Weltwirtschaftsforum: Kritiker überlassen Davos den Konzernen
Aktualisiert

WeltwirtschaftsforumKritiker überlassen Davos den Konzernen

Die Erklärung von Bern und Greenpeace ziehen sich vom WEF zurück. Zum Abschied verleihen sie einen Preis für die skrupelloseste Firma aller Zeiten.

von
S. Spaeth
Kumi Naidoo, Chef von Greenpeace International, spricht anlässlich der Schmähpreisverleihung im Jahr 2012.

Kumi Naidoo, Chef von Greenpeace International, spricht anlässlich der Schmähpreisverleihung im Jahr 2012.

Für die Konzerne und Regierungschefs ist es eine gute Nachricht: Die Globalisierungskritiker der Erklärung von Bern (EvB) und Greenpeace ziehen einen Schlussstrich unter ihre Aktivitäten anlässlich des Weltwirtschaftsforums WEF in Davos, das jeweils Ende Januar stattfindet. Nach 15 Jahre wird das Public Eye – eine Art Anti-WEF – eingestellt, wie die Organisatoren in einer Medienmitteilung vom Mittwochmorgen schreiben. Mit der Wahl der skrupellosesten Firma des Jahres machten die Kritiker jeweils auf Menschenrechtsverletzungen und Umweltvergehen durch Unternehmen aufmerksam.

Als Grund für den Abschied aus Davos geben die Kritiker an, die Privatveranstaltung WEF habe stark an Strahlkraft verloren und sei der falsche Ort für politische Forderungen. Zudem würden sich diese – im Unterschied zum WEF – an demokratisch legitimierte Entscheidungsträger richten.

Zuger Rohstoffriese Glencore steht zur Wahl

Haben die Globalisierungskritiker Schiffbruch erlitten? «Nein, wir geben den Kampf gegen menschen- und umweltverachtende Unternehmen nicht auf, sondern heben ihn auf die politische Ebene», sagt EvB-Sprecher Oliver Classen auf Anfrage von 20 Minuten. Den Vorwurf, die Gegenveranstaltung zu WEF hätte sich zu Tode gelaufen, lässt die EvB nicht gelten. Das Public Eye verabschiedet sich laut Classen auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Über die Hälfte der über die Jahre eingegangenen Votes für den Schmähpreis sei allein 2013 erfolgt.

Anders als während den letzten Jahren rufen die Globalisierungskritiker diesmal nicht zur Wahl des skrupellosesten Unternehmens des Jahres auf. Wegen des bevorstehenden Abschiedes geht es um einen« Lifetime Award», den Schmähpreis fürs verantwortungslosteste Unternehmen aller Zeiten. Zur Wahl im Online-Voting stehen die Energiekonzerne Gazprom und Chevron, die Chemiefirma Dow Chemical, der US-Detailhändler Walmart, die Grossbank Goldman Sachs und der Schweizer Rohstoffkonzern Glencore.

Nominiert wurden die Firmen von einer Fachjury. Die Konzerne seien allesamt berühmt-berüchtigt für ihre umstrittenen Geschäftspraktiken, heisst es in der Medienmitteilung der EvB. Den Schmähpreis wollen die Globalisierungskritiker Ende Januar in Davos übergeben. Sofern sich diese an die Veranstaltung traue, so die Organisatoren.

«Konzerne verstehen nur Gesetze»

Als Hauptgrund für den Abschied von EvB und Greenpeace aus Davos nennen die beiden Organisationen «die Ankunft einer breiteren konzernkritischen NGO-Koalition in Bundesbern». Mit der Prüfung einer Volksinitiative, die rechtlich verbindliche Regeln für die weltweite Respektierung von Menschenrechten und Umwelt durch Schweizer Unternehmen erreichen wolle, sei die politische Kernforderung des Public Eye auf gutem Weg. «Unsere Botschaften wurden sehr wohl gehört und waren grosse Reputationsrisiken für die Konzerne. Wirklich zu verstehen und respektieren scheinen die Firmen aber nur Gesetze», begründet Classen den politischeren Fokus.

Auf die Frage, was die Public-Eye-Awards konkret bewirkt hätten, sagt Classen: «Die Mutter aller Schmähpreise hat mit Naming and Shaming dazu beigetragen, dass das Thema Unternehmensverantwortung auf den politischen Agenden steht – auch in der Schweiz. Konkret hat laut Classen die kurz zuvor mit dem Public-Eye-Award ausgezeichnete Barclays-Bank im Februar 2013 ihre spekulativen Nahrungsmittelgeschäfte eingestellt. Und die 2013 nominierte Schweizer Repower kappte gleichen Jahrs noch ihre Pläne für ein italienisches Kohlekraftwerk.

Vorgeschlagen zum schlimmsten Unternehmen aller Zeiten

Dow Chemical

Auch 30 Jahre nach dem Cheimieunfall in Bhopal lehnt der US-Konzern Dow Chemical immer noch jede Verantwortung für ein Unglück ab. Laut Kritikern sind beim Unglück 25'000 Menschen gestorben.

Chevron

Der texanische Ölkonzern Chevron ist laut Kritikern verantwortlich für die Verpestung riesiger Flächen unberührten Urwalds im Norden Ecuadors und somit für eine der schlimmsten Umweltkatastrophen überhaupt.

Gazprom

Der russische Energieriese Gazprom bohrt laut seinen Kritikern unter Missachtung internationaler Sicherheitsstandards in der Arktis nach Öl und gefährdet damit indigene Gemeinschaften, die lokale Tierwelt und das gesamte arktische Ökosystem.

Goldman Sachs

Die US Grossbank steht laut Kritikern für ihren Beitrag zur Eurokrise und das Profitieren von finanziellen Staatskrisen (z.B. in Griechenland), welche die US-Investmentbank selbst mit verursacht hat.

Glencore

Der Schweizer Rohstoffkonzern steht in der Kritik, weil er u.a. in Kolumbien, Sambia und Kongo systematisch schwache Regulierungen ausnutzen soll und durch Umweltverschmutzungen die Gesundheit der lokalen Bevölkerung gefährdet.

Walmart

Der weltgrösste Detailhändler verletzt laut Kritikern entlang seiner Wertschöpfungskette vielerorts elementare Menschen- und Arbeitsrechte und unterminiert durch sein Pseudo-Sicherheitsprogramm zudem effektive Reformbemühungen in der Textilindustrie.

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