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Impfstoffe reichen nicht ausKritik an Impf-Chaos – BAG verteidigt Strategie

Das BAG steht in der Kritik, zu spät und zu wenig Impfstoff bestellt zu haben und so die Pandemie zu verschleppen. Das Amt verteidigt seine Strategie.

von
Daniel Graf
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Das BAG steht in der Kritik, zu spät und zu wenig Impfstoffe bestellt zu haben. Das Amt verteidigt seine Strategie.

Das BAG steht in der Kritik, zu spät und zu wenig Impfstoffe bestellt zu haben. Das Amt verteidigt seine Strategie.

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Der Impfstoff von AstraZeneca sei in der Prüfung und beim Impfstoff von Moderna erwarte das BAG demnächst die Zulassung.

Der Impfstoff von AstraZeneca sei in der Prüfung und beim Impfstoff von Moderna erwarte das BAG demnächst die Zulassung.

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GLP-Nationalrat Martin Bäumle zeigt sich «schwer enttäuscht», dass die Behörden beim Impfstoff zu lange untätig geblieben seien.

GLP-Nationalrat Martin Bäumle zeigt sich «schwer enttäuscht», dass die Behörden beim Impfstoff zu lange untätig geblieben seien.

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Darum gehts

  • Das BAG erntet Kritik für seine Impfstoffbeschaffung: Die Verträge seien zu spät unterzeichnet und von den jeweiligen Herstellern zu wenige Dosen bestellt worden.

  • GLP-Nationalrat Martin Bäumle kritisiert auch, dass nicht einmal geprüft worden sei, ob mehr Impfstoff in der Schweiz hergestellt werden könnte.

  • Das BAG verteidigt seine Strategie: Es seien Verträge über 15 Millionen Impfstoffdosen mit den richtigen Herstellern abgeschlossen worden.

Andreas Faller, bis 2012 Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit (BAG), kritisiert in der «SonntagsZeitung» (Bezahlartikel) die Beschaffungspolitik der Schweiz für Impfstoffe gegen Corona: «Die Schweiz hätte ein gewisses Risiko eingehen müssen, indem sie bei jedem Hersteller eine ausreichende Menge für die Gesamtbevölkerung bestellt», sagt er. Die wichtigsten Kritikpunkte.

Impfstoffbeschaffung

Fallers Vorwurf lautet, dass die Schweiz Verträge zu spät unterzeichnet und zu wenig Impfstoffdosen bestellt habe. Deshalb habe man nun im Vergleich zu Ländern wie den USA oder Israel das Nachsehen (siehe Box). GLP-Gründer Martin Bäumle teilt diese Einschätzung: «Wir wissen seit dem Frühling, dass nur Impfstoffe uns nachhaltig aus dieser Krise führen können. Mich enttäuscht es schwer, dass die Behörden wie bei so vielem anderen in der Pandemie auch bei diesem Thema wohl zu lange untätig geblieben sind. Das ist für mich aber nicht mehr entschuldbar.»

Etwas weniger drastisch sieht es Thomas Steffen, Kantonsarzt von Basel-Stadt und Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsärzte: «Für mich kommt die Kritik verfrüht. Es stimmt, dass Israel und die USA weiter sind, doch im europäischen Vergleich hinkt die Schweiz nicht extrem hinterher. Es herrscht weltweit ein gewaltiger Mangel an Impfstoffdosen und die Schweiz als kleines Land mit kleinem Markt hatte es wohl auch schwieriger, ausreichend Dosen zu reservieren.»

Herstellung von Impfstoffen

Einige der grössten Pharmakonzerne der Welt haben ihren Hauptsitz in der Schweiz, im Wallis beginnt Lonza dieser Tage mit der Produktion des neuen Impfstoffs der Firma Moderna – und trotzdem hat die Schweiz nicht ausreichend Impfstoff. Laut Epidemiegesetz hätte der Bund die Möglichkeit, im Falle einer Pandemie die Ausfuhr von Medikamenten und Impfstoffen zu unterbinden. Thomas Steffen erklärt: «Pharmariesen sind globalisierte Konzerne. In der Schweiz sind häufig vor allem das Management, die Administration und Teile der Forschung angesiedelt. Doch die komplette Produktion eines Impfstoffs innert kurzer Zeit in die Schweiz zu verlagern, wäre wohl kaum möglich gewesen.»

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Trotzdem könne die Schweiz Lehren daraus ziehen: «Wir werden diskutieren müssen, ob Impfstoffe so systemrelevant sind, dass mit den Herstellerfirmen Verträge abgeschlossen werden sollten. Sodass die Schweiz etwa künftig ein Vorkaufsrecht hätte für Impfstoffe, die mit Schweizer Beteiligung hergestellt wurden.»

GLP-Nationalrat Bäumle sagt, die Regierung hätte zumindest versuchen müssen, mehr Impfstoffe im eigenen Land herzustellen: «Als Pfizer bekanntgab, dass sie auf der Suche nach weiteren Produktionsstandorten sind, hätte ich von der Regierung und den hiesigen Pharmakonzernen erwartet, dass man sich zumindest gemeinsam an einen Tisch setzt und Lösungen sucht. Doch das hätte wohl im Frühsommer passieren müssen. Jetzt ist es dafür vermutlich zu spät.»

