US-Tarnkappenjet – Kritik am F-35-Jet – «Nichts weiter als ein sehr teurer Prototyp»

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US-TarnkappenjetKritik am F-35-Jet – «Nichts weiter als ein sehr teurer Prototyp»

Der oberste US-Waffentester stellt in einem Bericht 850 Mängel beim Hightech-Flieger F-35 fest. Ist er trotzdem die richtige Wahl für die Schweiz? Die Schweizer Beschaffungsbehörde Armasuisse nimmt Stellung.

von
Daniel Krähenbühl
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Über 1400 Milliarden Franken hat allein die Entwicklung der F-35 gekostet. US-Parlamentarier bezeichneten das Projekt aufgrund der ausufernden Kosten als «Fass ohne Boden».

Über 1400 Milliarden Franken hat allein die Entwicklung der F-35 gekostet. US-Parlamentarier bezeichneten das Projekt aufgrund der ausufernden Kosten als «Fass ohne Boden».

Reuters
Die US-Streitkräfte wollen insgesamt 1700 F-35-Kampfjets beschaffen. 

Die US-Streitkräfte wollen insgesamt 1700 F-35-Kampfjets beschaffen. 

imago images/ZUMA Wire
Die Schweiz ist nicht das einzige Land in Europa, das auf den Tarnkappenjet der fünften Generation setzt. Neben Finnland, Deutschland, Norwegen, Dänemark, Polen oder Grossbritannien haben schon heute Belgien, die Niederlande und Italien den Tarnkappenjet von Lockheed Martin beschafft.

Die Schweiz ist nicht das einzige Land in Europa, das auf den Tarnkappenjet der fünften Generation setzt. Neben Finnland, Deutschland, Norwegen, Dänemark, Polen oder Grossbritannien haben schon heute Belgien, die Niederlande und Italien den Tarnkappenjet von Lockheed Martin beschafft.

Schweizer Armee

Darum gehts

Die Schweiz braucht dringend neue Kampfjets, um die Luftverteidigung auch nach 2030 sicherstellen zu können: So zumindest lautet der Appell von Verteidigungsministerin Viola Amherd. Doch der Kauf von 36 Tarnkappenjets des Typs F-35A ist stark umstritten: Eine linke Allianz will mit der Volksinitiative «Stop F-35» den Kampfjet-Kauf bodigen.

Anlässlich eines Arbeitsbesuchs des Kommandanten der US-amerikanischen Luftwaffe, General Charles Q. Brown Jr., warnte der Kommandant der Schweizer Luftwaffe, Peter Merz, dass die Schweiz bei einer Annahme der Volksinitiative ab 2030 ohne Kampfjets dasteht: «Die Zeit läuft uns davon, wir sind jetzt schon auf dem letzten Drücker.» Sollte die Schweiz den Vertrag mit den USA nicht bis im März 2023 unterschreiben, könne die Luftwaffe den Schutz der Neutralität im Luftraum nicht mehr sicherstellen. «Mit Raketen kann man keinen Luftpolizeidienst machen», so Merz.

Details zu Mängelliste unter Verschluss

Doch selbst in den USA werden die hohen Kosten und die Unzuverlässigkeit der Maschinen bemängelt. Rund 850 Beanstandungen listete der oberste US-Waffentester in einem Bericht im Januar auf – Details dazu blieben jedoch geheim. Die US-amerikanische Aufsichtsinstanz Pogo (Project On Government Oversight) konnte nun die nicht-öffentliche Version des Berichts unter die Lupe nehmen. Das Fazit der Organisation fällt vernichtend aus: «Mehr als zwanzig Jahre nach dem Entwicklungsstart der F-35 bleibt das Flugzeug in praktischer und rechtlicher Hinsicht nichts weiter als ein sehr teurer Prototyp.»

