Fehlende Gastfreundschaft?: «Kritik ist Rechtfertigung für Skiferien im Ausland»
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Fehlende Gastfreundschaft?«Kritik ist Rechtfertigung für Skiferien im Ausland»

Den Tourismus-Chef von Samnaun trifft die Kritik aus Ischgl besonders. Die beiden Orte betreiben gemeinsam eine Skiarena. Übers Ausland urteilten die Gäste milder, sagt Urs Wohler.

von
S. Spaeth
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«Die meisten unserer Hotels haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie haben in die Servicequalität investiert», sagt Urs Wohler, Tourismusdirektor der Regionen Scuol und Samnaun, im Interview mit 20 Minuten.

«Die meisten unserer Hotels haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie haben in die Servicequalität investiert», sagt Urs Wohler, Tourismusdirektor der Regionen Scuol und Samnaun, im Interview mit 20 Minuten.

Das binationale Skigebiet Samnaun/Ischgl zählt insgesamt 45 Bergbahnen und 238 Kilometer Skipisten.

Das binationale Skigebiet Samnaun/Ischgl zählt insgesamt 45 Bergbahnen und 238 Kilometer Skipisten.

Andrea Badrutt
Nicht nur Ischgl veranstaltet Konzerte in Skigebiet. Im Bild das Frühlingsschneefest in Samnaun.

Nicht nur Ischgl veranstaltet Konzerte in Skigebiet. Im Bild das Frühlingsschneefest in Samnaun.

Der Schweiz würde es an Freundlichkeit fehlen, sagte der Tourismus-Chef von Ischgl. Das muss Sie als Tourismus-Chef von Samnaun besonders ärgern. Die beiden Skigebiete hängen zusammen...

Die Kritik überrascht mich tatsächlich sehr, da wir seit 35 Jahren gut zusammenarbeiten. Samnaun und Ischgl betreiben gemeinsam die Silvretta Skiarena. Es ist etwas anderes, ob man vom Nachbarn oder sonst irgendjemandem schlecht beurteilt wird.

Ist das gutnachbarschaftliche Verhältnis jetzt gestört?

Bei uns funktioniert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Ich werde diese Medien-Geschichte beim nächsten Treffen aber bestimmt mit meinem Kollegen aus Ischgl thematisieren. Es ist nicht mein Stil, jetzt medial zurückzuschiessen. Wichtig ist konstruktive Kritik.

Bemängelt wird an der Schweiz die fehlende Freundlichkeit.

Es ist nicht richtig, zu verallgemeinern. Es gibt in der Schweiz zahlreiche hervorragende Beispiele in Bezug auf Gastfreundschaft. Gerade in Samnaun, dem Partner von Ischgl! Die Schweiz sei unfreundlich ist eine sich wiederholende, schlecht begründete Behauptung. Und wir müssen uns jetzt rechtfertigen. Fakt ist: Ich stelle bei unseren 122 Hotels und den rund 1000 Ferienwohnungen in der Region viel Freundlichkeit fest.

Woher rührt denn die Kritik?

Oft ist die Kritik an der Schweiz eine Rechtfertigung für Skiferien im Ausland. Doch die Leute, die ihre Ferien in Österreich verbringen, kennen unser Produkt nicht und urteilen gegenüber dem Ausland grosszügiger. Kritisieren ist viel einfacher als loben.

Haben sich die Schweizer Hoteliers denn verbessert?

In den letzten drei Jahren hat sich sehr viel geändert. Die meisten unserer Hotels haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie haben in die Servicequalität investiert. Vom Chef bis zum Zimmermädchen muss man dem Gast täglich die beste Qualität bieten. Qualität beginnt jeden Tag bei null. Weil unsere Betriebe schon wegen der Schweizer Lohnkosten teurer sind als jene in Österreich, müssen wir uns für den Gast mehr anstrengen. Bestimmt gibt es aber Betriebe, die bei der Qualität Nachholbedarf haben.

Viele Kommentarschreiber von 20 Minuten behaupten, die wahrgenommene Unfreundlichkeit hänge mit dem vielen ausländischen Personal zusammen.

Das ist Quatsch. Auch in Österreich hat es viel ausländisches Personal im Tourismus. Warum soll ausländisches Personal in Österreich freundlicher sein als bei uns? Weil sie mehr Polen und Ungarn haben, während bei uns Deutsche und Österreicher dominieren?

Die Schweiz hat gegenüber dem Euroraum einen Wettbewerbsnachteil. Was können Sie dagegen noch machen?

Wären wir eine gewöhnliche Schweizer Produktionsfirma, würden wir mit Verlagerung ins Ausland drohen. Doch im Tourismus können und wollen wir das nicht. Zudem ist der Unterschied bei den Tourismusangeboten nicht so gross, wie er in der Debatte normalerweise gezeichnet wird. Ferien in der Schweiz sind für Schweizer deutlich günstiger als Österreich-Ferien für Österreicher!

Wo können die Schweizer Hotels optimieren?

Die Schweizer Betriebe müssen weiter zusammenspannen. Bis jetzt gibt es meist erst Kooperationen im Marketing. Wichtig ist, dass wir durch gemeinsame Aktivitäten unsere Kosten reduzieren. Hotels könnten beim Einkauf zusammenspannen. Ein weiterer Schritt wären Zusammenlegungen des Managements und Fusionen. Der Kostendruck zwingt uns rasch zu handeln. Doch das wird sich künftig als Vorteil gegenüber dem Euroraum herausstellen.

Die Wintersaison hat spät begonnen . Ist sie noch zu retten?

Bis jetzt liegen wir rund 20 Prozent hinter dem Vorjahresergebnis. Nun braucht es ideale Wetter- und Schneebedingungen an den Wochenenden. Klar ist: Petrus ist nach dem verregneten Sommer auch im Winter kein Touristiker. So schnell lassen wir uns aber nicht desillusionieren. In Samnaun liegen wir 10 Prozent im Plus, da die hochgelegene Destination früh öffnen konnte und Gäste von anderen Regionen anzog.

Wichtige Investitionen in Bergbahnen

Wer bei den Bergbahnen nicht investieren könne, sei schnell verhaltet, sagt Urs Wohler, Tourismusdirektor der Region Scuol Samnaun. Die beiden Skigebiete befinden sich laut Wohler aber in einer komfortablen Lage. Die Bahnen schreiben Gewinne und können ihre Infrastruktur ausbauen und erneuern. Die Silvretta Skiarena hat in den letzten zwei Jahren 100 Millionen Euro investiert. Aber auch in Scuol wurde in den letzten zehn Jahren rund 55 Millionen Euro investiert. Als nächster grosser Schritt erfolgt der Neubau der Sesselbahn Prui-Clünas und eine neue Piste, die nach dem Olympioniken Nevin Galmarini widmen, der Region stammt. (sas)

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