09.11.2020 05:02

Milde Massnahmen gegen CoronavirusKritiker werfen Bund versteckte Durchseuchung vor

Die Massnahmen gegen die hohen Corona-Infektionszahlen genügen einigen Menschen nicht. Sie verdächtigen den Bund einer Strategie der kollektiven Immunität.

von
Bettina Zanni
1 / 10
Seit dem 28. Oktober hat der Bundesrat keine verschärften Massnahmen beschlossen. Zunehmend werden Stimmen laut, die hinter der zögerlichen Politik eine versteckte Durchseuchungsstrategie vermuten.

Seit dem 28. Oktober hat der Bundesrat keine verschärften Massnahmen beschlossen. Zunehmend werden Stimmen laut, die hinter der zögerlichen Politik eine versteckte Durchseuchungsstrategie vermuten.

KEYSTONE


Ein Aufkleber des Bundesamts für Gesundheit (BAG) weist auf das Social Distancing während der Corona-Krise hin, am Freitag, 16. Oktober 2020, im Bahnhof Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)



Ein Aufkleber des Bundesamts für Gesundheit (BAG) weist auf das Social Distancing während der Corona-Krise hin, am Freitag, 16. Oktober 2020, im Bahnhof Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)

KEYSTONE
Auch Hernâni Marques ist misstrauisch. Er sehe im aktuellen Vorgehen keine Eindämmungsstrategie, sagt der Informatiker, Soziologe und Petitionär von StopCovid. «Ein Lockdown wird schon gar nicht als Option erwähnt», sagt er mit Bezug auf ein Strategiepapier.

Auch Hernâni Marques ist misstrauisch. Er sehe im aktuellen Vorgehen keine Eindämmungsstrategie, sagt der Informatiker, Soziologe und Petitionär von StopCovid. «Ein Lockdown wird schon gar nicht als Option erwähnt», sagt er mit Bezug auf ein Strategiepapier.

KEYSTONE

Darum gehts

  • Trotz steigender Fallzahlen hat der Bund die Massnahmen gegen das Coronavirus nicht verschärft.

  • Zunehmend werden Stimmen laut, die hinter der zögerlichen Politik eine versteckte Durchseuchungsstrategie vermuten.

  • Das Bundesamt für Gesundheit stellt klar, dass die Schweiz keine Durchseuchungsstrategie verfolge.

  • Für Ethiker und Theologe Heinz Rüegger ist die Idee einer Durchseuchung des Volks nicht grundsätzlich verwerflich.

Die Infektionszahlen bleiben auf hohem Niveau. Letzte Woche knackte die Schweiz an zwei Tagen in Folge sogar die 10’000er-Marke. Trotzdem hat der Bundesrat seit dem 28. Oktober keine verschärften Massnahmen beschlossen. Zunehmend werden Stimmen laut, die hinter der zögerlichen Politik eine versteckte Durchseuchungsstrategie vermuten.

«Wir haben insgeheim auf Durchseuchung umgeschaltet. Aber kein Regierungsmitglied will es aussprechen», behaupten User wie Stefan Flatt auf Twitter

«Heimliche Durchseuchung wäre skandalös»

Auch Hernâni Marques ist misstrauisch. Er sehe im aktuellen Vorgehen keine Eindämmungsstrategie, sagt der Informatiker, Soziologe und Petitionär von StopCovid. «Es wäre absolut skandalös, wenn der Bundesrat heimlich auf eine Durchseuchung des Volks setzten würde, ohne dies transparent zu machen.»

Seinen Vermutungen Auftrieb gab Marques ein Papier der Behörden zur strategischen Grundlage. Die Massnahmen müssten so milde wie möglich ausgestaltet werden, besagt dieses etwa (siehe Box). «Darin ist ständig die Rede von Mitigation und möglichst wenigen Massnahmen. Ein Lockdown wird schon gar nicht als Option erwähnt», sagt er. Eine Durchseuchung hielte Marques für unverantwortlich. «Die Behörden dürfen nicht in Kauf nehmen, dass die Ärzte an den Anschlag kommen und Kinder plötzlich ihre Grosseltern verlieren.»

«Jeder hat das Recht auf Leben»

Empört äusserte sich auch Simon Gehren vom Projekt «Corona Zero – für eine Schweiz ohne Coronavirus» auf Twitter: «Ich habe nie zugestimmt, durchseucht zu werden.»

Seiner Meinung nach ist die Schweiz in eine Durchseuchung geraten, weil Bund und Kantone keine klare Strategie hätten. Er finde es erschütternd, wie viele Leute nun der Gefahr ausgesetzt seien, sich mit dem Virus anzustecken, so Gehren. «Dabei hat laut Verfassung jeder das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.» Der Bundesrat müsse seine Bürger deshalb schützen.

