Aktualisiert 21.01.2016 16:23

Weltenbummler-Blog

Kristallklares Wasser und zischende Pfeile

Die indischen Andamanen sind ein Traum aus Strand und Regenwald. Um die «Todes-Insel» sollte man jedoch lieber einen Bogen machen.

von
Claudio Sieber

«Die Bewohner der Andamanen sind nicht besser als wilde Bestien. Sie haben die Kopfform, das Gesicht und die Zahnstellung eines Hundes. Ausgenommen ihrer eigener Rasse, essen sie jeden, den sie fangen können.» So die Worte von Marco Polo nach einem Besuch auf den Andamanen. Die indische Inselgruppe wurde aus den verschiedensten Motiven besucht: Jagd auf Eingeborene für Sklavenmärkte, romantikrote Sonnenuntergänge oder gezwungene Isolation hinter Stahlgittern.

Als Grossbritannien Indien zur Kronkolonie erklärte, führte dies mancherorts zu Säbelrasseln. Die bislang ungenutzten Andamanen wurden zum Verbannungsort für indische Revoluzzer und verdächtige Englandfeinde umfunktioniert. Wer hierherkam, kam nicht mehr zurück. Im Golf von Bengalen – zwischen Indien und Thailand – liegt auch Sentinel Island, liebevoll «Todesinsel» genannt. Jede Zehe, die sich der atemberaubenden Flora nähert, wird mit einem Pfeil begrüsst. Selbst indische Hubschrauber, die nach dem Tsunami 2004 Essen liefern wollten – Pfeilhagel. Aufgrund diverser Vorfälle hat die Regierung weitere Annäherungsversuche von der Agenda gestrichen. Zugegeben, die restlichen Andamanen sind weniger abenteuerlich. Hier besteht lediglich die Gefahr, von einer fallenden Kokosnuss getötet zu werden.

Meerblick für 6 Dollar pro Nacht

Von den 500 Sandhaufen, die zusammen die Andamanen bilden, fokussiere ich mich Havelock. Hier ist es nicht zu voll, aber auch nicht zu einsam. Für 6 Dollar die Nacht gibt es bereits Bretterverschläge ohne jeglichen Komfort, dafür mit Blick auf kristallklares Wasser und weissen Sand. Heute hat Ganesha Geburtstag. Nein, kein indischer Freund. Die Gottheit mit dem Elefantenkopf. Während ein Brahmane die Bescherung an den Rüsselgott weitergibt, schnappe ich mir Maha. Er steht etwas einsam neben dem kitschigen Altar. «Ganesha ist die Verkörperung von Weisheit, Glück und Erfolg», murmelt er. Kein Handgriff findet ohne Beistand statt. Das Ganesh Chaturthi ist eine gute Chance, um Freundschaften zu erneuern und die Liebsten zu besuchen.

Der Gott muss cool bleiben

Maha lädt mich ein. Seine Sippe wird ebenfalls Ganesha im Ozean versenken. Damit die Gottheit «cool» bleibt. Sollte der Welt Übles widerfahren, kann Ganesha jederzeit eingreifen und das Schlimmste verhindern. Mein Job ist es, Eis für das Bhang-Fass zu besorgen (das heilige Gesöff Shivas, eine auf Cannabis basierende braune Tunke). Mir wurde verschwiegen, dass der einzige Ort für Eis die Eisfabrik ist. Ein rostiger Kran fischt einen 50 Kilo-Klotz aus dem Kühlfach. Kleiner gehe nicht. Als ich mit dem Eisberg zurückkomme, werden Holi-Schreie laut. Kurz darauf fliegen Salben von feinem Farbpuder. Ganesha macht sich auf den Weg. Mit ihm, Maha und ungefähr 15 beflügelten Indern sitze ich auf der Lade eines Kleinlasters.

Maha hat vergessen eine Bewilligung zu besorgen, also werden wir von einer Garde Polizisten begleitet. Wir packen klebrige Snacks in korrigierte Hausaufgabenbücher ab. Einige trommeln auf Blechschüsseln, andere schreien die Huldigung. Dorfbewohner werden aus den Häuschen gescheucht und persönlich mit Süssem beschenkt. Für die sechs Kilometer haben wir sechs Stunden. Unter dem Jubel der lilagelb gemusterten Bande, einigen wirr gurgelnden Frauen und den acht spähenden Polizisten wird die Statue im Ozean versenkt.

Weltenbummler

Claudio Sieber spurtete 15 Jahre lang für die grafische Branche. Heute setzt der 33-Jährige seine Energie für sich selbst ein. Als Fotograf und Reiseblogger. Seit Januar 2014 ist der Langzeit-Nomade bereits unterwegs, um die Schönheit dieser Erde zu erkunden. Dabei lernt der Ostschweizer die vielseitigsten Menschen kennen und steigert täglich sein Bewusstsein für die Welt.

Auf seinem Blog Travelbuddy.ch und auf 20 Minuten teilt er seine Erlebnisse.

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