Gipfel in Deauville: Krisen verhelfen der G-8 zum Comeback
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Gipfel in DeauvilleKrisen verhelfen der G-8 zum Comeback

Geplant waren eher leichtgewichtige Themen. Doch arabischer Frühling, Fukushima, Schuldenkrise und die Affäre Strauss-Kahn bescheren dem G-8-Gipfel in Frankreich ein happiges Programm.

von
pbl
Neue Welt - neue Ideen: Das offizielle Gipfel-Motto hat durch die weltweiten Entwicklungen noch an Aktualität gewonnen.

Neue Welt - neue Ideen: Das offizielle Gipfel-Motto hat durch die weltweiten Entwicklungen noch an Aktualität gewonnen.

Viel hatte der französische Präsident Nicolas Sarkozy als Gastgeber nicht auf die Traktandenliste des Gipfels der acht grossen Industrieländer im mondänen Seebad Deauville gesetzt. Ursprünglich sollte am Donnerstag und Freitag über die Chancen und Risiken des Internets, die weltwirtschaftliche Lage, die Klima- und die Afrika-Politik debattiert werden.

Dann überschlugen sich die Ereignisse: Es begann mit den Umstürzen in Tunesien und Ägypten und den Aufständen in Libyen, Jemen und Syrien. Darauf folgten die Natur- und die Atomkatastrophe in Japan. Die Schuldenproblematik in den USA und im Euroraum ist ein Dauerthema, und schliesslich sorgte der Sexskandal um Dominique Strauss-Kahn für ein Führungsvakuum beim Internationalen Währungsfonds (IWF).

Unversehens rückten damit neue Schwerpunktthemen ins Blickfeld der G-8-Staatsmänner und -frauen. Doch Krisen sind auch eine Chance: Die Gruppe der G-8, die in den letzten Jahren im Schatten der G-20 stand, könnte mit ihrem Treffen in der Normandie so etwas wie ein Comeback erleben. Denn es geht um die Reaktion auf aktuelle Krisen. Und da ist eine Gruppe wie die G-8 gefragt, die sich als Wertegemeinschaft versteht.

Meinungsdifferenzen bei Atomkraft

Doch auch in einer Wertegemeinschaft gibt es unterschiedliche Meinungen. Bei der Zukunft der Atomkraft, dem ersten Gipfelthema, dürften Deutschland und Frankreich unterschiedliche Standpunkte vertreten. Während Deutschland den Ausstieg vorbereitet, setzt Frankreich auf sichere Atomkraftwerke.

Der japanische Premier Naoto Kan wird erstmals über Fukushima und die Folgen berichten. In Vorgesprächen hätten sich die Japaner sehr interessiert für den Ausbau der erneuerbaren Energien, hiess es am Dienstag aus deutschen Regierungskreisen. Sie spielen in Japan kaum eine Rolle, obwohl der Inselstaat für Windkraft geeignet ist und deutlich südlicher als Deutschland liegt, also auch Photovoltaik gut möglich ist.

Unterstützung für Ägypten und Tunesien

Die alten Konflikte zwischen dem Westen und Russland dürften beim Thema «arabische Welt» wieder aufbrechen. Während die USA den Rücktritt des syrischen Präsidenten Baschar al Assad fordern, hält Moskau an dem Verbündeten fest und will Sanktionen nicht mittragen. Im Libyen-Konflikt kritisiert Russland das Vorgehen der NATO, die seit Wochen Stellungen des Machthabers Muammar al Gaddafi aus der Luft angreift.

Einfacher wird es, wenn die G-8 die Lage in Tunesien und Ägypten besprechen. Erwartet wird ein gemeinsames Signal zur Unterstützung der dortigen Regierungen und des Wandels zur Demokratie. Unter anderem soll das Mandat der Londoner Osteuropa-Bank ausgeweitet werden, damit sie ihre Fachkenntnisse über die Umwandlung diktatorischer Regime auf Nordafrika anwenden kann, so die deutschen Regierungskreise.

Signal für Lagarde erwartet

Die Nachfolge des zurückgetretenen IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn dürfte den G-8 kein grosses Kopfzerbrechen bereiten. Sind doch die Schwellenländer, die die Französin Christine Lagarde an der IWF-Spitze ablehnen könnten, gar nicht in Deauville dabei. Und unter den Europäern herrscht weitgehend Einigkeit über die Nomination der 55-jährigen Französin, für die der Gipfel laut EU-Kreisen ein Signal geben soll.

Ein weiteres Thema auf der Agenda dürfte das globale Schuldenproblem sein. Dabei richten sich die Blicke, Vorwürfe und Befürchtungen nicht mehr nur auf die Euro-Krisenländer Griechenland, Portugal oder Irland. Die USA stehen kurz davor, die Schuldengrenze von 14,3 Billionen Dollar zu überschreiten.

Eher in den Hintergrund tritt das Thema Internet, das die französische Präsidentschaft erstmals auf eine G-8-Agenda hob. Vielleicht, um der noch zu Zeiten des Kalten Krieges ins Leben gerufenen Gruppe ein modernes Image zu geben. Zu Jahresbeginn konnte Sarkozy noch nicht wissen, dass die Aktualität den G-8 zu einem Comeback verhelfen könnte. (pbl/sda/dapd)

G-8 und G-20

Ursprung der heutigen G-8 war eine Sechserrunde. Die Gruppe der größten Industrienationen wurde 1975 von den USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien in Rambouillet (Frankreich) aus der Taufe gehoben. Ziel war die bessere Abstimmung in der Wirtschaftspolitik. 1976 stieß Kanada hinzu, aus der G-6 wurde die G-7. Mit der Einbeziehung Russlands 1997 wurde daraus die G-8.

Die Gruppe der 20 (G-20) wurde 1999 in Berlin als Forum für Finanzminister und Zentralbank-Präsidenten gegründet. Neben den G-8-Staaten gehören auch die wichtigsten Schwellenländer zu dem Kreis. Zu den weiteren Teilnehmern zählen Argentinien, Australien, Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea und die Türkei. Außerdem ist die Europäische Union (EU) ein eigenständiges Mitglied. Die G-20 vertreten rund 85 Prozent der Wirtschaftskraft in der Welt und knapp zwei Drittel der Weltbevölkerung.

Das G-20-Format erlangte erst mit der 2008 einsetzenden Weltfinanz- und -Wirtschaftskrise eine globale Bedeutung. Seitdem fanden Gipfeltreffen in Washington, London, Pittsburgh, Toronto und Seoul statt. Der diesjährige Gipfel soll im November in Cannes stattfinden.

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