Verteilung und Impftermine

Ein weiteres Problem ist die Terminbuchung. So berichtet die «SonntagsZeitung» von überlasteten Telefonnummern und Websites, die aufgrund des grossen Andrangs zusammenbrechen. In einigen Kantonen ist eine Online-Terminbuchung noch gar nicht möglich. «Die Schweiz ist ein digitales Entwicklungsland, man kann es leider nicht anders sagen», urteilt Martin Bäumle. Er spricht von einem kollektiven Versagen von Bund und Kantonen: «Wir haben es beim Contact Tracing nicht geschafft, einheitliche Daten zu erheben und wir schaffen es beim Impfen nicht, rechtzeitig ein einheitliches Reservationstool zu etablieren. Das ist traurig und tragisch.»

Auch Steffen sagt, die Digitalisierung des Gesundheitswesens werde eine der grossen Lehren aus der Corona-Pandemie sein: «Wir haben klar gesehen, dass wir hier hinterherhinken und welche Folgen das haben kann. Das muss die Schweiz möglichst bald anpacken.» Immerhin: In einigen Kantonen funktionierten die eigenen Lösungen: «In Basel-Stadt wären wir bereit, um innerhalb von drei Monaten die ganze Bevölkerung durchzuimpfen, wenn ab Montag ausreichend Impfstoff zur Verfügung stünde.»

Wie geht es weiter?

Grosse Hoffnung ruht jetzt auf dem Impfstoff der US-Firma Moderna, der teilweise bei Lonza im Wallis hergestellt wird. «Ich gehe davon aus, dass die erste Lieferung von 4,5 Millionen Dosen, für die der Vertrag bereits im August unterzeichnet wurde, nach der Zulassung durch Swissmedic schnell geliefert werden», sagt Martin Bäumle. Die zusätzlichen 3 Millionen Dosen, die später dazugekauft wurden, würden wohl verzögert geliefert werden. Bäumle plädiert aber dafür, auch bei weiteren Impfstoffherstellern einzukaufen: «Auch beispielsweise der Impfstoff von Johnson&Johnson sieht vielversprechend aus. Und ich gehe soweit zu sagen, dass wir auch eine Bestellung des russischen Impfstoffs prüfen sollten.»

BAG verteidigt gestaffelte Besorgung

Das BAG sagt zu den Vorwürfen, dass der Bund seit Beginn eine gezielte und diversifizierte Strategie verfolge, da die Impfstoffentwicklung und -verfügbarkeit viele Unsicherheiten berge. «Der Bund führt zum einen direkte Gespräche mit Impfstoffherstellern. Andererseits engagiert er sich auf internationaler Ebene, um für die Schweizer Bevölkerung SARS-CoV-2-Impfstoffe zu sichern», schreibt BAG-Sprecherin Katrin Holenstein.

Diese Strategie habe sich bewährt: «Wir haben mit drei Impfstoffherstellern Verträge über gut 15 Millionen Dosen unterschreiben können.» Die heutige Situation zeige auch, dass die Schweiz auf die richtigen Hersteller gesetzt habe: «Pfizer/BionTech wurde im Dezember in der Schweiz zugelassen, die Zulassung von Moderna wird im Januar erwartet.» Der dritte bestellte Impfstoff von AstraZeneca sei bei Swissmedic in Prüfung. Der Bund sei auch mit weiteren Herstellern im Gespräch. Das BAG geht laut Holenstein davon aus, dass das Ziel, Impfstoffe für 60 Prozent der Bevölkerung zu beschaffen, erreicht oder sogar übertroffen wird.

Wie lange es dauern wird, dieses Ziel zu erreichen und wann mit den nächsten Impfstofflieferungen zu rechnen ist, bleibt unklar. Laut Holenstein rechnet das BAG «demnächst» mit weiteren Lieferungen von Pfizer/Biontech und der Zulassung des Moderna-Impfstoffs. Auch ein IT-System für Impf-Termine werde parallel zum offiziellen Impfstart in der kommenden Woche zur Verfügung stehen.

Israel ist «Impf-Weltmeister»

In den USA und in Israel wird deutlich schneller geimpft als in der Schweiz. Während die Schweiz in einer ersten Lieferung 107’000 Impfdosen bekommen hat, wurde in Israel gemäss der Website «Our World in Date» bis am 2. Januar bereits jeder 13. Einwohner geimpft. Bei einer Einwohnerzahl von 8,884 Millionen entspricht das schon mehr als 1,1 Millionen Impfungen. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu hatte das Impfen früh zur Chefsache erklärt und gemäss Medienberichten intensiv um Impfdosen für Isreal geworben. Auch in den USA wird schneller geimpft als in der Schweiz, 1,28 Prozent der 328,2 Millionen Einwohner haben bereits eine Impfung erhalten.

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