Schaulustige in Hochwassergebieten - «Krisentouristen behindern unsere Arbeit»
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Schaulustige in Hochwassergebieten «Krisentouristen behindern unsere Arbeit»

Einsatzkräfte hatten in den letzten Tagen in der Schweiz nicht nur mit dem Wasser zu kämpfen: Schaulustige reisten in überschwemmte Gebiete, überschritten Absperrungen und setzten sich Gefahren aus.

von
Gabriela Graber

Der Wasserstand des Bielersees steigt und lockt Schaulustige an.

(Video: 20 Minuten)

Darum gehts:

  • Schaulustige behindern während der Überschwemmungen die Arbeit der Einsatzkräfte.

  • Die Feuerwehr Brugg AG hat diverse Strassen gesperrt, um Gaffer fernzuhalten.

  • Auch der Kapo Bern ist das Problem bekannt.

  • Laut der Psychologin Jacqueline Frossard, ist der Wunsch berührt zu werden, einer der Gründe für Katastrophentourismus.

«Von weit her kommen Leute, die sich das Hochwasser anschauen wollen», so Manuel Keller (46), Kommandant der Feuerwehr Brugg AG. «Es ist mühsam.» Die Neugierigen träten oft nahe an das Ufer der Aare oder übergingen gar Absperrungen – womit sie sich in Lebensgefahr brächten. «Weil wir die Krisentouristen in Schach halten müssen, verlieren wir wertvolle Zeit, die wir für anderes verwenden könnten!» Um Neugierige fernzuhalten, habe die Feuerwehr Brugg in den letzten Tagen mehrere Strassen in der Stadt abgesperrt. Doch auch das nütze oft nichts: Absperrbänder würden zerrissen, Gitter verstellt. «Pro Tag haben wir hier in Brugg zwei Personen nur dafür eingesetzt, um die Absperrungen zu kontrollieren», sagt Manuel Keller.

«Bitte zeigt Respekt»

Auch die Bieler Feuerwehr musste sich mit Krisentouristen auseinandersetzen. Gemäss einer Medienmitteilung des Regionalen Führungsorgans Biel/Bienne Regio sind in Biel sogar Sandsäcke und Abschrankungen entfernt und Entwässerungsschläuche verschoben worden. Die Polizei hat deshalb ihre Präsenz in den überschwemmten Gebieten verstärkt. «Für die Einsatzkräfte ist es ein grosses Problem, dass es Leute gibt, die mit ihren Fahrzeugen Zugänge blockieren, Absperrungen missachten und sich selber in gefährliche Situationen begeben», so Matthias Rüttimann (58), Kommunikationsverantwortlicher des RFOs Biel/Bienne Regio. «Bitte zeigt Respekt. Befolgt die Anweisungen. Das sind ja keine Schikanen. Es geht jetzt für uns alle darum, möglichst gut mit dieser Krisensituation umzugehen», sagt Rüttimann weiter.

Die Kapo Bern ruft dazu auf, sich nicht in Gefahr zu begeben

Auch der Kantonspolizei Bern ist das Problem bekannt. Diese Woche sei es mehrfach vorbeikommen, dass Schaulustige mit ihren Autos Wege versperrt und Einsatzkräfte in ihrer Arbeit behindert hätten, sagt Christoph Gnägi (41), Mediensprecher der Kapo Bern. Zudem könnten Einsatzkräfte im schlimmsten Fall nicht schnell genug reagieren, wenn beispielsweise jemand in den Fluss fallen würde, da die Rettungskräfte stark ausgelastet seien. «Die Kantonspolizei Bern erinnert die Bevölkerung daran, die Sperrzonen zu respektieren, die Anweisungen der Einsatzkräfte zu befolgen und sich nicht in Gefahr zu begeben», so Gnägi.

«Der Mensch will intensiv spüren und fasziniert werden»

«Es gibt mehrere Gründe, weshalb Menschen Katastrophen aufsuchen», sagt die Notfallpsychologin und Psychotherapeutin Jacqueline Frossard (62). «Einer davon ist, dass der Mensch die emotionale Ergriffenheit sucht. Er will intensiv spüren und fasziniert werden.» Gerade das Berührtwerden von Naturkatastrophen geschehe heute immer weniger, da die Natur hierzulande relativ gut kontrollierbar sei. Als weitere Gründe nennt die Baslerin das Bedürfnis, an vorderster Front dabei zu sein und mitreden zu wollen oder die Möglichkeit, ein Stück Dankbarkeit zu erleben, wenn es einen nicht erwischt hat.

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