Not macht diebisch: Krisen-Verlierer in Spanien plündern Bauern
Aktualisiert

Not macht diebischKrisen-Verlierer in Spanien plündern Bauern

Spaniens Bauern haben es mit einem neuen Typus von Dieb zu tun. Sie stehlen neben Kirschen und Artischocken auch Vieh und landwirtschaftliches Gerät.

von
Daniel Woolls
AP
Das Filet ist weg, nur das Gerippe bleibt zurück.

Das Filet ist weg, nur das Gerippe bleibt zurück.

Mitten in der tiefen Wirtschaftskrise fürchten die spanischen Bauern um ihr Auskommen. Aber nicht eine mangelnde Nachfrage oder Schädlinge stören das Geschäft, sondern gewöhnliche Diebe. Tausende Polizisten sind in den Dörfern bereits im Einsatz, um den Diebstahl von Ernte und landwirtschaftlichem Gerät zu verhindern. In manchen Gegenden haben sich die Bauern zusammengeschlossen und stellen nachts eigene Patrouillen auf.

«Die Leute haben immer ein bisschen geklaut. Daran ist man gewöhnt», erklärt der 69-jährige Kirschbauer Domenec Tugas. «Aber mit der Krise ist es schlimmer geworden.» Das bestätigt die Sprecherin des Landwirtschaftsverbandes Asaja, Estrella Larrazabal. «Der Anstieg (der Diebstähle) seit Beginn der Krise vor einigen Jahren ist aussergewöhnlich. Die Diebe nehmen alles mit, was sie bekommen können.»

Die Diebe stehlen neben Kirschen und Artischocken auch Vieh, landwirtschaftliches Gerät und wertvollen Kupferdraht, der in Bewässerungssystemen verwendet wird. Dabei sind es keine hungernden Arbeitslosen, die sich mit den erbeuteten Kirschen den Bauch vollschlagen und mit verräterisch roten Spuren ihres Raubzuges in die Stadt zurück schlendern. Das Diebesgut ist für den Weiterverkauf gedacht. Die verderblichen Waren werden oftmals an kleinen Strassenständen zum Verkauf angeboten, das Metall wird an Schrotthändler weitergereicht.

Rentner und Arbeitslose unter den Tätern

Das Problem ist so gravierend, dass die Patrouillen, die erstmals vergangene Saison verstärkt wurden, auch dieses Jahr fortgeführt werden. Allein im vergangenen Jahr wurden 20 000 Diebstähle auf Höfen und Feldern verzeichnet. Vergleichszahlen für das laufende Jahr liegen dem Innenministerium nicht vor.

In dem 4000-Seelen-Dorf Saint Climent vor den Toren Barcelonas im Nordosten Kataloniens haben es die Diebe zu dieser Jahreszeit auf Kirschen abgesehen. Polizeichef Ernesto Banos ist sich sicher, dass die vermehrten Diebstähle auf die Krise zurückzuführen sind. Bei den Räubern handle es sich nicht immer um die üblichen Verdächtigen: Es seien auch Rentner, Arbeitslose und junge Leute unter den Tätern, sagt Banos.

Die Raubzüge stellen keine ernst zu nehmende Bedrohung der Gesamtwirtschaft da - die Landwirtschaft macht etwa drei Prozent des spanischen Bruttoinlandsproduktes aus. Aber für einzelne Landwirte sind die Räubereien doch ein ernsthaftes Problem. So berichtet ein Viehzüchter in Zentralspanien, dass Diebe in der Nacht zwei Zuchtkälber getötet und perfekt zerlegt hätten. Nur die Gerippe liessen sie auf der Weide zurück.

Fünf Tonnen Orangen auf einen Schlag

Der Vorsitzende des örtlichen Ablegers eines Landwirtschaftsverbandes, Vincente Carrion, hält in der fruchtbaren Region Murcia im Osten Spaniens Schafe und baut Zitronen an. Er erzählt, die Diebe planten ihre Raubzüge wie Terminhändler - nur dass sie nicht die Preise für Gold oder Öl beobachteten, sondern die für Artischocken oder Orangen. «Wenn der Preis nicht stimmt, fassen sie die Sachen nicht an», sagt Carrion. «Die Preise schwanken im Verlauf des Jahres. Wenn sie ihren Höchststand erreichen, schlagen sie zu.»

Carrion berichtet von einem Fall, bei dem Diebe auf einen Schlag fünf Tonnen Orangen erbeuteten. Sie schlugen während des Tages zu und pflückten die Früchte unter dem Schutz des dichten Laubes der Plantage, verpackten die Beute in Kästen und transportierten sie mit Lastwagen ab. «In der Nacht kommen sie, wenn der Mond hell scheint. Sie schleichen sich an und stehlen deine Artischocken», berichtet Carrion.

Der Kirschbauer Tugas rief am vergangenen Wochenende die Polizei, um zwei junge Männer auf Motorrädern zu verjagen, die sich an seiner Ernte bedienten. Allerdings gibt es noch weitere Eindringlinge, die ihm Sorgen machen: Wildschweine. «Sie wiegen bis zu 90 Kilogramm. Sie kommen und rammen die Bäume, um sie umzuwerfen», erzählt er. «Das ist für ihre Jungen. Sie lieben Kirschen.»

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