwehr-Einheiten.

Fernando Chuquilin (rechts) ist der bekannteste Führer der rund 30 Bürgerwehr-Einheiten.

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Die schweren Verbrechen werden dem Gesetz überlassen — um alles andere kümmern sich die Rondas Urbanas. In Cajamarca im Hochland von Peru sorgen die gut organisierten Bürgerwehren für eigene Gerechtigkeit. Häufig besteht die Strafe, die sich den Übeltätern nachhaltig einprägt, aus Peitschenhieben und öffentlicher Blossstellung.

Die Bürgergruppen sind illegal, aber weitgehend geduldet. Sie sehen sich als Antwort auf Korruption und Gleichgültigkeit bei den Sicherheitskräften und in der Justiz. «Wenn die Polizei ihren Job erledigen würde, bräuchte man uns nicht», sagt Fernando Chuquilin, der bekannteste Führer der rund 30 Einheiten in der 200'000-Einwohner-Stadt.

Kein Vertrauen in der Justiz

Chuquilin, ein schwerer Mann mit leichtem Lächeln, lässt die Peitsche im Büro seiner Gruppe knallen, als eine Patrouille der Bürgerwehr einen notorischen Taschendieb anschleppt. Ein paar Peitschenhiebe reichen aus: Der Beschuldigte schreit auf und fleht um Gnade. Dann legt er ein Geständnis ab und zahlt umgerechnet rund 60 Franken an eine Frau, deren Handy er gestohlen haben soll. Damit ist der Fall erledigt, der Dieb darf gehen – und wird sich die Lektion merken.

«So gehen wir mit dieser Art von Dieben um», erklärt Chuquilin. In der Bevölkerung ernten der 50-Jährige und seine Männer durchaus Respekt. Täglich kommen Anwohner mit Beschwerden und Beschuldigungen. Zu Chuquilins Ronda haben sie mehr Vertrauen als in die Behörden. Die haben es bei vielen verspielt: Laut einer Umfrage im vergangenen Jahr stuften die Peruaner die Polizei auf Platz zwei der korruptesten Institutionen ein, gleich nach dem Parlament. An dritter Stelle folgte die Justiz.

Richter lässt Rondas walten

Obwohl die Gruppen nicht erlaubt sind, drücken Richter und Staatsanwälte angesichts der Popularität der Rondas notgedrungen ein Auge zu.

«Die Menschen wenden sich an die Rondas, weil diese zugänglicher sind», erklärt der oberste Richter der Region Cajamarca, Fernando Bazan. «Die Leute verlassen sich Tag für Tag auf sie – und sagen uns Tag für Tag ins Gesicht, dass wir unfähig seien, für ihre Sicherheit zu sorgen.»

Auspeitschungen landen auf Youtube

Bürgerwehrchef Chuquilin kümmert sich um Eigentums- und Schulden-Angelegenheiten, um Familienstreitigkeiten und Fälle von Ehebruch. Bei Letzteren sind Peitschenhiebe für den untreuen Partner vorgesehen und die Anweisung, künftig treu zu sein. Und diese ist durchaus wirksam.

Auch Vorladungen von Chuquilin wagen Beschuldigte kaum zu ignorieren. Die Anhörungen und Strafen sind meist öffentlich. Bei Auspeitschungen wird der Grad der Blossstellung noch einmal gesteigert: Chuquilin lässt die Strafaktion aufzeichnen und lädt sie auf Youtube hoch.

Das härteste Strafmass, das die Rondas verhängen, ist die Verbannung des Täters. Bei Gewaltverbrechen übergeben sie den Beschuldigten der Polizei.

Resozialisierung gelungen

Die Bürgerwehren seien die beste Möglichkeit, Übeltäter von einer Karriere als Kriminelle abzuhalten, sagt Chuquilin.

Er nennt den Fall zweier junger Männer, die mit bewaffneten Überfällen für Aufsehen sorgten. Chuquilin stellte die Delinquenten und zwang sie, feurige Chilischoten zu essen.

Mit dieser Wiedergutmachung hätten die jungen Männer den Weg zurück in die Gemeinschaf gefunden, ist der Bürgerwehrchef überzeugt. «Mit anderen Worten: Sie machte gute Menschen aus ihnen.»

Ein junger Mann wird wegen Drogenhandels bestraft. (Quelle: YouTube/enlacenacional)

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