85'000 Franken im Monat: Kritik an teurer Therapie für Problemkind «Boris»
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85'000 Franken im MonatKritik an teurer Therapie für Problemkind «Boris»

Die teure Spezialbetreuung des zwölfjährigen «Boris» schlägt hohe Wellen. Dabei gäbe es Alternativen. Und: Boris ist kein Einzelfall.

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ced
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Vor anderthalb Jahren landete ein Zwölfjähriger, der in den Medien «Boris» genannt wird, auf der Kinderstation der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. Diese sah offenbar die Sicherheit der Kinderstation durch den Buben gefährdet. Deshalb ordnete die Behörde eine intensive Betreuung an. Fortan überwachte ein Security-Mann den Buben rund um die Uhr.

Vor anderthalb Jahren landete ein Zwölfjähriger, der in den Medien «Boris» genannt wird, auf der Kinderstation der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. Diese sah offenbar die Sicherheit der Kinderstation durch den Buben gefährdet. Deshalb ordnete die Behörde eine intensive Betreuung an. Fortan überwachte ein Security-Mann den Buben rund um die Uhr.

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Für die 50'000 Franken sollte aber die Gemeinde Wettswil am Albis, wo die Familie gemeldet war, aufkommen. Doch diese weigerte sich, die Kosten zu übernehmen. Deshalb wurde Bub in die Universitäre Psychiatrische Klinik Basel verlegt. Doch auch dort fällt er negativ auf.

Für die 50'000 Franken sollte aber die Gemeinde Wettswil am Albis, wo die Familie gemeldet war, aufkommen. Doch diese weigerte sich, die Kosten zu übernehmen. Deshalb wurde Bub in die Universitäre Psychiatrische Klinik Basel verlegt. Doch auch dort fällt er negativ auf.

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Die Sondersettings schlagen beim Kind offenbar nicht an. Seine  Mutter ist überzeugt: «Erst durch die gescheiterten Sondersettings ist die Situation eskaliert.» Auch Sefika Garibovic (im Bild), Therapeutin und Expertin für Nacherziehung, die die Mutter des Buben berät, fordert: «Dass ein so kleines Kind mit Verbrechern in derselben Einrichtung ist, ist ein Skandal. Dieses Kind muss raus.» Nur gemeinsam mit der Mutter sei das Kind therapierbar.

Die Sondersettings schlagen beim Kind offenbar nicht an. Seine Mutter ist überzeugt: «Erst durch die gescheiterten Sondersettings ist die Situation eskaliert.» Auch Sefika Garibovic (im Bild), Therapeutin und Expertin für Nacherziehung, die die Mutter des Buben berät, fordert: «Dass ein so kleines Kind mit Verbrechern in derselben Einrichtung ist, ist ein Skandal. Dieses Kind muss raus.» Nur gemeinsam mit der Mutter sei das Kind therapierbar.

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Der «Fall Boris» sorgte vergangene Woche für Schlagzeilen: Der Zwölfjährige aus Wettswil ZH wird für 85'000 monatlich betreut. Er sei unberechenbar, Gutachten attestieren ihm Fremd- und Selbstgefährdung. Momentan sitzt er in einer psychiatrischen Klinik für jugendliche Straftäter und wird 24 Stunden pro Tag bewacht, 7 Tage die Woche.

Das sei nicht nur überflüssig, sondern schädlich, sagt die bekannte Pädagogin und Buchautorin Sefika Garibovic. Auch die «Weltwoche» spricht von einem «Skandal». Die Jugendpsychiatrie habe in diesem Fall versagt, schreibt die Wochenzeitung, und gibt Einblick in die «Akte Boris».

Von einer Station zur nächsten

Laut der «Weltwoche» wurde der Zwölfjährige erst ab dem vierten Lebensjahr auffällig, nachdem er mit seiner Mutter aus Weissrussland in die Schweiz gezogen war. Er liess sich nicht in den Kindergarten eingliedern. Vor der Einschulung wurde er psychologisch abgeklärt. Man setzte Boris auf Ritalin und schickte ihn an eine Sonderschule für hyperaktive Kinder. Es folgte eine Reihe erfolgloser Therapien.

Die Eingliederung in den normalen Unterricht klappte nicht. Ein neuer Stiefvater sorgte zudem für Unruhe im familiären Umfeld. Die Kinderschutzbehörde (Kesb) leitete deshalb 2014 eine Fremdplatzierung in die Wege. So kam Boris ins Sonderschulheim Buchweid in Russikon ZH. Nach nur drei Monaten hatte man dort aber genug vom Rebellen. Nächste Station: die psychiatrische Klinik Sonnenhof in St. Gallen.

«Mein Sohn ist kein Versuchskaninchen»

Dort machte Boris zum ersten Mal Bekanntschaft mit «den schweren pharmazeutischen Geschützen der Kinderpsychiatrie», wie die «Weltwoche» schreibt. Will heissen: Er erhielt einen Cocktail aus verschiedenen Medikamenten. Die Therapie blieb aber erfolglos. 2015 folgten ein kurzer Aufenthalt zu Hause und ein Ausraster des Stiefvaters. Boris wurde der elterlichen Obhut entzogen und in die Psychiatrie Brüschhalde in Zürich eingewiesen.

Es kam zu einer Odyssee durch Institutionen und Pflegefamilien. Die Medikamentendosis wurde kontinuierlich erhöht – eine Krankheitsdiagnose fehlte. «Mein Sohn ist doch kein Versuchskaninchen», sagt die Mutter des Zwölfjährige zur «Weltwoche». Mittlerweile wurde Boris in die Universitäre Psychiatrische Klinik Basel verlegt. Der Verlauf seiner Therapie sei «bisher leider ungünstig».

Expertin würde Therapien abbrechen

Gibt es keine Alternative dazu? Doch, sagt Sefika Garibovic. Die Pädagogin ist der Meinung, den Buben für 5000 Franken im Monat behandeln zu können: «Der Junge ist nur schlecht erzogen, nicht krank.»

Sie würde ihn, so erklärt sie dem «Tages-Anzeiger», nach Hause holen, alle laufenden Therapien abbrechen und die Medikamente absetzen. In Zusammenarbeit mit einer Schule würde sie die Mutter, deren Partner und den Jungen «intensiv behandeln». Konkret heisst das drei bis vier Besuche pro Woche und die Garantie, für Eltern und Lehrer 24 Stunden erreichbar und notfalls innert einer Stunde vor Ort zu sein.

Kein Einzelfall

Die Kesb hat Garibovics Angebot jedoch abgelehnt. Dieses ist für die Fachleute, die bisher mit dem Buben zu tun hatten, ganz und gar unrealistisch. Für André Woodtli, Chef des Amts für Jugend und Berufs­beratung (AJB), ist genau dies das Dilemma, vor dem Behörden in solchen Fällen immer wieder stehen. «Natürlich kann man argumentieren, es könne nicht sein, dass ein Kind so viel koste. Aber was ist die Alternative? Das Kind wird daheim betreut, es kommt zu einem Vorfall, die Polizei muss einschreiten, dann sind wir wieder gleich weit. Oder die Schule kann das Kind nicht mehr weiter mittragen, dann kommt es erneut ins Heim.» Ein Teufelskreis, der mit jeder Umdrehung schlimmer zu werden droht.

Laut Woodtli gibt es im Kanton Zürich pro Jahr schätzungsweise fünf bis sechs Fälle von Kindern, die in keiner Institution tragbar sind und nirgends mehr aufgenommen werden. Es sind Kinder, wie auch der berüchtigte «Carlos» eines war. Auch der war schon mit zwölf kaum mehr unterzubringen.

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