Verhaltenskodex: Krippen erlauben Kindern Doktorspiele
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VerhaltenskodexKrippen erlauben Kindern Doktorspiele

Kinder dürfen in Krippen «dökterlen». So sieht es der Verhaltenskodex des Verbandes der Kindertagesstätten vor. Damit überschreite man Grenzen, sagen Kritiker.

von
dp
«Das Entdecken des eigenen Körpers gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes. Das Spiel wird zugelassen und soll an einem dafür bestimmten Ort stattfinden», heisst es im Verhaltenskodex des Verbandes der Kindertagesstätten der Schweiz.

«Das Entdecken des eigenen Körpers gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes. Das Spiel wird zugelassen und soll an einem dafür bestimmten Ort stattfinden», heisst es im Verhaltenskodex des Verbandes der Kindertagesstätten der Schweiz.

In Kinderkrippen wird nicht nur gebastelt und gemalt, sondern auch «gedökterlet». In der Zürcher Irchelkrippe etwa können sich Kinder mit Tüchern oder Schachteln kleine Rückzugsorte schaffen, um den geschlechtlichen Unterschieden ungestört auf den Grund zu gehen, schreibt der «Beobachter». Hier werden etwa 50 Kinder ab sechs Monaten bis zum Kindergarten betreut.

«Sich selber und andere zu entdecken gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes», sagt Krippenleiter Heinz Roth. Die Kinder seien neugierig und wollten wissen, inwiefern sie sich von den anderen unterscheiden. Bei den Doktorspielen müssten gewisse Regeln befolgt werden: «Die Kinder müssen in einem ähnlichen Alter sein, es darf kein Machtgefälle in der Gruppe geben und sie müssen es aus eigenen Stücken wollen», sagt Roth. Und: «Wenn ein Kind von seinem Gspänli mehr will als es, intervenieren die Leiter.» Nach einer Weile würden die Betreuer die Kinder auch dazu auffordern, etwas anderes zu spielen.

«Dökterlen» in der Kinderkrippe heisst auch der Verband Kinderbetreuung Kibesuisse gut. «Das Entdecken des eigenen Körpers gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes. Das Spiel wird zugelassen und soll an einem dafür bestimmten Ort stattfinden», heisst es in ihrem Verhaltenskodex. Erwachsene würden nicht an den kindlichen Handlungen teilnehmen. Das Spiel werde unauffällig beobachtet. Eingegriffen werde nur, wenn ein Machtgefälle entstehe.

«Wir haben eine sittliche Ordnung im Land»

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli ist von der Praxis irritiert: «Kinder sollen zwar den natürlichen Umgang mit ihrem Körper lernen. Das gehört für mich aber nach Hause und nicht in die Kinderkrippe.» Indem spezielle Rückzugsorte geschaffen würden, animiere man die Kinder richtiggehend dazu. «Gerade für kleinere Kinder, die sich noch gar nicht für das Thema interessieren, ist das zu früh.»

CVP-Nationalrat Jakob Büchler spricht von einem Vertrauensbruch gegenüber den Eltern: «Wir haben eine sittliche Ordnung in diesem Land. Aber offenbar sehen gewisse Leute die Grenze nicht mehr.» Es gebe sicher sinnvollere Spiele für kleine Kinder in der Krippe als dökterle.

Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Talin Stoffel Co-Geschäftsleiterin von Kibesuisse: «Dass Dökterle ist eine Tatsache und es kann auch in der Kita stattfinden, denn die Kita ist heute eine Lebenswelt der Kinder.»

«Das Kind könnte ausgegrenzt werden»

Auch Flavia Frei vom Kinderschutz findet Doktorspiele in Krippen unbedenklich, sofern sich Kinder und Betreuer an die Spielregeln halten. Wichtig sei, dass die Krippe das Thema gegenüber den Eltern thematisiere: «Wenn die Eltern am Abend das Kind abholen, sollten sie sie darüber informieren, wenn die kleine Lina heute Doktorspiele gemacht hat.»

Und was, wenn Eltern gar nicht wollen, dass ihre Kinder in der Krippe dökterlen? «Vielleicht haben sie selber Mühe, über das Thema zu sprechen», glaubt Frei. Ihren Wunsch jedoch müssten die Krippen respektieren. «Allerdings kann das problematisch sein, weil das Kind ausgegrenzt werden könnte.» Es sei auch nicht ganz einfach, dem Kind zu erklären, warum es denn nicht mitspielen dürfe, wenn es doch wolle. Frei rät diesen Eltern, sich mit ihrem Partner oder Partnerin oder mit Fachpersonen auszutauschen.

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