«Echt sehenswert» - Kritik an SVP-Glarner nach Video mit «Impfen macht frei»-Bild
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«Echt sehenswert»Kritik an SVP-Glarner nach Video mit «Impfen macht frei»-Bild

Nationalrat Andreas Glarner provoziert in einem Facebook-Beitrag. «Dass ein Politiker solche Inhalte weiterverbreitet, ist stossend», sagt die Eidgenössische Kommission für Rassismus.

von
Daniel Krähenbühl
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SVP-Nationalrat Andreas Glarner teilt ein Video, in dem ein geschichtsrevisionistisches Bild enthalten ist.

SVP-Nationalrat Andreas Glarner teilt ein Video, in dem ein geschichtsrevisionistisches Bild enthalten ist.

Screenshot Facebook
Zahlreiche Facebook-Benutzer kritisieren Glarner in den Kommentaren. 

Zahlreiche Facebook-Benutzer kritisieren Glarner in den Kommentaren.

Screenshot Facebook
«Von einem Politiker kann man erwarten, dass er solche unhaltbaren und verletzenden Vergleiche nicht auch noch weiterverbreitet, ob nun bewusst oder unbewusst», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds.

«Von einem Politiker kann man erwarten, dass er solche unhaltbaren und verletzenden Vergleiche nicht auch noch weiterverbreitet, ob nun bewusst oder unbewusst», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds.

SIG

Darum gehts

  • SVP-Politiker Andreas Glarner wird nach einem Facebook-Beitrag harsch kritisiert.

  • Das von ihm geteilte Video benutzt unter anderem eine Fotomontage, in dem über dem Eingangstor des Impfzentrums Schaffhausen die Überschrift «Impfen macht frei» montiert ist.

  • Der zynische Spruch lehnt sich an die Wort «Arbeit macht frei» an, die im Dritten Reich über den Eingangstoren mehrerer Konzentrationslager, namentlich von Auschwitz, standen.

  • Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus verurteilen die Relativierung von NS-Verbrechen klar.

SVP-Nationalrat Andreas Glarner teilt auf Facebook ein Video eines Anti-Impf und Anti-Massnahmen-Lieds. Den Post zum Song namens «Es ist doch nur eine Maske» versieht er mit der Bemerkung, es sei «echt sehenswert». Das Video bedient sich verschiedener Bilder, um den Text zu untermalen, unter anderem auch einer Fotomontage vor dem Schaffhauser Impfzentrum, welche indirekt das Impfen gegen Corona mit dem Nazi-Regime gleichsetzt: Statt dem zynischen Spruch «Arbeit macht frei», welcher damals über den Eingangstoren von Konzentrationslagern stand, namentlich dem Vernichtungslager Auschwitz, steht auf dem Bild: «Impfen macht frei».

In Kommentaren wird Glarner harsch kritisiert: «Holocaustverharmlosung sollte gesetzlich verfolgt werden. Personen wie Sie sollten kein politisches Amt wahrnehmen dürfen. Einfach nur widerlich», schreibt etwa eine Person. Auch Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG), übt Kritik: «Grundsätzlich sollte man heute sehr vorsichtig sein beim Teilen von Inhalten in den sozialen Medien, besonders dann, wenn einmal mehr wieder unhaltbare Holocaustvergleiche herhalten müssen, um Corona-Massnahmen und Impfung zu kritisieren.» Solche Vergleiche seien unnötig und deplatziert.

«Historisch falsche und moralisch verwerfliche Vergleiche»

«Hier wird ein Ort, an dem man freiwillig eine Impfung erhält, die einem gegen eine Krankheit schützt, verglichen mit einem Ort an dem Hunderttausende Menschen Zwangsarbeit leisten mussten und ermordet wurden», so Kreutner. Diese Vergleiche könnten letztlich in ihrer Menge, Häufung und Verbreitung zu einer Verharmlosung des Holocaust führen. «Von einem Politiker kann man erwarten, dass er solche unhaltbaren und verletzenden Vergleiche nicht auch noch weiterverbreitet, ob nun bewusst oder unbewusst.» Ein Parlamentarier sollte sich laut Kreutner seiner Vorbildfunktion bewusst sein. «Wenn Glarner solche unsinnigen Vergleiche gutheisst, spornt das vielleicht auch andere Menschen an, es ihm gleich zu tun.»

Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) beanstandet den Beitrag ebenfalls: «Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus hat bereits wiederholt darauf hingewiesen, dass Vergleiche von Corona-Massnahmen mit dem Holocaust absolut inakzeptabel und sehr verletzend sind.» Solche Vergleiche seien historisch falsch und moralisch verwerflich, weil sie einen Völkermord banalisieren. «Dass ein Politiker solche Inhalte weiterverbreitet, ist stossend.»

SVP-Politiker Andreas Glarner kommentiert auf Anfrage von 20 Minuten nur soweit: «Dieser Vergleich ist derart absurd, dass sich ein Kommentar grundsätzlich erübrigt.» Wobei nicht klar ist, ob er damit den Vergleich von KZ mit Impfzentrum meint.

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Hier findest du Hilfe:

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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