Die Verdachte seien jedoch unbegründet. «Die Schweiz verfolgt keine Durchseuchungsstrategie», stellt das BAG auf Anfrage klar. Auch die Taskforce lehnt eine Durchseuchung nach wie vor ab, wie die Experten auf Anfrage verlauten lassen. Sie kam im September zum Schluss, dass mit dieser Strategie eine drastisch steigende Anzahl Todesfälle und ein Kollaps des Gesundheitssystems drohten und die Epidemie nicht unter Kontrolle gebracht werden könne.

«Verdachte aus dem Reich der Fantasie»

Für den Ethiker und Theologen Heinz Rüegger kommen die Verdachte einer heimlichen Durchseuchung «aus dem Reich der Fantasie». Sei eine solche der Fall, bräuchte es die Übereinstimmung mit Kantonen und wissenschaftlicher Covid-Taskforce.

«Eine Durchseuchung ist keine Laissez-faire-Politik, bei der man die jungen Menschen ansteckt und die alten dabei ‹abkratzen› lässt», so Rüegger. Zuerst müsste der Bundesrat in die ausserordentliche Lage wechseln und klare Regeln herausgeben. «Zum Beispiel würde der Bundesrat sämtliche Massnahmen zurückfahren, sofern sichergestellt ist, dass das Gesundheitswesen bei einer Durchseuchung nicht an den Anschlag kommt.»

Ethisch sei Idee nicht verwerflich

Ethisch ist die Idee einer Durchseuchung des Volks laut Rüegger nicht grundsätzlich verwerflich. «Ethisch ist das, was der grössten Anzahl Personen den grössten Nutzen bringt, ohne einzelne unzulässig zu vernachlässigen.» Dass es dabei Opfer gebe, sei nicht zu vermeiden.

Auch mit dem bisherigen Vorgehen gegen die Pandemie hätten gewisse Menschen einen hohen Preis zu zahlen, sagt Rüegger. «Es gibt Menschen, die wegen der Massnahmen ihren Job oder ihr Unternehmen verloren haben. Das ist für sie eine Katastrophe. Über das Ganze gesehen glaubt der Bundesrat jedoch, dass die Massnahmen den grössten kollektiven Nutzen haben.»

Strategie des Bundes

Die strategischen Grundlagen zur Bewältigung von Covid-19 basieren auf einem gemeinsamen Grundverständnis. Dazu zählt unter anderem, dass die getroffenen Massnahmen so weit wie möglich auf die Eigenverantwortung der Schweizer Bevölkerung setzen. «Wie bis anhin werden die Massnahmen mit dem nötigen Augenmass und so milde wie möglich ausgestaltet.» Im Falle einer Zuspitzung der epidemiologischen Lage würden allerdings weitergehende Mitigationsmassnahmen ergriffen, die den Verlauf der Epidemie beeinflussen könnten, heisst es darin weiter. Verfasst wurde das auf den 22. Oktober datierte Papier von der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK) und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
85 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Hilf dir selbst der BR tut es nicht

09.11.2020, 09:00

Kritiker gibt es ja wie Sand am Meer..... Die einzig gangbare Merhode IST die Durchseuchung, darüber muss gar nicht diskutiert werden. Wenn wir mit diesen sogenannten, verordneten Schutzmassnahmen nicht endlich aufhören, wird unsere Gesellschaft und Wirtschaft so nachhaltig geschädigt, dass sie in 30 Jahren noch Corona Opfer behandeln muss, welche das Virus gar nie hatten! Wer seine 7 Sinne noch zusammen bringt, sollte sich darüber dringendst nachdenken. Unser BR tut das offensichtlich nicht und zur Verantwortung wird er dafür nie gezogen werden (können).

Gehts eigentlich noch

09.11.2020, 09:00

43% für eine Durchseuchung?? und das obwohl noch nichts definitiv klar ist, was Immunität und falls es sie gibt, ihre Dauer anbetrifft? Völlig verantwortungslos!!

Karl Strathmann

09.11.2020, 08:26

Das ist doch gut so, denn, was Jahrtausende funktioniert hat, wird auch in Zukunft funktionieren. Wie B... ist man mittlerweile eigentlich? Hat der Mensch wirklich die Meinung, Natur zu kontrollieren? Schon mal sich vorgestellt, wie klein und nichtig wir sind? Im Gesamten.. Verfügt ihr Menschen noch über diese Vorstellungskraft?