Die gegen das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten gerichteten Vorwürfe wiegen schwer: Das Pentagon habe das volle Ausmass der Probleme unter Verschluss halten wollen – auch, um die Länder der internationalen Partner nicht aufzuschrecken. 20 Minuten hat die Schweizer Beschaffungsbehörde Armasuisse mit den einzelnen Kritikpunkten konfrontiert.

Der DOT&E-Bericht zählt 850 Mängel beim Kampfjet auf. Ist die F-35A trotzdem die richtige Wahl?

Armasuisse: Ja. Die umfassende Evaluation durch das VBS hat gezeigt, dass die F-35A das für die Schweiz am besten geeignete Kampfflugzeug ist – sowohl bezüglich Nutzen wie auch bezüglich Kosten.

Zu den Mängeln sagt Armasuisse: «Das Führen und Abarbeiten solcher Listen bei komplexen Systemen ist üblich und führt zu steten und zielgerichteten Verbesserungen. Die aktuelle Liste beinhaltet keine flugsicherheitsrelevanten Einträge und nur fünf missionskritische Einträge.» Drei dieser Mängel würden für die Schweizer Flugzeuge behoben. Die verbleibenden zwei beträfen die Operation auf Flugzeugträgern und seien daher für die Schweiz nicht relevant.

Die Organisation Pogo behauptet, dass es sich bei der F-35 um nichts als einen «sehr teuren Prototypen» handelt. Was sagen Sie dazu?

Das Flugzeug ist laut Armasuisse serienreif. Zum Zeitpunkt der Anfrage wurden bereits über 770 F-35 ausgeliefert. Lockheed Martin produziert zurzeit rund 150 F-35 pro Jahr, davon rund 120 F-35A. Die F-35A weist für die Schweiz bereits heute die günstigsten Betriebskosten aller Wettbewerber auf.

In den USA waren nur 54 Prozent der F-35A-Kampfjets voll einsatzfähig. Für eine effektive Flugzeugflotte wäre laut Pogo aber mindestens eine Quote von 80 Prozent nötig.

Gemäss Armasuisse weist der Bericht darauf hin, dass die neueren Flugzeuge eine höhere Verfügbarkeit haben als die angegebenen Durchschnittszahlen. Die im Bericht aufgeführten Zahlen seien deshalb nicht relevant für die zu erwartende Verfügbarkeit der Schweizer F-35A ab dem Jahr 2027.

Länder, welche F-35 betreiben, müssen laut dem Bericht weltweit um Ersatzteile konkurrieren. Je mehr Länder F-35-Jets kaufen, desto mehr Jets blieben wegen Reparaturen am Boden, schreibt Pogo.

Das ist laut Armasuisse ein falscher Schluss. Das schnelle Wachstum der weltweiten F-35-Flotte werde bis zur Einführung der F-35A in der Schweiz ab 2027 zu einer besseren Ersatzteilsituation beitragen. Die US-Regierung verpflichte sich zudem, die Ersatzteilbewirtschaftung so zu steuern, dass die Flotte zu mindestens 60 Prozent einsatzfähig bleibe. Das sei mehr als dies zum Beispiel heute bei der F/A-18C/D der Schweizer Luftwaffe der Fall sei.

Darüber hinaus stelle das VBS mit einem Logistikpaket die Ersatzteilversorgung während mindestens sechs Monaten auch bei vollständig geschlossenen Grenzen sicher.

Laut Pogo zeige der Bericht auf, dass das F-35-System gefährlich anfällig für Cyberangriffe sei.

Auch das bestreitet Armasuisse. «Der Bericht zeigt auf, dass weitere potenzielle Schwachstellen behoben werden sollen. Zudem wird empfohlen, weiterhin genügend Ressourcen zur Sicherstellung der Cybersicherheit einzuplanen.

Grundsätzlich weise die F-35A im Vergleich zu herkömmlichen Kampfflugzeugen das modernste System und die höchste Cybersicherheit auf. Sie sei bei der Entwicklung der F-35 von Anfang an berücksichtigt worden.

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