Aktualisiert 25.06.2009 09:19

«Harmloser schräger Vogel»Kritik an SF nach Mordfall in Spanien

Der verurteilte Schaffhauser Querkopf E.S. steht
unter Verdacht, einen Bewunderer erschlagen zu haben. Ein SF-«Dok»-Film habe ihn krass verharmlost, kritisieren Behörden.

Der Weltenbummler U.B. wollte leben wie E.S.: fernab der Zivilisation und im Einklang mit der Natur. Er hatte eine einfühlsame SF-Reportage über den Schaffhauser Aussteiger gesehen. So begeistert war er, dass er kurzerhand mit Sack und Pack zu E.S. nach Valencia reiste, wie der «Beobachter» berichtet. Sechs Wochen später war U.B. tot. Schüler fanden den 43-Jährigen am 29. Mai leblos in der Nähe eines Pausenplatzes, mit Schlagwunden am Kopf. E.S. steht unter dringendem Tatverdacht und sitzt seither in U-Haft.

Hätte U.B.s Tod verhindert werden können? Fakt ist: Die Schaffhauser Behörden üben heftige Kritik an den Machern des SF-Dokufilms. Sie hätten E.S. völlig zu Unrecht als «harmlosen schrägen Vogel» dargestellt. «E.S. hat mehrere Behördenmitglieder mit gewalttätigen Angriffen in Todesangst versetzt und übel zugerichtet. Dies wurde im Film – der fast einem Propagandastreifen für E.S. gleichkommt – bewusst ausgeblendet», sagte der Schaffhauser Stadtpräsident Thomas Feurer bereits vor zwei Jahren. Im März kritisierte Staatsschreiber Stefan Bilger in einem Brief an SF, der Film entspreche nicht der «journalistisch gebotenen, vollständigen Würdigung der Sachverhalte». SF weist den Vorwurf der Verharmlosung zurück: «Im Film sind beide Parteien korrekt zu Wort gekommen.» Feurer entgegnet: «Sollte E.S. den Mord ­tatsächlich begangen haben – was ich nicht hoffe –, müssten die Filmemacher erst recht über die Bücher.»

(dp)

Ausschnitt aus dem SF-DOK von 2007: Der 60-jährige Tatverdächtige erbost sich über die Verhaftung in einem Mordfall von 1993. Er wurde nach einem Monat Gefängnis freigelassen. Der tatsächliche Täter wurde einige Monate später gefasst.

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Sonderling E.S.

Das Schaffhauser ­Stadtoriginal E. S. sass wegen mehrfacher schwerer und einfacher Körperverletzung, Sachentziehung und Sachbeschädigung fast vier Jahre im Gefängnis und in der geschlossenen Psychiatrie. Bei den Schaffhauser Behörden gilt er als Sicherheitsrisiko für die Gesellschaft. Andere halten ihn für einen harmlosen Zeitge­nossen. Vor über drei Jahren flüchtete er aus der Schweiz und tauchte in Spanien unter. Trotzdem schrieben ihn die Schaffhauser Behörden nicht zur internationalen Fahndung aus. «Da er seine Strafe verbüsst hatte und sich in einer psychiatrischen Massnahme befand, fehlte die rechtliche Grundlage dafür», so Staats­schreiber Stefan Bilger.

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