Aktualisiert 05.11.2014 10:57

Familie und Beruf

Krippen sollen gratis und rund um die Uhr offen sein

Erziehungsexperte Remo Largo fordert einen Systemwechsel im Schweizer Kinderbetreuungs-System. Auch Politiker aus dem links-grünen Lager liebäugeln mit Neuerungen.

von
J. Büchi
Können Eltern ihr Kind künftig gratis in die Krippe schicken?

Können Eltern ihr Kind künftig gratis in die Krippe schicken?

Spätestens seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative ist es ein erklärtes Ziel des Bundesrates, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Die Idee: Mütter, die ihren Job nach der Geburt ihres Kindes aufgegeben haben, sollen in den Arbeitsmarkt zurückkehren – und so die Lücke, die durch die Zuwanderungsbremse entsteht, füllen.

Nun meldet sich der bekannte Kinderarzt und Erziehungsexperte Remo Largo zu Wort: Laut der «Aargauer Zeitung» fordert er, dass Krippenplätze für die Eltern künftig kostenlos sind. Nur so sei eine wirkliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich. Geht es nach ihm, sollen Kitas zudem nach skandinavischem Vorbild ins Bildungssystem integriert werden. Damit auch die Betreuung älterer Schüler über Mittag und in den Schulferien gewährleistet ist, fordert er weiter ein flächendeckendes Angebot an Tagesschulen und Ferienbetreuung.

«Unter dem Strich lohnt es sich»

Nationalrätin Aline Trede (Grüne), die selber Mutter eines kleinen Sohnes ist, stimmt ihm zu: «Solange es sich für viele gutausgebildete Frauen finanziell nicht lohnt, arbeiten zu gehen, besteht in unserem System massiver Handlungsbedarf.» Damit der Missstand behoben werden könne, müssten alle Optionen diskutiert werden – auch die Einführung von Gratis-Krippen. Trede prüft die Einreichung eines entsprechenden Vorstosses.

Welche Kosten eine solche Systemänderung mit sich brächte, ist unklar. Laut Bundesamt für Statistik existieren derzeit noch keine Daten über die Gesamtkosten der familienergänzenden Betreuung in der Schweiz – eine entsprechende Statistik sei in Planung. Aber: Allein in der Stadt Zürich werden diese Kosten auf rund 200 Millionen Franken geschätzt, wie ein Bericht des städtischen Sozialdepartements für das vergangene Jahr zeigt.

Trede räumt ein, es sei klar, dass eine staatliche Finanzierung der Krippenplätze nicht günstig käme. «Wenn man sieht, wie viel Geld in die Ausbildung von Frauen investiert wird, die später nicht arbeiten, würde sich das unter dem Strich aber allemal lohnen.» Bereits in der Schublade hat Trede zudem einen Vorstoss, der ein Pilotprojekt für eine 24-Stunden-Krippe verlangt – «damit auch Mütter und Väter mit unregelmässigen Arbeitszeiten eine Betreuungsmöglichkeit haben.»

Kita als Vorstufe der Schule

SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr unterstützt die Idee, die Kinderbetreuung ins Bildungssystem zu integrieren. «Der Übergang zwischen Kita, Kindergarten und Schule muss fliessend sein.» Da der Krippenbesuch nicht obligatorisch ist, müsse dieser aus ihrer Sicht nicht komplett kostenbefreit werden. «Ideal wäre für mich eine Lösung, bei der die Eltern rund 20 Prozent zahlen, und die öffentliche Hand 80 Prozent.» In der Schweiz verhalte es sich heute umgekehrt. Für Fehr ist zudem klar, dass die Zukunft in den Tagesschulen liegt: «Wenn man solche Angebote einmal eingeführt hat, wird sich niemand mehr vorstellen können, wie es ohne war.»

Das glaubt auch Elisabeth Schneider-Schneiter. Kostenlose Krippen lehnt die CVP-Nationalrätin ab – stattdessen plädiert sie dafür, dass Kinder bereits im Alter von drei Jahren eingeschult und in Tagesschulen ganztags betreut werden. «Das ist einfacher als den Krippen einen Bildungsauftrag zu erteilen. Und die Eltern würden auch mit dieser Lösung finanziell entlastet.» Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass dieses Modell funktioniere.

«Gegen jeden staatlichen Zwang»

Nichts wissen von all diesen Überlegungen will SVP-Nationalrätin und Krippenbetreiberin Nadja Pieren: «Ich wehre mich gegen jeden staatlichen Zwang in der Kinderbetreuung», betont sie. Jede Familie müsse selber entscheiden, ob sie ihr Kind in die Krippe schicken wolle. «Und wenn sich ein Paar dafür entscheidet, soll es auch dafür bezahlen.» Pieren bezweifelt denn auch, dass Gratis-Krippen mehr Frauen dazu bewegen würden, sich einen Job zu suchen: «Wer arbeiten will, kann das schon heute tun: Mit unseren einkommensabhängigen Tarifen haben wir ein System, mit dem sich jede Familie einen Krippenplatz leisten kann.»

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