Türkei: Kritische Zeitungen sind plötzlich staatstreu

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TürkeiKritische Zeitungen sind plötzlich staatstreu

Der türkische Präsident geht kurz vor der Wahl hart gegen oppositionelle Medien vor. Zwei zuvor kritische Zeitungen drucken nun Lobeshymnen auf Erdogan.

von
mlr
Die Titelseiten der türkischen Zeitungen «Millet» und «Bugün» zeigen in den Freitagsausgaben Präsident Erdogan.

Die Titelseiten der türkischen Zeitungen «Millet» und «Bugün» zeigen in den Freitagsausgaben Präsident Erdogan.

Man braucht sich bloss die Titelbilder der beiden türkischen Tageszeitungen «Millet» und «Bugün» vom Freitag anzusehen und sie mit den am Mittwoch veröffentlichten Frontseiten zu vergleichen, um zu verstehen: Hier sind nicht mehr die gleichen Journalisten am Werk.

Vor zwei Tagen war auf der «Millet»-Front unter der Zeile «Blutiger Putsch» die blutverschmierte Hand eines Journalisten zu sehen, der seinen Presseausweis in der Hand hält. Er war am Mittwoch verletzt worden, als die Polizei in Istanbul mit Kettensägen vor laufenden Kameras die Kontrolle über die zwei regierungskritischen Fernsehsender Bugün TV und Kanaltürk übernahm. Wie die Zeitungen gehören die TV-Sender zum Koza-Ipek-Konzern, der Akin Ipek gehört – einem Erzfeind Erdogans.

Am Freitag prangt auf der «Millet»-Titelseite Recep Tayyip Erdogan, wie er zum 92. Jahrestag der Republikgründung in einer offenen Limousine an Fahnen schwenkenden Menschen entlangfährt. Darüber steht die Zeile «Die ganze Türkei ein Herz».

Kommentare weichen unkritischen Meldungen

Ähnliches Spiel bei «Bugün»: Am Mittwoch noch zeigte das Blatt ein Bild von Polizisten, die gewaltsam in das Gebäude des Medienkonzerns eindringen. Am Freitag titelt sie «Die Republik auf den Plätzen» und zeigt Erdogan, wie er eine Militärparade abnimmt. Laut «Welt» sind beide Publikationen voll von Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Kritische Kommentare bekannter Autoren, wie man sie sonst findet, fehlen.

Der Grund? Türkische Sicherheitskräfte hatten ihre Zwangsmassnahmen gegen den Medienkonzern Koza-Ipek ausgeweitet: «Bugün» und «Millet» konnten am Donnerstag nicht erscheinen. «Bugün«-Chefredakteur Erhan Basyurt sagte im Fernsehen, ihm sei ein «schriftliches Verbot» der Veröffentlichung vorgelegt worden.

Wie die «Welt» schreibt, wurden die Chefredaktoren und Redaktionsleiter der Zeitungen entlassen. Nach einer Mitarbeiterversammlung am Donnerstagmorgen wurden bei «Bugün» mehrere Journalisten entlassen. Zwei Redaktoren müssen gehen, weil sie während der Versammlung ihre Stimme erhoben hatten.

Verdacht der «Terrorfinanzierung»

Erdogan rechtfertigte die Massnahmen gegen den Medienkonzern im Fernsehen damit, dass Koza-Ipek-Chef Akin Ipek ins Ausland «geflüchtet» sei. Wenn es stimme, dass es «keine Unregelmässigkeiten» gebe, wie Ipek das behaupte, dann müsse er «in seinem Land bleiben», verlangte Erdogan.

Die Justiz hatte das Unternehmen am Montag unter Zwangsverwaltung gestellt. Die Staatsanwaltschaft begründete das mit dem Verdacht der «Terrorfinanzierung» und «Propaganda».

Der Koza-Ipek-Konzern, der auch im Bergbau und im Energiesektor aktiv ist, steht der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen nahe. Gülen, ein ehemaliger Unterstützer von Erdogan, hatte sich vor zwei Jahren mit der islamisch-konservativen Regierung überworfen. Seitdem wirft Erdogan dem in den USA lebenden Gülen einen Umsturzversuch vor. Gülen weist die Anschuldigungen zurück.

In der Türkei ist das politische Klima seit Monaten extrem aufgeheizt, am Sonntag wird ein neues Parlament gewählt. In diesem Umfeld war am 10. Oktober ein Anschlag auf eine Friedensdemonstration in Ankara verübt worden, bei dem 102 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt wurden. (mlr/sda)

Medien prangern Angriffe auf Pressefreiheit an

Rund 50 internationale Medien haben den türkischen Präsidenten in einem offenen Brief aufgerufen, die Pressefreiheit im Land zu garantieren.Zu den Unterzeichnern zählen Chefredaktoren und andere leitende Vertreter der «New York Times», der Nachrichtenagentur AFP, der «Süddeutschen Zeitung», von ARD und ZDF, der «Welt«-Gruppe und N24, von «La Stampa» und VICE Media.Die Medien teilen dem Brief zufolge die Besorgnis, dass die jüngsten Vorfälle in der Türkei «Teil einer konzertierten Kampagne sind, um jegliche Opposition oder Kritik an der Regierung im Vorfeld der Wahl zum Schweigen zu bringen».

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